Ortsbürger bestätigen ihren Entschluss

Im Aargau ziehen alle Beteiligten an einem Strick, um den Grosskonzern Hitachi zur Ansiedlung im Tägerhardächer zu bewegen.
Letztes Jahr fand auf der Wiese im Tägerhardächer noch das «Jublasurium» statt, ab 2027 könnte dort ein Industriecampus entstehen. (Bild: Tim Rothenbühler)

Wettingen – Mit rund 282 000 Mitarbeitenden gehört der japanische Konzern Hitachi mit Hauptsitz in Tokio zu den weltweit grössten Elektronik- und Technologiekonzernen. In der Schweiz ist Hitachi über die Tochter Hitachi Energy vertreten, die hierzulande bereits elf Standorte betreibt. Der Schweizer Hauptsitz befindet sich derzeit in Zürich. 2018 kaufte Hitachi für 9,1 Milliarden Dollar 80 Prozent der Stromnetzsparte von ABB. Vier Jahre später veräusserte ABB die Restbeteiligung für 1,67 Milliarden Dollar.

Im Dezember wurde bekannt, dass Hitachi Energy in Betracht zieht, im Tägerhardächer in Wettingen seinen neuen Schweizer Hauptsitz zu bauen. Ab 2030 könnte auf dem 100 000 Quadratmeter grossen Areal ein neuer Industriecampus gebaut werden. Bis zu 3300 neue Arbeitsplätze würden in der Folge bis 2035 dorthin verlegt. Die Gemeinde Wettingen erhofft sich davon eine Steigerung ihrer Einnahmen von rund 20 Prozent in Form von jährlichen Unternehmenssteuern von bis zu zehn Millionen Franken. Gemeinsam mit dem Kanton bereitet die Gemeinde derzeit deshalb die betroffenen Parzellen, die sich im Besitz der Ortsbürgergemeinde befinden, für das Projekt vor.

Noch ist der neue Hauptsitz im Tägerhardächer jedoch nur ein Wunsch, den Hitachi Energy prüft neben Wettingen weitere mögliche Standorte, zu denen sich das Unternehmen derzeit jedoch nicht äussern will. Dessen ungeachtet sollen die beiden Parzellen im Tägerhardächer rechtlich für diese Möglichkeit vorbereitet werden.

Wille bekräftigt
Letzte Woche haben die Ortsbürgerinnen und Ortsbürger Wettingens an einer ausserordentlichen Versammlung mit deutlicher Mehrheit der dafür notwendigen Aufhebung und Anpassung des bestehenden Dienstbarkeitsvertrags mit der Tägerhard Kies AG zugestimmt. Der Dienstbarkeitsvertrag von 2015 zwischen der Ortsbürgergemeinde Wettingen und der Tägerhard Kies AG regelt den Kiesabbau und die Wiederauffüllung im betroffenen Gebiet. Sollte Hitachi sich in Wettingen ansiedeln, wäre auf der Nordparzelle nur noch ein Kiesabbau bis zur Baugrubentiefe möglich. Der Baustart ist dort per 1. Juli 2027 vorgesehen. Auf der Südparzelle, die frühestens ab 2032 bebaut werden soll, blieben hingegen Möglichkeiten für Abbau und Wiederauffüllung bestehen. Dadurch entstehende Nachteile sollen ausgeglichen werden, deshalb unterstützt die Tägerhard Kies AG das Vorhaben.

Genauso stimmte die Versammlung den Verträgen zwischen der Ortsbürgergemeinde und Hitachi Energy zu. Zwei Vorverträge, einer pro Parzelle, dienen als Grundlage für die allfälligen Baurechtsverträge. Diese sollen eine Laufzeit von 50 Jahren haben, mit der Option auf zwei Verlängerungen um je 25 Jahre. Über die gesamte Laufzeit erhielte die Ortsbürgergemeinde so Baurechtszinsen in Höhe von 26,6 Millionen Franken.

Die Zinsen werden ab Erteilung der Baubewilligung fällig, die bereits 2027 vorliegen könnte. Bis zum Baustart bezahlt Hitachi für die Südparzelle eine jährliche Reservationsgebühr von 40 000 Franken. Abzüglich der Mehrwertabgaben von rund zehnMillionen Franken an die Einwohnergemeinde und den Kanton, Planungskosten von etwa 100 000 Franken sowie Entschädigungen für den Ertragsausfall der heutigen Pächter, rechnen die Verantwortlichen mit Nettoerträgen von rund 16 Millionen Franken über 50 Jahre für die Ortsbürgergemeinde. Auch die Einwohnergemeinde würde von Steuereinnahmen profitieren. Diese werden von 2030 bis 2035 auf drei bis fünf Millionen Franken und ab 2036 auf rund zehn Millionen Franken pro Jahr geschätzt.

Die beiden Beschlüsse fielen mit 91 zu 25 beziehungsweise 81 zu 25 Stimmen deutlich aus; noch kann gegen sie allerdings das Referendum ergriffen werden.

Kompakter Campus
Wie alt Gemeindeammann Roland Kuster, der vom neuen Gemeinderat mit der Betreuung des Geschäfts beauftragt wurde, anlässlich der Versammlung erläuterte, soll der allfällige Industriecampus mit möglichst tiefen Bauten realisiert werden, um das Siedlungsbild möglichst nicht zu verändern. Um das Areal für den öffentlichen Verkehr zu erschliessen, umfassen die Pläne auch ein Mobilitätskonzept. Die Erreichbarkeit soll etwa durch eine neue S-Bahn-Haltestelle Tägerhard sichergestellt werden.

Nach den Ja der Ortsbürgergemeinde zu den Baurechtsverträgen muss als nächstes der Kanton den Richtplan anpassen. Das künftige Arbeitsplatzgebiet soll als wirtschaftlicher Entwicklungsschwerpunkt von kantonaler Bedeutung in den Richtplan aufgenommen werden. Die öffentliche Anhörung für die Anpassung des Richtplans läuft noch bis am 27. März. Auf der Website ag.ch/anhoerungen steht während der Dauer der Auflage ein Online-Mitwirkungsformular zur Verfügung.

Verlust von Grünflächen
Parallel dazu müssen Wettingen sowie die Nachbargemeinden Killwangen, Neuenhof und Würenlos den Sachplan Sulperg-Rüsler überarbeiten. Aus Würenlos liess Gemeindeammann Anton Möckel derweil bereits verlauten, das Projekt in seiner derzeit angedachten Form nicht unterstützen zu wollen.

Wegen der für die Ansiedlung von Hitachi notwendigen Aufweichung des Landschaftsschutzes im Tägerhardächer, hatten bereits der Natur- und Umweltschutzverband Pro Natura Aargau Kritik an dem Vorhaben geübt. Auch die Fraktion Wettigrüen hat angekündigt, das Projekt aus diesem Grund kritisch begleiten zu wollen.

Alle bisher realisierten Beschlüsse sind Voraussetzung dafür, dass Hitachi sich für Wettingen entscheiden kann. Die Entscheide werden allerdings wieder hinfällig, sollte sich der Industriekonzern am Ende gegen den Standort Wettingen aussprechen.

Mit dem klaren Ja zeigen die Ortsbürgerinnen und Ortsbürger ihre Entschlossenheit, zumindest die Voraussetzungen für das komplexe Grossprojekt zu schaffen.