Brugg | Windisch – In einer ersten Auslegeordnung skizzierte die Tessiner Nuklearforscherin Annalisa Manera die aktuelle Lage in Sachen Atomstrom: «Während Deutschland und die Schweiz nach der Katastrophe von Fukushima den Ausstieg beschlossen haben, wird diesbezüglich weltweit massiv aufgerüstet.» Offensichtlich habe die Angst vor dieser Form der Energiegewinnung an Kraft verloren. Manera sagte warnend: «Sollten die Atomkraftwerke Gösgen und Leibstatt in absehbarer Zeit vom Netz genommen werden, haben wir wirklich ein grosses Problem.» Und sie gab zu bedenken: «Wir dürfen nicht warten und in 20 Jahren plötzlich sagen: ups!»
Auf die Frage, was denn zu tun sei, liess Manera durchblicken, dass kein Weg an neuen Atomkraftwerken vorbeiführe. Punkto Sicherheit seien die neuen Reaktoren sehr viel ausgereifter als die alten. Doch diese könne man mit Nachrüstungen auf den aktuellen Stand der Sicherheitsstandards bringen. Was den Bau neuer Anlagen betreffe – so sich das Stimmvolk überhaupt grundsätzlich dafür entscheide –, seien mit politischen und finanziellen Fragen beträchtliche Hindernisse zu bewältigen. Lassen sich überhaupt Investoren finden, die sich bei so kontroversen und langfristigen Projekten erheblich engagieren wollen? Wie lässt sich eine Mehrheit zum Beispiel hinsichtlich einer allfälligen Standortfrage überzeugen?
Schliesslich äusserte sich Manera noch zu den Kosten, die für ein neues AKW anfallen würden: «Das kommt natürlich auf den Standort an. In anderen Ländern wäre das bedeutend günstiger.» – «Wie viel denn?» – «In Nordkorea müsste man mit sechs Milliarden rechnen.» – «Und in der Schweiz?» – «Das Doppelte, mindestens.» Als Alternative seien sowohl Solarstrom- als auch Windkraftanlagen unrealistisch, da deren Potenzial bei Weitem nicht ausreiche, um die auftretenden Lücken – besonders was den Strombedarf im Winter betreffe – zu füllen.
«Vorwärtsmachen»
Nun lud Moderator Reto Brennwald («Rundschau», «Arena», «Dok», «Reporter») die Podiumsteilnehmer auf, sich zu der ganzen Problematik zu äussern. Regierungsrat Stephan Attiger sprach wie vor ihm schon Manera von der Schwierigkeit, im Winter genügend Strom zur Verfügung zu haben, und sagte: «Wir sind bei der Lösung dieser Fragen weitgehend nicht auf Kurs.»
Benjamin Giezendanner, Nationalrat und Präsident des Aargauischen Gewerbeverbands, hielt fest: «Wir haben Solar- und Windkraft gefördert und die Atomkraft kaputt gemacht. Wir sind nicht mehr konkurrenzfähig. Wir brauchen neue Atomkraftwerke, möglichst schnell.»
Als direkt Betroffener äusserte sich der Unternehmer Claude Werder, dessen Firma für Feinwerktechnik erhebliche Mengen an Strom benötigt. Früher seien die Kosten dafür tendenziell gesunken, während sie nun um das x-Fache anstiegen. Und er fuhr fort: «Wir brauchen unbedingt neue Atomkraftwerke. Allerdings gibt es bei uns ja immer neue Einsprachen, und zwar gegen alles. Wie das weitergehen soll – ich weiss es nicht.»
Eugen Pfiffner, CEO der IBB Energie AG, sagte mahnend: «Wir müssen uns auf einen ganzen Blumenstrauss von verschiedenen Energieformen fokussieren und nicht nur an Atomstrom denken.» Sowohl Giezendanner als auch Attiger sehen in Gaskraftwerken eine Übergangslösung, die zeitnah realisiert werden könnte. – Mehrfach wurde darauf verwiesen, dass es nicht nur um die Produktion von Strom, sondern ebenso um deren Speicherung geht – und die Übertragung, die Netzkapazität, muss den Erfordernissen angepasst werden.
Reto Brennwald resümierte: «Wir müssen wirklich vorwärtsmachen.» Gleichzeitig bedauerte er aber mit Hinblick auf die Einmütigkeit der Podiumsteilnehmer: «Leider fehlt uns die links-grüne Stimme in unserer Runde.»
Nobelpreis für Attiger!
Sozusagen als Kontrapunkt zur schwerwiegenden Problematik heiterte der Satiriker Michael Elsener das Publikum mit Ausschnitten aus seinem Bühnenprogramm auf, angereichert mit witzigen Bemerkungen zu lokalen Themen (Sicherheit auf dem Bahnhofgelände, Alkoholverbot auf dem Neumarktplatz) und dem soeben auf dem Podium Gesagten. Dabei forderte er den Mathematiknobelpreis für Stephan Attiger, dem es im Rahmen seiner Forschungsarbeit gelungen war festzustellen, dass es von heute an (2025) bis zum Jahr 2050 (Netto-Null-Ziel) gleich lang dauere wie vom Jahr 2000 bis heute.
Die musikalische Umrahmung übernahm die Tessiner Sängerin Julie Meletta mit ihrem sinnlichen Gesangsvortrag. Dario Abbatiello bedankte sich als Präsident der KMU Region Brugg bei allen Protagonisten und lud zum anschliessenden Apéro riche ein.