Brugg – Seit seiner Pensionierung vor elf Jahren hat Fritz Hertach das Hobby des Transkribierens intensiviert. Mit viel Geduld und Akribie eignet er sich neue Programme an und entschlüsselt so Handschriften ehemaliger Grössen. Seine Arbeit erfordert auch manche Stunden Archivarbeit. Er hilft einer breiten Studentenschaft damit, Zugang zu altem Wissen zu erhalten.
Schon als Kind bewunderte Fritz den Vater, welcher noch die alte Kurrentschrift lesen konnte: «Das wollte ich auch lernen, denn diese während rund 500 Jahren im ganzen deutschen Sprachraum verwendete Verkehrsschrift hatte es mir angetan.» Also belegte er als Erwachsener einen Fernkurs, um sich zuerst mal die nachfolgende Sütterlinschrift anzueignen. Sie stellt eine Variante der Kurrent dar und wurde in der Schule eingesetzt. Hertach beherrscht sie heute fliessend.
Adolf Hitler galt diese Schreibart indes als «Judenlettern», weshalb er sie verbieten und mit der deutschen Normalschrift ersetzen liess. «Jahre später kam mir ein Aushang der Zentralbibliothek in Zürich in die Hände, in welchem diese Freiwillige für Transkriptionen suchte. Sinngemäss hiess es da: Wenn Sie das lesen können – nämlich einen Absatz in Kurrent –, sind Sie für den Job geeignet. Seither habe ich Hunderte von Schriftstücken transkribiert, indem ich mit dem von der Zentralbibliothek und ETH-Bibliothek entwickelten E-Manuscripta-Programm arbeite», erklärt der Experte. Die digitalisierten Unterlagen gehen zwischen den Freiwilligen und den Akademikern so lange hin und her, bis sämtliche Fehler eliminiert sind. Danach wird das Schriftstück freigegeben und kann von den Studierenden für ihre Forschungen verwendet werden.
Der als Sohn von Kleinbauern in Neustalden auf dem Bözberg aufgewachsene 74-Jährige sagt weiter: «Wir älteren Semester eignen uns besonders gut für diese Übertragungstätigkeit, denn die heutigen Generationen kennen diese alten Schriften nicht mehr. Ich aber beschäftige mich täglich damit.»
Auch fürs Staatsarchiv Aarau und fürs Richard-Wagner-Museum im luzernischen Tribschen – Wagner ist sein Lieblingskomponist – sei er im Einsatz. Seien es alte Briefe von General Wille, Volksaufklärer Heinrich Zschokke, Musikpädagoge und Komponist Hans Georg Nägeli, man müsse sich jedes Mal individuell einlesen, sagt Hertach. «Das verlangt viel Beharrlichkeit und Genauigkeit.»
Mit der Universität Zürich
Seit 2019 arbeitet der gelernte Konstrukteur und spätere Aussendienstmitarbeiter sowohl mit der Universität Zürich als auch mit der Zentralbibliothek Zürich zusammen. Die Universität Innsbruck und 14 weitere Partner entwickelten ihrerseits das sogenannte Transkribus-Programm, welches von Anfang an künstliche Intelligenz integrierte. Indem Hertach dort automatisch transkribierte Schriften durchkontrolliert und die Resultate auf der Plattform eingibt, hilft er gleichsam, Transkribus weiterzuentwickeln. «Weisen solche Dokumente zu Beginn noch rund 40 Prozent Fehler auf, lässt sich die Fehlerquote für nachfolgende Schriftstücke auf weniger als 4 Prozent runterdrücken, ein grosser Erfolg», sagt er. «Das erlebe ich als tolle Herausforderung.»
Weil ihn Geschichte schon immer interessiert hat, besucht der Hobbymusiker seit zehn Jahren als Gasthörer am Historischen Institut der Universität Zürich Vorlesungen – über die Antike, Byzanz, Augustinus, Mittelalter, die Neuzeit sowie Musikgeschichte.
Er schmunzelt: «Sitzen jeweils rund 100 Studenten im Saal, so sind deren zehn bestimmt Weisshaarige, die also, wie ich, ihre später entwickelte Leidenschaft befriedigen wollen.» Unterdessen kenne er alle wichtigen Fachprofessoren. «Tobias Straumann, Wirtschaftshistoriker, dankte mir mal ausdrücklich für meine Transkriptionsbemühungen.»
Zwei Semester in Latein
Um sich auch in Latein zurechtzufinden, besuchte der Wahlbrugger extra zwei Semester lang Lateinkurse an einer Fachhochschule. Und noch viel hat Fritz Hertach auf Lager: So hat er in der Gruppe «Sammlungen sichtbar machen» übers «Kadettenwesen – von der Gründung bis zur Auflösung» recherchiert und geschrieben und im Zuge der Kulturerbe-Tage über Zurzach und neu Densbüren Schriften verfasst. Und fürs nächste Jahr bearbeitet er momentan «Das Schiffsunglück von Brugg 1626», als 80 Menschen ihr Leben verloren.
Hat er sich schliesslich einmal die Finger wundgeschrieben, setzt sich der jahrelang tätige Dirigent einer Brassband ans Klavier. Seit dem Eintritt ins Rentnerdasein nimmt er Stunden und lässt sich von der Musik wegtragen. Ein spannender Zeitgenosse.