«Eine Wahl zu haben, ist ein grosses Privileg»

Claudio Erdin ist stellvertretender Geschäftsleiter beim Aargauischen Gewerbeverband (AGV) und verantwortlich für die Aargauische Berufsschau 2023. Rückblickend ist er froh, dass er sich vor 20 Jahren fürs KV entschieden hat. Junge Menschen bei der Berufswahl zu unterstützen, ist dem 39-Jährigen ein grosses Anliegen. Dafür engagiert er sich nicht nur bei der Aargauischen Berufsschau, sondern auch mit dem Projekt «Schule trifft Wirtschaft».
Claudio Erdin: «Man muss den jungen Menschen von heute berufliche Perspektiven bieten.»

Claudio Erdin, wenn Sie das Rad nochmals zurückdrehen könnten: Würden Sie wieder das KV machen?
Eine schwierige Frage. Im kaufmännischen Bereich kann ich meine Fähigkeiten sicher optimal einbringen. Hingegen denke ich manchmal, ein handwerklicher Beruf hätte mir auch gefallen. Und beim jetzigen Fachkräftemangel hätte ich damit gute Perspektiven (schmunzelt). Ich habe damals relativ lang mit der Kanti geliebäugelt. Als mein Schnitt nicht reichte, habe ich mich aufs KV festgelegt. «Damit hast du eine gute Basis», hiess es damals.

Bekamen Sie bei der Berufswahl viel Unterstützung?
Natürlich habe ich mein Netzwerk bemüht, aber ich verspürte den Druck der Eltern, die fanden, es sei langsam Zeit, mein eigenes Geld zu verdienen (schmunzelt). Zahlreiche Bewerbungen zu schreiben, war für mich eine aufwendige Fleissarbeit – doch am Ende machte sie sich bezahlt.

Was raten Sie jungen Menschen, die vor der Berufswahl stehen?
Auf die erfahrenen Leute zu hören. Das müssen nicht immer die Eltern sein. Hilfreich sind auch Personen aus dem eigenen Umfeld, die selbst ihre beruflichen Ups and Downs durchgemacht haben. Mit 13 Jahren das Telefon in die Hand zu nehmen, potenzielle Arbeitgeber anzurufen und unzählige Bewerbungen zu schreiben, ist ein Knochenjob, bei dem man Unterstützung und Motivation gebrauchen kann. Wichtig finde ich, dass man die Berufswahl realistisch angeht – und dabei auch mal einen Traum begräbt.

Apropos Visionen: Wenn Sie an Ihre eigene KV-Lehre denken – was ist heute besser?
In dieser Hinsicht bin ich etwas ambivalent. Gerade das KV ist sehr theoretisch geworden, der Praxisbezug leidet manchmal. In den handwerklichen Berufen sieht es anders aus: Hier kann man klare fachliche Skills abholen – und sieht ein konkretes Resultat. Generell habe ich den Eindruck, dass die Ausbildungen spezifischer geworden sind. Das sieht man an der Anzahl Berufe, die heute rund 250 beträgt. An der Berufsschau, die unser Verband vom 5. bis 10. September organisiert, sind diese zu einem grossen Teil vertreten.

Eine beeindruckende Vielfalt! Ist das nicht auch verwirrend?
In der Tat: Dieser Dschungel ist schwierig zu überschauen, und die Anforderungen sind gestiegen. Heute muss man sich für eine Schnupperlehre bewerben. Bei der Vergabe von Lehrstellen wird teilweise mit Assessments gearbeitet – das sind Instrumente, wie wir sie von der Rekrutierung bei Kaderstellen kennen. Kommt hinzu, dass der Zeitraum für die Berufswahl beschränkt ist. Man muss sich relativ rasch festlegen. Der AGV versucht – unter anderem mit der Berufsschau – hier unterstützend zu wirken, mit Infomaterial, dem Briefing von Lehrpersonen, speziellen Rundgängen. Auch die Eltern laden wir gezielt ein.

Spielen diese bei der Berufswahl eine grosse Rolle?
Sie sind sehr wichtig – vor allem wenn es ums Abwägen einer akademischen Laufbahn gegenüber einer Berufsbildung geht. Oft kennen die Eltern die Möglichkeiten des dualen Berufssystems zu wenig und richten sich ganz auf den akademischen Weg aus. Als Wirtschaftsverband ist uns wichtig, diesen nicht zu verteufeln. Wenn sich jemand dafür eignet, ist das super. Aber viele machen heute die Matur, weil sie sich nicht mit der Berufswahl befassen wollen oder denken, sie hätten anderswo weniger Möglichkeiten. Dabei würden sie sich gut für einen Beruf eignen – und die Matur kann man ja auch auf diesem Weg machen.

Was macht der AGV, um der zunehmenden Akademisierung entgegenzuwirken?
Wir sind auf breiter Front unterwegs, sowohl der AGV als auch unser Dachverband, der Schweizerische Gewerbeverband. Und wir stehen in Kontakt mit dem Bund, der gewisse Dinge festlegt. Wir müssen aktiver sein als früher, das gilt auch für die Berufsverbände und die regionalen Gewerbevereine. Heute haben wir ganz klar einen Arbeitnehmermarkt, und es ist schwierig geworden, alle Lehrstellen zu besetzen. Das versetzt die Unternehmen in einen Wettbewerb. Je stärker ich mich als Ausbildungsbetrieb positioniere, desto eher habe ich Chancen bei den Jugendlichen. Die jungen Menschen von heute wollen nicht einfach schnell Karriere machen, eine Führungsposition, gut Geld verdienen. Sie streben Flexibilität an und wechseln schneller, wenn ihnen etwas nicht passt. Das sollte man als Arbeitgeber aufnehmen. Man muss den jungen Menschen Perspektiven bieten, Unterstützung, Vertrauen, Wertschätzung und eine gute, individuelle Art von Führung.

Grosse Firmen haben ein Marketingbudget, mit dem sich Lehrlinge locker anwerben lassen. Wie aber werden kleine Betriebe attraktiv für Lernende?
Auch Kleinbetriebe dürfen selbstbewusst auftreten: Sie bieten den Lernenden breite Tätigkeitsfelder, individuelle Betreuung und ein familiäres Umfeld. Aber sie müssen sich unbedingt lokal vernetzen und mit der Schule einen guten Kontakt pflegen, damit diese einen Bezug zum örtlichen Gewerbe hat. Vieles funktioniert über Beziehungen. Ein Kleinbetrieb kann etwa Schulklassen durch den Betrieb führen, einen Tag der offenen Tür organisieren, sich für Bewerbungstrainings zur Verfügung stellen. Ich bin überzeugt: Dieses Engagement rechnet sich.

Mit unserem Programm «Schule trifft Wirtschaft» sind wir exakt in diesem Bereich tätig. Viele Unternehmen haben auf regionaler und lokaler Ebene tolle Projekte ins Leben gerufen und Angebote geschaffen, die man übernehmen kann. Uns schwebt am Ende eine attraktive Ideen- und Erfahrungsbörse vor, die vom AGV unterstützt und gefördert wird.

Hand aufs Herz: Wie geht Ihre eigene berufliche Laufbahn weiter?
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass immer wieder ein Türchen aufgeht: Darauf baue ich. Und ich kann mir gut vorstellen, dereinst nochmal etwas komplett anderes zu machen, vielleicht etwas Selbstständiges. Diese Wahl zu haben, ist ein grosses Privileg. Wie haben meine Eltern gesagt?: «Das KV ist eine solide Grundlage.» Mir stehen also noch viele Türen offen.