Parterre 101 stand für Zusammenleben

Mit Parterre 101 haben sich Bewohnende an der Zentralstrasse 101 vor 50 Jahren einen Treffpunkt geschaffen. Nun geht das Kapitel zu Ende. Das Angebot wird nach 50 Jahren eingestellt.
Am oberen Tischende die Dritte von rechts: Anita Volker. (Bild: pg)

Anfang der 1960er-Jahre entstanden das Scheibenhochhaus und die 19-geschossigen Turmhochhäuser an der Zentralstrasse und der Alberich-Zwyssig-Strasse. Noch heute dominieren sie das Dorfbild von Wettingen. Anita Volker war mit ihrem Mann Bruno, der vergangenes Jahr starb, vor 61 Jahren in das neu erstellte Hochhaus, Zentralstrasse 101, in eine der rund 100 Wohnungen gezogen, wo sie drei Kinder grosszog. Anita Volker war ausserdem Mitgründerin der zur Pfarrei St. Anton gehörenden Gruppe von Freiwilligen, Mensch zu Mensch, die sich zum Ziel gesetzt hatte, Angebote für Menschen in der Pfarrei zu schaffen. Es sei damals noch die Zeit gewesen, so Anita Volker, in der die Männer der Arbeit nachgegangen seien und die Frauen sich um den Haushalt und die Kinder gekümmert hätten.

Diskretion war wichtig
Im Wissen, dass im Parterre der Liegenschaft noch Räume frei waren, gelangte man 1973 mit der Bitte an die Verwaltung, diese bei schlechtem Wetter für die Kinderbetreuung nutzen zu dürfen. «Obwohl das Raumangebot anfänglich mit einem Kindergarten geteilt werden musste, war die Freude über die Zusage gross», erinnert sich Anita Volker.

Am 19. Januar 1974 war es so weit. Zum ersten Mal trafen sich Bewohnende in den als Parterre 101 bezeichneten Räumen, um gemeinsam Kaffee, Tee und selbst gebackene Kuchen zu geniessen. Seit der Eröffnung des Quartiertreffs fanden sich stets engagierte Bewohnende, die sich freiwillig und uneigennützig für die Mitbewohnenden einsetzten. Dadurch und dank einer Kollekte war das Angebot selbsttragend. Für Anita Volker war aber auch die Akzeptanz von Menschen wichtig, die durch schwierige Lebensumstände oder Einsamkeit eigenwillig und verbittert wurden. «Ich bekam über all die Jahre viele, teils schwere Schicksale zu Gehör, welchen ich absolute Diskretion entgegenbrachte», so die engagierte Rentnerin.

Es ist unbestritten: Das Angebot der wöchentlichen Kaffeestube über 50 Jahre hinweg vor allem für ältere Mitbewohnende aufrechtzuerhalten, war eine Herausforderung. Erfreulicherweise konnte immer wieder zu Anlässen wie Lotto, Grillfesten, Suppen­znacht, Weihnachtsfeiern und vielem mehr eingeladen werden. «Unvergesslich bleiben die Zentrumsfeste, die wir auf der Wiese zwischen den Hochhäusern ausgerichtet haben», fügt Anita Volker an. Dass das alles nur dank vielen freiwilligen Helfenden möglich war, steht ausser Frage. Parterre 101 wurde zu keiner Zeit als Verein geführt, und derzeit lässt die Zahl der Aktiven eine Weiterführung des Angebots nicht zu. Schweren Herzens hat man sich nach 50 Jahren deshalb entschlossen, das Kaffeestubenangebot und die Durchführung von Anlässen einzustellen.

Künftige Nutzung möglich
«Im Einverständnis mit der Terresta Immobilien und Verwaltungs AG bleiben wir aber noch als Parterre 101 bestehen und bieten freiwillig die Vermietung der Freizeiträume an, die wie bis anhin für persönliche Anlässe gemietet werden konnten. So haben die Bewohnenden weiterhin die Möglichkeit, sich zu begegnen, sich auszutauschen, sich besser kennenzulernen und gemeinsam zu feiern. Da alle dazu beigetragen haben, ist es uns während 50 Jahren gelungen, in der Zentrumsüberbauung ein friedvolles Zusammenleben zu gestalten», schliesst Anita Volker.