Kehrseite des American Dream

Mit Bildern von Randgruppen der Gesellschaft lässt Carlos Leal hinter die glamourösen Fassaden der Filmmetropole Los Angeles blicken.
Carlos Leal neben seinem Bild «The Red Slum Princess». (Bild: ub)

Baden – Er schrieb als Rapper mit seiner Hip-Hop-Band Sens Unik Musikgeschichte und heimste drei goldene Schallplatten ein. Als Schauspieler stand er mit Hollywood-Ikonen wie Al Pacino vor der Kamera und hatte einen Part im James-Bond-Film «Casino Royale»: Carlos Leal ist weitherum bekannt. Dass er nun neu auch als Fotograf für grosses öffentliches Interesse sorgt, hat aber nicht mit seinem Promi-Bonus zu tun. Denn der in Lausanne geborene Sohn spanischer Migranten hat auch in diesem Genre einiges zu bieten.

Wer seine aktuelle Ausstellung «Visibility and Humanity» in der Galerie 94 in Baden besucht, sieht Bilder, die teilweise wie Gemälde oder kunstvolle Inszenierungen anmuten. Zum Beispiel «The Red Slum Princess»: eine Frau in einem fast königlich anmutenden feuerroten Umhang steht, umgeben von schroffen Steinen, alleine vor einer riesigen weissen Steinwand, die an eine Gebetsmauer erinnert. Doch sie ist kein Model, und an dem Foto ist, wie an allen anderen gezeigten Bildern, nichts gestellt. Carlos Leal hat einen armutsbetroffenen, in eine wärmende Decke gehüllten Menschen ohne Dach über dem Kopf fotografiert. Die Mauer gehört zu einem Polizeigebäude in Los Angeles. Die Steinbrocken davor wurden aufgehäuft, um Obdachlose wie die abgebildete Frau von dem Ort fernzuhalten.

Sensibel und eindringlich
Seit fünf Jahren ist Carlos Leal mit ­seiner Kamera in den Strassen der ­US-Filmmetropole unterwegs und schaut dort genau hin, wo andere wegschauen. «Als ich frisch als Schauspieler in L.A. war, erlebte ich nicht nur die glamourösen Seiten dieser Stadt, sondern auch eine Welt voller Armut und Elend. Und ich erschrak. Plötzlich hatte ich Angst, dass es mir einmal selber so ergehen könnte», bekundete er an der Vernissage im Gespräch mit Melody Gygax, Kuratorin, Bildredaktorin und ehemalige Repräsentantin der unabhängigen Fotoagentur Magnum Photos Schweiz. Als Künstler lebe man ja mit einer besonders grossen Ungewissheit, was die Zukunft mit sich bringe, fügte Leal hinzu. Stundenlang streifte er für seine Street-Photography durch Gegenden, wo sich keine Touristen hin verirren.

Auf einem Foto ist eine der ersten Protestaktionen gegen die rigide Vorgehensweise der US-Einwanderungsbehörde zu sehen. Ein Mann hält ein Schild mit der Aufschrift «ICE out of our communities» hoch. Im Hintergrund lodern Flammen von brennenden Autos. Und immer wieder stehen gesellschaftliche Randgruppen im Fokus. Einsam und von der Welt vergessen. Carlos Leal gibt mit seinen Bildern jenen eine Stimme, die sonst keine mehr haben. Die Gesichter der Obdachlosen zeigt er jedoch nie. «Das hat mit Respekt, Würde und Persönlichkeitsrecht zu tun. Ich will keine Nabelschau betreiben», meint der Fotograf im Interview vor der Ausstellungseröffnung. Trotzdem – oder vielleicht gerade deswegen – sind seine Aufnahmen von ungeheurer Eindringlichkeit.

Lange habe Carlos Leal sich gar nicht getraut, die schicksalsgeplagten Menschen anzusprechen. Als er es dann doch tat, war er überrascht. «Darunter waren ehemalige Geschäftsleute, von denen man nie denken würde, dass sie einmal auf der Strasse landen», bekundet er. Mit den schier unglaublichen Geschichten, die sie ihm erzählten, könne er ein Buch füllen.

Persönlich und sozialkritisch
Leals Fotos sind ein klarer, stiller Protest gegen ein System, dass auf zahlreichen Lügen aufgebaut ist. «Für mich ist es wichtig, die andere Seite des sogenannten ‹American Dream› zu zeigen», sagt er. Während er als Schauspieler in andere Rollen schlüpft und nach den Vorgaben eines Regisseurs arbeitet, kann er mit der Street-Photography wieder seine ganz persönliche, sozialkritische Sicht auf die Welt vermitteln. So, wie er das einst als Rapper tat.

Letztes Jahr kehrte Carlos Leal Los Angeles, wo er rund 15 Jahre gelebt hatte, den Rücken und kam in die Schweiz zurück. Jüngst war er im Schweizer Spielfilm «Mein Freund Barry» im Kino zu sehen und spielte in den USA in einer neuen Marvel-­Serie mit. Sein Herz schlägt nach wie vor für die Schauspielerei. Die Fotografie entdeckte er während der Corona-Pandemie für sich. Seine ästhetisch wirkenden Bilder, die ihre Abgründe erst bei näherem Hinsehen preisgeben, wurden mitunter schon im Haus der Fotografie in Olten, an der Photo Basel und in der Pariser Galerie Esther Woerdehoff präsentiert.

Melody Gygax sprach im Zusammenhang mit Carlos Leal von einer neuen Bildsprache, die im Gegensatz zu klassischen Reportage-Fotos aus Krisengebieten einen geradezu poetischen Ansatz habe. Demnächst hat Leal ein Treffen mit einigen Mitarbeitenden von «Médecins Sans Frontières», um sie eventuell auf einer ihrer Missionen mit seiner Kamera zu begleiten.

Von den Räumen der Galerie 94 im Merker-Areal Baden war er beim ersten Treffen mit Gründer und Kurator Sascha Laue begeistert, und es war schnell klar, dass er hier seine Ausstellung «Visibility and Humanity» bestreiten möchte. Zu sehen ist sie noch bis 28. Februar, jeweils mittwochs bis freitags von 17 bis 19 Uhr sowie samstags von 13 bis 17 Uhr.