«Der DeLorean stand bereit»

Die Badener Popband The Jungle meldet sich nach 25 Jahren zurück. Gitarrist Rico Fischer und der neue Leadsänger Tobey Lucas im Gespräch.
The Jungle – Rückkehr nach 25 Jahren Bühnenpause. (Bild: Tabea Hüberli)

Baden – Das Comeback-Konzert mit anschliessender Party findet im Nordportal Baden statt.

Richo Fischer, Tobey Lucas, wie fühlt sich ein Comeback nach so langer Zeit an?
Fischer: Es ist seltsam. Ich war mir immer sicher, dass ich nie mehr auf die Bühne zurückkehren würde. Nach der Pause von Jungle – die Band wollte damals lediglich eine Auszeit nehmen, aus der schliesslich 25 Jahre wurden – arbeitete ich weiter bei der Plattenfirma BMG und machte mich 1999 mit der PR-Agentur Starfish selbständig. So blieb ich stets von den gleichen Menschen und von Musik umgeben; mir fehlte es an nichts. Erst ein Schicksalsschlag veränderte alles.

Was ist passiert?
Fischer: Bassist Didi Bühler, mit dem ich bereits in der Urformation Jungletown zusammengespielt hatte, erkrankte schwer. Wir trommelten die Band, die über die Jahre nur noch lose in Kontakt geblieben war, zusammen, um ihn vor seinem Tod noch einmal
zu besuchen. Beim anschliessenden Apéro in der Live-Music-Bar «Henry’s» kamen viele Erinnerungen hoch. Dabei entstand die Grundidee für eine einmalige Comeback-Show.

Und wie wurde daraus ein Album?
Fischer: Als Roman Camenzind von «HitMill», einem gut befreundeten Geschäftspartner, von unseren Plänen hörte, meinte er sofort, wir müssten ein Album machen, und bot an, dieses zu produzieren. Das Album haben wir via Crowdfunding finanziert. Ursprünglich planten wir, acht Remakes und zwei bis drei neue Songs aufzunehmen. Beim Schreiben lief es jedoch so gut, dass sich das Verhältnis auf dem Album «Time Machine» umkehrte.

Wie kam es zum Sängerwechsel?
Fischer: Bereits nach den ersten Proben musste uns Stoney – Jürg Stein – schweren Herzens mitteilen, dass er aus gesundheitlichen Gründen zurücktritt. Das fiel ihm nicht leicht – man spürte, wie sehr ihm die Band am Herzen liegt. Gleichzeitig ermutigte er uns, nicht aufzugeben und das Projekt weiterzuführen. Wir waren total verunsichert, ob wir ohne ihn weitermachen wollen und sollen. Unsere Lebenspartnerinnen gaben uns den entscheidenden Schub: «Es wäre zu schade, alles aufzugeben – ihr habt so viel Zeit, Energie und Herzblut investiert und mit ‹HitMill› die bestmöglichen Partner.»

Wie kamen sie auf Tobey Lucas?
Fischer: Wir zogen mehrere Sänger, von denen wir dachten, dass sie musikalisch und vom Alter her zu uns passen könnten, in Betracht und luden zwei von ihnen zu einer Session ein. Tobey hat uns sofort begeistert. Er ist einerseits ein Sonnenschein und total entspannt, anderseits nagelt er das Zeug gnadenlos. Er tut uns extrem gut, menschlich und künstlerisch.

Kannten Sie Jungle bereits?
Lucas: Nein, eigentlich gar nicht. Ich hatte nicht vor, noch etwas Neues zu beginnen, sondern wollte meine musikalischen Aktivitäten ausserhalb meiner Hauptband eher zurückfahren. Nur, weil die Anfrage über einen guten Freund kam, habe ich mir das Projekt genauer angeschaut. Rico schickte mir zwei ältere und zwei neue Songs. Die Stücke hatten Zug und stellten eine reizvolle Herausforderung dar, der ich letztlich nicht widerstehen konnte.

In welcher Hinsicht?
Lucas: Ich konnte dazulernen und gesangstechnisch Neuland betreten. Von allen Aspekten der Musik ist das Singen meine grösste Leidenschaft, und bis dahin hatte ich in der Tonlage der Jungle-Songs nur wenig gesungen. Ansonsten war vieles bereits gesetzt: Die Songs waren geschrieben, der Studiotermin stand fest. Der Lamborghini oder besser gesagt der DeLorean für die Zeitreise «zurück in die Zukunft» stand bereit. Ich musste nur noch einsteigen und den Schlüssel umdrehen.

Sie sind in vielen verschiedenen Stilrichtungen unterwegs. Können Sie davon leben?
Lucas: Nein, in der Schweiz ist es für die meisten Künstler nicht möglich, ihre Familie ausschliesslich mit Musik zu ernähren. Ich habe deshalb immer parallel in einem bürgerlichen Beruf gearbeitet, der mir ebenfalls grosse Freude bereitet.

The Jungle ist also für beide in erster Linie Leidenschaft?
Fischer: Absolut. Die Freude steht bei uns über allem. Wir machen das nicht, weil wir müssen, sondern weil wir das Glück haben, es noch tun zu dürfen. Natürlich haben wir in jeder Hinsicht einen hohen Qualitätsanspruch, aber es gibt keinen äusseren Druck mehr. Ich habe viele Bands erlebt, die am Erwartungsdruck oder an kommerziellen Zwängen zerbrochen sind. Die Freiheit, Konzertangebote bewusst anzunehmen oder abzulehnen, ist für uns ein grosses Geschenk.

Lucas: Ich dafür sehr dankbar, denn ich habe viele Gigs gespielt, bei denen niemand zuhörte, alle betrunken waren oder ich mir anhören musste, weshalb ich den Johnny Cash Song Nummer 147 nicht kenne. Darauf habe ich echt keine Lust mehr. Die positive Seite daran ist, dass ich in dieser Zeit Dinge gelernt habe, die man an keiner Uni vermittelt bekommt, aber durch das reale Musikerleben, «the school of hard knocks»!

Was hat sich in der Musikbranche verändert?
Lucas: Aus meiner Sicht reicht es heute für viele Künstler nicht mehr aus, einfach gute Musik zu machen. Man muss zugleich Online-Marketing- Manager, Influencer und Networking- Profi sein. Für jedes Konzert im Bären Hintertupfingen produziert man idealerweise eine Social Media Story in acht Akten und postet zweimal täglich seine Pilates Übungen. Wenn es sich nicht um Topstars handelt, entscheiden viele Leute erst kurzfristig, ob sie hingehen. Und mit Spotify verdient man mehr Geld, wenn man Aktien besitzt, als wenn man seine Musik hochlädt.

Wie war es für Sie, mit Jungle auf dem Letzigrund im Vorprogramm von Bon Jovi aufzutreten?
Fischer: Das Konzert vor 40 000 Zuschauerinnen und Zuschauern war ein unvergessliches Highlight. Wie wurden damals unter mehreren hundert Bands ausgewählt und konnten sogar kurz mit Bon Jovi sprechen.

Was bedeutete die sehr lange Pause, die Jungle vier Jahre später einlegten, für Sie?
Fischer: Sie brachte im beruflichen Alltag eine Erleichterung, wenn ich Medien kontaktierte, um sie für Künstler zu interessieren, für die Starfish PR macht. Vorher fragten sie oft ziemlich schnell, wie es eigentlich um Jungle stünde.

Mit welchen internationalen Stars hatten Sie als PR-Manager den engsten Kontakt?
Fischer: Das waren sicher Take That. Einmal war ich mit ihnen im Alpamare, bei anderer Gelegenheit inlineskaten. Denkwürdig war, als Robbie Williams meinte, er müsse einen Köpfler in den Brunnen des «Renaissance»-Hotels machen und dessen Tiefe überschätzte. Danach mussten wir die Schnittwunde an der Stirn nähen lassen …

Rico Fischer und Tobey Lucas sprachen in Neuenhof über das bevorstehende Comeback von The Jungle. (Bild: rho)

War es hart für Jungle, im Schatten von Gotthard zu stehen?
Fischer: Gar nicht, ich gönnte ihnen ihren Erfolg von Herzen. Sie verdienten ihn, weil sie vieles besser machten als wir. Manchmal brauchst du auch Glück, dass du im richtigen Moment am richtigen Ort bist und die richtige Musik machst.

In Thailand war dies nicht der Fall.
Fischer: Stimmt. Als wir dort auf der Bühne verhaftet und mit Blaulicht auf den Polizeiposten gebracht wurden, machte dies zwar Schlagzeilen, war aber ein Albtraum. Die Behörden warfen uns vor, ohne die nötige Unterhaltungslizenz aufzutreten. Dabei hatten wir die zehn Gigs im renommierten Reggae-Pub von Koh Samui lediglich gegen Kost und Logis gespielt. Es stand sogar im Raum, uns vor ein Gericht auf dem Festland zu bringen.

Wie konnten Sie es vermeiden?
Fischer: Nachdem wir das thailändischen Gefängnisse von aussen gesehen hatten, flüchteten wir mit Hilfe eines Schweizer Reiseleiters in einer Nacht-und-Nebel-Aktion nach Bangkok. Als wir im Flugzeug nach Zürich sassen, wähnten wir uns schon in Sicherheit, als plötzlich die Durchsage kam: «Ladies and gentlemen, we’ve got an engine problem.» Glücklicherweise mussten wir nicht aussteigen. Als die Maschine endlich abhob, waren wir so erschöpft, dass zehn Minuten später alle eingeschlafen waren.

Zurück zu «Time Machine». Die neuen Singles «Can’t Let Go» und «Chase The Dream» sind ebenso eingängig wie das Remake des grössten Jungle-Hits «For You Tonight». Eine grosse Befriedigung?
Lucas: Für mich war das Jungle-Album eine Gelegenheit, etwas Neues zu schaffen. Die bestehenden Songs wollte ich so interpretieren, dass sie Stoney Tribut zollen und zugleich neu gedacht sind, sodass sie wirklich zu mir passen. Diese Herausforderung empfand ich als besonders spannend. Die neuen Songs waren für mich ein echtes Highlight, weil ich mich bei ihnen stimmlich frei entfalten konnte. Es fühlte sich an, als würde ich in frischem Tiefschnee neue Spuren ziehen.

Weshalb kreisen die meisten Songs um das Thema Liebe, obwohl die Autoren keine Twens, sondern um die 60 sind?
Fischer: Ist sie es nicht, die uns alle am meisten beschäftigt? Ich will nicht über Trump oder Putin schreiben, sondern über Gefühle, die uns verbinden, berühren oder Hoffnung geben. Auch wenn Songs manchmal aus belastenden oder gesellschaftlich schwierigen Themen entstehen, verpacke ich sie bewusst positiv. Aus einer Forderung nach mehr Menschlichkeit an gewisse Machthaber wird dann ein Lovesong. Ein schönes Liebeslied kann mich zu Tränen rühren. Und ich mag einfache, klare Texte, obwohl sie oft die grösste Challenge sind.

Lucas: In der Countrymusik, aus der ich komme, steht das Erzählen von Geschichten im Zentrum. Es geht um Menschen wie wir alle, die Alltägliches erleben oder Herausforderungen meistern müssen. Natürlich gibt es auch die bekannten Country-Klischees mit Trucks, kaltem Bier und viel Jesus. Doch Country ist deutlich vielseitiger, als viele vermuten. Moderner Country findet in der Schweiz bislang noch wenig statt. Umso mehr freut es mich, dass mit dem Albi’s Country Festival ein ganz besonderes Highlight vor uns liegt.

Was erwartet das Publikum bei Ihrem Auftritt am 29. März im Hallenstadion?
Lucas: Es darf sich auf einen Querschnitt durch meine drei Alben freuen, auf das Beste vom Besten und das Feinste vom Feinsten. Dazu kommen ein Special Guest und einige sorgfältig ausgewählte Coverversionen. Ich lasse die Musik für sich sprechen.

Das Jungle-Comeback findet im Nordportal statt. Habt Ihr Erinnerungen an frühere Konzerte?
Fischer: Nein, zu unserer Zeit gab es das Nordportal noch nicht. Wir sind zwei- oder dreimal in der ABB-Halle 36 aufgetreten. Das war die grösste Lokalität.

Lucas: Ich habe bereits im Fjord, dem Foyer des Nordportals, im Löschwasserbecken und im Henry’s gespielt. Bei Dano Dreyer und seiner herzlichen Crew war ich mit der Tobey Lucas Band schon oft zu Gast. Das ist jedes Mal eine Freude, denn das Badener Publikum ist Spitzenklasse.

Welche weiteren Pläne haben The Jungle?
Fischer: Wir versuchen eine begeisternde Comeback-Show hinzulegen und warten ab, was danach auf uns zukommt. Einige Festival-Anfragen gibt es schon.