«Das Geschichtenerzählen wird bleiben»

Hanspeter Bäni gewährt in «Der Reporter – Geschichten jenseits der Dreharbeiten» Einblicke in sein Leben hinter der Kamera.
Hanspeter Bäni: Packende Erlebnisse hinter der Kamera. (Bild: zVg)

Habsburg – Der Dokumentarfilmer Hanspeter Bäni hat in seinem Leben etwa 80 Dokumentarfilme gedreht, viele davon für die Sendungen «Dok» und «Reporter» des Schweizer Fernsehens. Nun veröffentlicht Hanspeter Bäni ein Buch, das seine Erlebnisse hinter der Kamera festhält. 

Herr Bäni, wie kamen Sie auf die Idee, als Kameramann, Journalist und Dokumentarfilmer ein Buch zu verfassen?
Es begann mit den Premieren zu meinem Kinofilm «Ihr könnt jetzt gehen». Ich stellte den Film an vielen Orten in der Schweiz und in Deutschland vor und wurde an den Anlässen immer wieder zu meinen Erfahrungen im Zusammenhang mit meinen Filmen ausgefragt. Die Leute hatten einige meiner Dokumentarfilme für das Schweizer Fernsehen und 3sat gesehen und wollten die Hintergründe erfahren und meine Erlebnisse hören. Gewisse Leute fanden auch, ich solle doch ein Buch dazu schreiben. Und so begann ich, mir Notizen zu machen, bis auch ich der Überzeugung war: Doch, ich habe einige Geschichten zu erzählen.

Im Mittelpunkt Ihrer Reportagen steht der Mensch. Es geht um Überlebenskünstler, Visionäre, Menschen am Rand der Gesellschaft. Welche der vielen Begegnungen als Dokumentarfilmer ist Ihnen am meisten im Gedächtnis geblieben?
Ich habe etwa 80 Dokumentarfilme gedreht, da fällt es mir schwer, einen einzelnen Menschen oder ein einzelnes Erlebnis herauszustreichen. Aber ein Moment, der mich vielleicht am meisten berührt und geprägt hat, war, als ich in Elfenbeinküste einen Film über ein Schweizer Hilfswerk drehte. Während den Drehabreiten erlebte ich, wie innerhalb einer Woche drei junge Menschen an Unterernährung und mangelndem Zugang zu Medikamenten starben. Ich fühlte mich unglaublich ohnmächtig und war schockiert. Und danach auch unendlich dankbar, dass ich in einem Land wie der Schweiz leben darf, in dem es ein solches Elend nicht gibt.

Sie haben Figuren wie den Bergbauer Sepp Epp und seine Familie landesweit bekannt gemacht. Haben Sie zu diesen Menschen später jeweils noch Kontakt? Können sogar Freundschaften entstehen?
Ja, gerade zur Familie von Sepp Epp habe ich regelmässigen Kontakt, und ich bekomme mit, was auf dem Hof passiert. Auch zur Hauptfigur von «Michelle, ein Leben auf der Achterbahn» habe ich Kontakt. Ich begleitete die Frau etwa 14 Jahre mit der Kamera und bekam mit, wie sie als Teenagerin als hoffnungslose Boderlinerin galt. Am Fernsehen sagten sie mir, ich solle es aufgeben, mit ihr drehen zu wollen. Ich machte aber weiter. Nach Aufenthalten in der Psychiatrie und Suizidversuchen schaffte die Frau die Kurve und wurde Mutter. Unterdessen hat sie seit etwa sechs Jahren eine stabile Partnerschaft, drei Kinder – und es geht ihr gut.

Sie gehen in Ihrem Buch nicht nur auf Begegnungen mit den Protagonisten Ihrer Filme, sondern auch auf die eigene Geschichte ein, unter anderem auf eine nicht immer einfache Kindheit. Ist das Buch auch eine Art Selbstanalyse?
Ich bin tatsächlich in einem schwierigen Elternhaus aufgewachsen und habe dadurch ein Interesse für Menschen in schwierigen Situationen entwickelt. Ich habe in meiner Arbeit Antworten auf meine eigene Vergangenheit gesucht und meine eigenen Themen durch meine Filme verarbeiten können.

Sie haben für die Sendungen «Dok» und «Reporter» des Schweizer Fernsehens SRF viele Beiträge gedreht. Nun wird bei SRF stark abgebaut, vielen Mitarbeitenden ist gekündigt worden. Sehen Sie das Fernsehen und den Dokumentarfilm generell in Gefahr?
Das ist eine schwierige Frage. Ich glaube, das Geschichtenerzählen wird bleiben – und damit das Bedürfnis nach Dokumentarfilmen.

Hanspeter Bäni bei Dreharbeiten in Djibouti. (Bild: zVg)

Sie stammen ursprünglich vom Zürichsee und wohnen seit 30 Jahren in Habsburg. Wie kamen Sie einst in die Region?
Ich arbeitete vor Jahrzehnten beim Radio und verfasste auf Weihnachten hin einmal ein Hörspiel über einen Geist in der Habsburg. Ich war noch nie dort gewesen und dachte: Wenn ich schon ein Hörspiel über die Habsburg schreibe, muss ich sie auch gesehen haben. Es gefiel mir so sehr, dass ich mit meiner damaligen Partnerin und heutigen Frau gleich dorthin gezogen bin.

Und es gefällt Ihnen noch immer in Habsburg?
Ja, ich vermisse den Zürichsee kein bisschen. In Habsburg kann ich noch atmen und habe das Gefühl, dass sich die Leute nicht auf den Füssen herumtreten. Ich finde den Aargau sowieso schön und spannend mit all seinen Burgen und Ruinen – und seiner ganzen Kultur mit Orten wie dem «Odeon» in Brugg. Das Lokal ist eine echte Perle.

Haben Sie schon einmal erwogen, einen Film über die Menschen in Habsburg oder Brugg zu drehen?
Ich wollte einmal einen Film drehen mit dem Titel «Mein Dorf», aber meine Frau redete es mir aus. Wir wollen ja weiterhin in Habsburg leben und es uns nicht verscherzen mit der Dorfgemeinschaft.

Was wird Ihr nächstes Projekt sein?
Ich habe unterdessen das Privileg, ein Projekt nach dem anderen zu realisieren. Jetzt stelle ich zuerst einmal mein neues Buch vor, ausserdem unterrichte ich an einer Filmschule in Wallisellen. Ich habe auch weitere Filmprojekte im Hinterkopf – sogar ein Alterswerk. Aber ich möchte nicht zu viel erzählen, bevor die Projekte nicht konkret sind.

Buchvernissage:
Samstag, 17. Januar, 20.15 Uhr, Odeon Brugg.
Eintritt frei. Moderation: Röbi Koller