Der Wille zum Miteinander

Seit zweieinhalb Jahren leitet Renate Trösch die Koordinationsstelle Alter Region Brugg. Das hat ihr Sensorium für die Vielfalt des Alterns geschärft.
Derzeit noch in den Räumen der Pro Senectute Brugg, Anfang 2024 zügelt Renate Trösch ihr Büro in die Gemeindeverwaltung Windisch. (Bild: cf)

Bis ins Jahr 2040 wird sich in der Region Brugg-Windisch-Eigenamt die Zahl der über 60-Jährigen von heute etwa 8700 auf rund 13 500 Menschen erhöhen. «Diese Personengruppe umfasst unterschiedliche Altersgruppen mit unterschiedlichen Bedürfnissen und unterschiedlichen Gesundheitszuständen. Für sie müssen Dienstleistungen, Angebote und genügend Beteiligungsmöglichkeiten geschaffen werden», heisst es im regionalen Altersleitbild, das 2021 überarbeitet wurde.

Krach mit der Schwiegertochter
Eine zentrale Akteurin bei der Umsetzung dieses Altersleitbilds ist die Koordinationsstelle Alter Region Brugg. Seit März 2021 wird sie von Renate Trösch geleitet: «Die Jugendarbeit ist in den Gemeinden der Region erfasst. Die Alterspolitik hingegen ist noch nicht in den Köpfen aller Gemeinderäte.» In den beiden bisherigen Jahresberichten gibt die 55-Jährige Einblick in ihre Beratungstätigkeit, die 58,5 Prozent ihrer 50-Prozent-Stelle beansprucht. So steht beispielsweise im Jahresbericht 2021: «Meine Partnerin ist vermehrt vergesslich und orientierungslos. Ich habe Angst, dass sie Alzheimer hat. Ich bügle immer alles aus, aber ich komme an meine Grenzen und kann nicht mehr so weitermachen. Was soll ich tun?»; «Ich habe vor drei Jahren meine Frau verloren. Inzwischen fühle ich mich sehr einsam. Gern möchte ich eine neue Partnerin an meiner Seite. In welchen Zeitschriften kann ich kostengünstig inserieren?» Im Jahresbericht 2022 heisst es: «Eine Seniorin hat sich mit der Schwiegertochter verkracht und konnte von einem Tag auf den anderen ihre Grosskinder nicht mehr hüten. Deshalb ging es ihr psychisch schlecht, und sie suchte nach einer Beschäftigung. Sie konnte vermittelt werden an die Spielgruppe des Frauenvereins und ist wieder glücklich, Kinderlachen um sich zu haben.»

Eines ergibt das andere
Rund 65 Prozent der Aargauer Gemeinden betreiben gemäss einer kantonalen Erhebung Alterspolitik. Das Besondere an der Koordinationsstelle Alter Region Brugg ist, dass sich die Trägerschaft aus acht ganz unterschiedlichen Gemeinden zusammensetzt. Renate Trösch freut sich: «Am 1. Januar 2024 wird auch Villigen dazugehören.» Dass aber nicht alle 20 Gemeinden von Brugg Regio die Koordinationsstelle mittragen, ist in ihrem Arbeitsalltag immer wieder eine Herausforderung. Renate Trösch skizziert das am Beispiel der Sunntigsfahrt, organisiert vom Gemeindeschreiber von Windisch, Stefan Wagner, zusammen mit der Koordinationsstelle. «Das Echo war enorm», so Renate Trösch. «Doch die Teilnehmenden kamen aus der ganzen Region, nicht nur aus den Trägergemeinden.» Zukünftig muss also entschieden werden, ob mit zwei Cars gefahren wird oder ob nur Teilnehmende aus den Trägergemeinden mitkommen dürfen. Die Sunntigsfahrt hat zudem ein anderes Altersthema ins Bewusstsein geholt. Renate Trösch: «Die dafür erhobene Tagespauschale von 70 Franken war für viele zu hoch.» Deshalb gibt es ab dem 1. Oktober in Zusammenarbeit mit dem Seniorenrat Brugg alternierend zur Ausfahrt einen Mittagstisch, um der sonntäglichen Einsamkeit entgegenzuwirken.

Alterspolitik schafft Mehrwert
Ob Alter und Migration, ob Überal-terung der Seniorenorganisation Forum 60 plus und der Seniorenvereinigung Birr-Lupfig, ob Mobilisierung der Jungseniorinnen und Jungseniorinnen für freiwillige Engagements, ob Alter und Kriminalität oder die Bekanntmachung der kostenlosen Dienstleistungen der Koordinationsstelle Alter Region Brugg (alter-region-brugg.ch). Renate Trösch war selbst zehn Jahre lang Gemeinderätin in Habsburg und als solche an der Schaffung der Koordinationsstelle beteiligt. Nun auf der anderen Seite zu wirken, hat ihren Blickwinkel für die Bedürfnisse der alternden Bevölkerung deutlich geweitet. Ihr Resümee: «Obwohl eine Lawine an Themen auf uns zukommt, ist es grundsätzlich positiv, dass wir alt werden dürfen.»