Hausen | Brugg – Man könnte es als eine schicksalshafte Fügung bezeichnen: Der 99. Geburtstag von Rösli Klöti-Rüegger war zugleich ihr Todestag. Sie verlor in den letzten Tagen die Kraft zum Sprechen, blieb aber geistig wach und verabschiedete sich, auf das Sterben gefasst, bei Bewusstsein von ihren Liebsten. Kurz zuvor unterzog sie sich noch einem medizinischen Eingriff und nahm an einem Anlass des Kiwanis Clubs Brugg teil, mit dem sie seit 40 Jahren verbunden war, zuerst durch den Gatten und zuletzt durch den amtierenden Präsidenten, einen ihrer Söhne.
In der Todesanzeige würdigte die Trauerfamilie einen prägenden Wesenszug der Verstorbenen mit der Feststellung, sie habe ein langes und selbstbestimmtes Leben geführt. Dafür – und für das anregende Umfeld – war sie dankbar, wie sie in ihrem mit 95 Jahren selbst verfassten Lebenslauf schrieb. Darin erwähnte sie auch das schmerzvollste Erlebnis ihrer Jugendzeit: Achtjährig verlor sie den Vater, der eine Sägerei und Holzhandlung betrieb, an Krebs. Die Mutter zog mit Tochter und Sohn nach Rothrist, wo sie mit dem Grossvater und zwei Tanten eine neue Familiengemeinschaft bildeten.
In Rothrist wuchs auch ihr zwei Jahre älterer, späterer Gatte Ernst Klöti auf. Sie machte eine KV-Lehre auf einer Bank, er eine Verwaltungslehre in der Gemeindekanzlei Vordemwald und anschliessend die berufsbegleitende Ausbildung zum Notar. Danach heirateten die beiden und verlegten den Wohnsitz vom Westaargau in den Bezirk Brugg. Denn Ernst Klöti wurde 1952 als erster vollamtlicher Gemeindeschreiber, Zivilstandsbeamter, Finanzverwalter und Steueramtsvorsteher nach Hausen gewählt. Der in allen Verwaltungsaufgaben und zudem in Rechtsfragen beschlagene Kanzler war ein Glücksfall für die Gemeinde. Während seiner Amtszeit verdoppelte sich die Dorfbevölkerung nahezu.
Es waren intensive Jahre. Der erste Kindergarten in Hausen entstand durch private Initiative, und zwar massgeblich aus einem Kreis von Frauen mit Rösli Klöti-Rüegger. Aus diesem Engagement entstanden lebenslange familiäre Freundschaften. Für die wachsende eigene Familie mit Tochter und drei Söhnen baute das Ehepaar 1959 ein schönes Eigenheim. Die Gemeindeschreibergattin unterstützte ihren Mann in seinen vielfältigen Funktionen. Sie war ihm vor allem eine administrative Stütze, als er am 1. August 1973 die Gemeindeschlüssel abgab und vollberuflich das Notariatsbüro von Werner Müller in Brugg übernahm.
Der Umzug von Hausen in eine Wohnung an der Promenade in Brugg fiel Rösli Klöti-Rüegger nach dem Hinschied ihres Gatten am Weihnachtstag 2009 nicht schwer, weil sie ihr grosses Beziehungsnetz weiterhin pflegen konnte. Als ihr bei abnehmender Sehkraft das eigene Haushalten zu beschwerlich wurde, wechselte sie ins Alterszentrum Süssbach. Mit ihrer Kontaktfreudigkeit und dem Interesse am aktuellen Geschehen liess sie das Gefühl der Abgeschiedenheit nie aufkommen.