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Simon Froehling lernte früh, was es bedeutet, anders zu sein. Auf Lesetour kehrt der Autor in seine Kindheitsregion zurück.
Schriftsteller Simon Froehling ist in Riniken aufgewachsen, heute lebt der Autor und leitende Tanzdramaturg in der Limmatstadt. (Bild: zVg | Dieter Kubli)

Simon Froehling hat sich in den letzten gut zwanzig Jahren hauptsächlich als Lyriker und Dramatiker mit Theaterstücken und Hörspielen einen Namen gemacht. Nun hat er einen zweiten Roman geschrieben. «Dürrst» lässt beim Lesen aufs Heftigste erfahren, was es heisst, anders zu sein – anders zu lieben, anders zu ticken, und sich nicht in bekannten, heteronormativen Mustern zu bewegen.

Heute arbeitet er Teilzeit als leitender Dramaturg und stellvertretender künstlerischer Leiter am Tanzhaus in Zürich, wo er auch wohnt. «Ich habe lange Theater gemacht und bin so in den Tanz gerutscht», erzählt er darüber, wie es zur Arbeit in der Tanzwelt kam. 

Anderssein
Aufgewachsen ist der Literat in Riniken. Seine Mutter stammt aus Australien, der Vater ist Schweizer. «Meine Eltern trennten sich früh, damals war ich eines der ersten Kinder mit einer alleinerziehenden Mutter in Riniken», erinnert sich Froehling. Zusammen mit seiner Muttersprache Englisch sei dies das zweite Merkmal gewesen, durch das er aufgefallen sei und das ihn zeitweise zum Aussenseiter machte. «Das Anderssein hat mich begleitet, seit ich denken kann, doch ich fühle mich auch oft wohl in dieser Rolle», sagt der Schriftsteller, der auf Deutsch schreibt, das Englische aber seine Kindheitssprache nennt. «Es ist die Sprache, mit der ich Emotionen viel besser ausdrücken kann», bekennt der Autor.

Die Erfahrungen des Andersseins, die der Künstler bereits als Kind machte, erweiterten sich als Jugendlicher um etliche Dimensionen. «Ich merkte sehr früh, dass auch in Sachen Sexualität etwas anders war. Wobei ich damals das Wort überhaupt noch nicht kannte und es einige Jahre dauerte, bis ich mich artikulieren konnte», reflektiert Froehling die Zeit seiner Identitätssuche, in der er merkte, dass er sich vom gleichen Geschlecht angezogen fühlte. Parallel zu dieser Erkenntnis musste er erfahren, dass das nicht gehe. «Das durfte damals nicht sein, und als Jugendlicher versucht man zunächst, die Gefühle zu unterdrücken und sich anzupassen, um gleich zu sein wie die anderen», erzählt der 45-Jährige.

Im neuen Roman geht es um Entscheidung und Behauptung. (Bild: zVg | Dieter Kubli)

Dazugehören
An «Dürrst» arbeitete er ungefähr zweieinhalb Jahre. «Die Figur ist aber schon früher entstanden, kurz nach meinem ersten Roman», berichtet er über den Entstehungsprozess seines neuesten Werks. Richtungsweisend für dessen Entwicklung sei auch die Anfrage der «Republik» im Jahr 2017 gewesen, einen Beitrag über bipolare Störungen für das Magazin zu schreiben. «Da fanden das Thema und die Figur, die ich schon früher in der Schublade hatte, zusammen» erzählt der Literat.

Der erste Satz für sein Buch sei auf einer Reise nach Griechenland auf einmal vor ihm gestanden, erinnert sich der Schriftsteller: «Du bist gesund genug, dich zu verlieben.»

Die Erzählstimme in Froehlings neuem Roman hat sich für ein ungewöhnliches Erzählverhalten entschieden. Der personale Erzähler erzeugt durch das Stilmittel der Apostrophe, der Anrede – im Roman ist es das Du – eine zärtliche Distanz, doch die intime Nähe der Erzählperspektive selbst hebelt sie doppelt wieder aus, sie wirkt wie ein Brennglas beim Lesen dieses waghalsigen, intensiven Romans. Die Geschichte setzt ein, als sich der Industriellensohn und Konzeptkünstler Andreas Durrer, der seit frühen Jahren so stark unter psychischen Problemen leidet, dass er sich als Erwachsener immer wieder selbst in stationäre Behandlung begibt, nach langjähriger Therapie und medikamentöser Irrfahrt entscheidet, gesund genug für die Liebe zu sein. Was sich zunächst gut anlässt, wird zunehmend desaströs; Durrers Entscheidung wird zur schieren Behauptung. Das exzessive Leben in den scheinbaren Freiräumen der Besetzer-, Kunst- und Schwulenszene mutiert zum Alptraum. «Dürrst» erzählt mit einer kaum fassbaren Emphase die Geschichte über eine bipolare Störung, schwule Lebenswelten, Freundschaft und unbändigen Lebenswillen.

Zurückkehren
Die Trennung zwischen ihm, dem Autor, und der Erzählstimme, die mit dem Protagonisten einen stetigen Dialog führt, sei vollständig vorhanden, so Froehling. «Wenn man das Buch liest und meine Biografie kennt, kann der Eindruck von einer autobiografisch durchsetzten oder gefärbten Erzählung entstehen», ist sich Simon Froehling bewusst. Beim Schreibprozess habe ihn nicht so sehr die Distanzfrage gefordert, als vielmehr die Sprache. «Eine Sprache zu finden, die für die verschiedenen Zustände der Krankheit funktionierte, war diffizil.»

Die Lesetour wird ihn auch zurück in die Region seiner Jugendzeit führen. «Im kleindörflichen Aargau habe ich leider nicht die besten Erfahrungen gemacht», gibt er offen zu. Nun als Autor zurückzukehren mit seinem neuen Roman, in dem die Sexualität nebst der Krankheit und dem Künstlerdasein ein zentrales Thema ist, falle ihm nicht leicht, auch wenn dies eine irrationale Verknüpfung sei, wie er betont. Durch die Themenwahl exponiere er sich. «Es ist meine Art der Vermittlungsarbeit, die Berührungspunkte mit diesen Themen schafft, und manchmal ist sie anstrengend.» Doch dies sei sein Beitrag dazu, über psychische Krankheiten zu reden und Berührungsängste mit Formen des Andersseins abzubauen. «Ich freue mich immer auf die Gespräche, die an den Lesungen entstehen.»

Mittwoch, 29. März, 20 Uhr
Orell Füssli, Langhaus 4, Baden