Mut zur Farbe, Mut zum Format

Zwei Schwägerinnen, zwei künstlerische Handschriften, eine gemeinsame Leidenschaft: Malerei zwischen Struktur und Emotion.
Von link: Yvonne Jordan, Rita Strebel (Kulturkommission) und Edith Thommen. (Bild: isp)

Nussbaumen – Vergangenen Sonntag fand eine weitere feierliche Vernissage im Gemeindehaus statt. Noch bis Ende Mai stellen diesmal zwei Schwägerinnen, die zwischenzeitlich längst zu Freundinnen geworden sind, ihre Werke aus. «Ab ungefähr dem 20. Lebensjahr habe ich mich in allen möglichen und unterschiedlichsten Arten des kreativen Schaffens ausprobiert», erzählt die Bischofszellerin Yvonne Jordan. Sie nähte, zeichnete, malte, eignete sich unterschiedliche Basteltechniken an, besuchte Workshops und versuchte sich auch mit den abenteuerlichsten Materialien, die es im kreativen Bereich zu entdecken gibt. Auch leitete sie selber Workshops und spezialisierte sich während einer gewissen Phase aufs Porzellanmalen, was dazu führte, dass sie die eigenen Badezimmer-«Plättli» gleich selber bemalte und ihnen so eine ganz persönliche Note verlieh.

Facetten des Matriarchat im Fokus
Seit Jordan zwischenzeitlich pensioniert ist, hat sie sich in den letzten Monaten in ihrem hauseigenen Atelier vermehrt auf das Malen konzentriert. Auch hier ist sie sehr vielfältig engagiert und verarbeitet in ihren Bildern Materialien wie zum Beispiel Acryl, Kohle, Kreide, Papier und Sand oder auch Wasser-, Öl- oder Acrylfarben.

In einer ersten Phase hat sich die Künstlerin sehr mit dem Frausein mit all den Facetten von Matriarchat und Patriarchat beschäftigt und sich ausreichend intensiv mit diesen Themen beim Malen auseinandergesetzt. So sind etliche äussert grossformatige Frauenportraitbilder (100cm x 120 cm) entstanden. Sieben davon bereichern die aktuelle Ausstellung. Auch das Buch «The Atlas of Beauty» hat Jordan inspiriert. In diesen Arbeiten entdeckt man stark die Präzision und das strukturierte Arbeiten der Künstlerin. Aber die 65-jährige hat noch eine ganz andere, wildere Seite, die beim Malen ihren Ausdruck findet: das Abstrakte.

Eines der Bilder von Yvonne Jordan. (Bild: isp)

Einrichtungsberatung
Hierbei ist die Natur ein steter Wegbegleiter, und die Mutter eines erwachsenen Sohnes lässt sich auf ihren Streifzügen durch die nähere oder weitere Umgebung durch eine Struktur an einem morschen Baum, durch Schichtungen und dem Farbenspiel von Felsen oder einem Stein am Wegrand immer wieder aufs Neue inspirieren. Eine Reise nach Island war künstlerisch wegweisend für Jordan. So widmete sie der kargen Landschaft, dem teils zerklüfteten Hochland, der Vulkanerde, den Lavaströmen und insbesondere Europas grösstem Gletscher, dem Vatnajökull, der ihr so imponierte, gleich vier Bilder. Diese finden ebenfalls in der Ausstellung ihren Platz.

Mit dem Malen lässt sich Yvonne Jordan immer wieder auf ein Thema ein, zerstört scheinbar das noch unfertige Bild mittels der Mischtechnik mehrmals, entwickelt es weiter und reduziert es schlussendlich. «Im Gegensatz zum strukturierten Malen kann ich beim Abstraktmalen viel mehr experimentieren und auch eher ‹drauflos werken›, es löst bei mir mehr Emotionen aus und ist tatsächlich herausfordernder», sagt Jordan.

Die ambitionierte Künstlerin freut sich immer, wenn eines ihrer Werke auch einen Verkäufer findet: «Der Verkauf jedes Bildes stösst bei mir einen Ablöseprozess an. Wenn das Werk einen neuen Eigentümer findet, dann wird meine Beziehung zum Bild neu definiert und ich habe Freude, dass es einen würdigen Platz erhält.» Und so erstaunt es auch nicht, dass Jordan mitunter bei den künftigen Besitzern persönlich im Haus oder der Wohnung vorbeischaut und mithilft bei der Entscheidung, wo das Bild denn nun aufgehängt werden soll.

«Ich bin als Einrichtungsberaterin auch sehr daran interessiert, dass meine Werke einen guten und adäquaten Platz im neuen Zuhause finden», erzählt sie. Auffallend ist dabei, dass sich viele nicht wirklich trauen, auch mal ein grösserformatiges Bild in den eigenen vier Wänden anzubringen. Da muss sie manchmal etwas Überzeugungsarbeit leisten. «Schlussendlich sind die Käufer aber dann jedes Mal begeistert, wenn sie selber feststellen, wie gut sich das ‹Mutigsein› anfühlt», erklärt Jordan weiter.

Edith Tommen liebt starke Farben. (Bild: isp)

Edith Thommen und die starken Farben
Auch bei der in Arbon geborenen Edith Thommen, die heute in Nussbaumen lebt, hat das Malen seit jeher einen grossen Stellenwert in ihrem Leben eingenommen. «Ich liebe starke Farben», erzählt die 75-jährige, «und Farben spielen generell in meinem Leben eine grosse Rolle. Nicht nur beim Malen.» Früher habe sie sich eher dezent gekleidet, heute trage sie aber auch gerne mal ein kräftiges Grün oder ein fröhliches Rot.

Weil es aus familiären Gründen, als es um die Berufswahl ging, nicht möglich war, die Kunstgewerbeschule zu besuchen, entschied sich Thommen, eine andere berufliche Karriere einzuschlagen; das Malen aber blieb immer ihre Leidenschaft. Anfangs malte sie als Teenagerin die berühmten «Pilzköpfe» der Beatles, später dann waren es Alpaufzüge, mit denen sie sich intensiv beschäftigte.

«Ich mag die Schweizer Volksmusik sehr, und meine Alpaufzugbilder haben Platz auf Holzschalen, Kellen oder ‹Chacheli› gefunden», erklärt Thommen. Um sich diese doch eher spezielle, äusserst filigrane Maltechnik anzueignen, besuchte Thommen eigens dafür entsprechende Fachmalkurse.

Pinsel, Rollen und Farbtuben
In einer späteren Lebensphase löste sich Thommen vom präzisen Malen und wurde etwas mutiger, als sie die abstrakte Malerei für sich entdeckte. «Ich bin eine chaotische Kreativschaffende», verrät sie, «denn beim abstrakten Malen schalte ich meinen Kopf komplett aus und folge dem Bauchgefühl. Ein spannender Prozess, der mich immer wieder überrascht.»

Auch benutzt Thommen selten mehr als vier Farben in ihren Arbeiten. Ihre Bilder sollen Ruhe ausstrahlen und nicht zu bunt daherkommen: «Mein Malen besteht darin, meine Kreativität zu leben und diese auf der Leinwand sichtbar zu machen.» Zwei Elemente bestimmen im Wesentlichen ihr künstlerisches Schaffen: handfestes Material, wie Leinwände, Pinsel, Rollen und Farbtuben. Diesem greifbaren Material steht der geistige Rohstoff zur Seite: gelebtes Leben und fantasierte Visionen.

Das Bild einfach auf den Kopf drehen
Die Künstlerin arbeitet in ihrem hauseigenen Atelier öfters des Nachts an ihren Bildern, und es könne auch schon mal vorkommen, dass sie Stunden mit Malen verbringe und auch ab und zu durchgemacht habe, gibt sie ehrlich zu: «Wenn ich dann mal im Flow bin, dann vergesse ich die Zeit komplett.»

Und falls sie mal im Kreativprozess maltechnisch anstehen sollte, dann gäbe es ein einfaches Rezept, um wieder den Anschluss zu bekommen: «Ich drehe das Bild einfach auf den Kopf oder vom Quer- ins Hochformat und schon kommt der Flow wieder automatisch in Gang.» Spannend sei dann auch, die Erfahrung zu machen, dass die Bildbetrachtungen in ihren Werken jeweils Formen und Figuren erkennen, die sie selbst noch gar nicht entdeckt hat.

«Das ist doch das Spannende an der Kunst. Jeder und jede kann etwas anderes interpretieren und die eigene Fantasie ankurbeln», sagt Thommen, die grosse Bilder mag. Einige ihrer Werke mit den klingenden Namen wie «Aufbruch» und «Im Verborgenen» haben ein stattliches Bildformat von 120 auf 140/160 Zentimetern. «Der Betrachter soll sich in den Bildern verlieren und das Gewöhnliche in einem neuen Licht sehen», ergänzt die Kunstschaffende. Überhaupt ist für Thommen Kunst das Salz in der Suppe, das Schmiermittel und der Sand im Getriebe. «Und manchmal kann sie auch die Kirsche auf der Torte sein», witzelt sie weiter. Wenn Thommen nicht gerade malt, dann besucht sie gerne Ausstellungen von anderen Kunstschaffenden, kocht leidenschaftlich gerne und verbringt auch viel Zeit mit den Enkelkindern.

Die Kunstausstellung Frauenpower von Yvonne Jordan und Edith Thommen kann im Gemeindehaus Obersiggenthal an der Landstrasse 134 besucht werden. Die Öffnungszeiten sind: Mo / Mi / Fr  08.30 – 11.30 Uhr und 13.30 – 16.30 Uhr Di / Do 13.30 – 16.30 Uhr.