«Chörnli, Sämli, Nüssli und Flöckli»

Es sind fast 50 Jahre her: Mit dem «Alternativ-Lädeli» von Ruth und Hans-Peter Bugmann-Schifferle kam Brugg zu seinem ersten Bioladen.
Hans-Peter Bugmann an der Frischetheke des «Alternativ-Lädeli» im Herbst 1979. (Bild: zVg)

Brugg – Als die Idee des Umweltschutzes und der alternative Lebensstil der «1968er» sich gerade verbreiteten, fehlte es in Supermärkten und bei Detailhändlern an entsprechenden Produkten. Diesen Missstand behoben Ruth und Hans-Peter Bugmann-Schifferle. Sie eröffneten im Februar 1977 das «Alternativ-Lädeli».

Das «Brugger Tagblatt» stellte das neuartige Geschäft vor: «Ihrer Gesundheit und der Umwelt zuliebe hat in der Brugger Altstadt ein neues Geschäft seine Pforten geöffnet. Es bietet der Kundschaft die Grundnahrungsmittel für eine gesunde, biologisch-dynamische Ernährungsweise nach der Lehre Rudolf Steiners, für Schondiäten, makrobiotische Diäten und die Rohkost: ‹Vollwert, Frische und Natürlichkeit bilden die Alternative, die wir Ihnen anbieten›.» Das Lokal sei eigenhändig umgebaut worden, und die Inhaber füllten auf Wunsch aus Gläsern und Fässern Trockengemüse, Nüsse, Kerne, Samen, Flocken und Getreide in Säcke und Säcklein. Mehl würde erst beim Verkauf gemahlen. «Für die geistige Gesundheit liegt entsprechende Literatur auf. Es riecht nicht nur gut – es ist auch gut!»

Ein Bild aus vergangenen Zeiten: Ruth Bugmann-Schifferle im Ladenlokal. (Bild: zVg)

Zu einer alternativen Lebensweise mit gesunder Ernährung kamen die jungen Geschäftsleute nicht nur aus freien Stücken. Hans-Peter Bugmann war in jungen Jahren oft krank. Ein Bekannter machte sie auf die makrobiotische Ernährungslehre aufmerksam, die der Japaner Georges Ohsawa in seinen Schriften für den Westen popularisiert hatte. Die seit der Antike verbreiteten Vorstellungen zielen nicht nur auf ein gesundes, sondern auch auf ein langes Leben ab.

Ruth und Hans-Peter Bugmann lasen sich ein und liessen sich vom Konzept überzeugen. Die Bugmanns stellten ihre Essgewohnheiten auf den Kopf: vor allem Getreide und wenig Gemüse. Zum grossen Glück besserte sich Hans-Peter Bugmanns Gesundheit schon nach wenigen Monaten. Deshalb blieb das Ehepaar während drei, vier Jahren bei der strengen makrobiotischen Diät.

Seither halten sie sich an fleischlose Vollwertkost – als klassische Ovo-Lacto-Vegetarier. In der zweiten Hälfte der 1970er Jahre standen die für diese Ernährungsweise nötigen Produkte nicht in den Regalen von Detailhändlern oder Grossverteilern. Bestenfalls füllten Reformhäuser diese Marktnische, oft zu deutlich höheren Preisen.

Vier vergleichbare Geschäfte
So überlegten die Bugmanns schon bald, selbst ein entsprechendes Sortiment aufzubauen. Als sie Anfang 1977 das «Alternativ-Lädeli» eröffneten, gab es vier vergleichbare Geschäfte im Aargau. So in Baden das zwischen 1975 und 1979 erfolgreiche «Halde-Lädeli», in Bremgarten 1977/78 das kurzlebige «Rüssbrugg-Lädeli» und ähnliche Läden in Lenzburg und Aarau. Sie alle waren unabhängig, kauften aber bei den gleichen Herstellern ein. Naturbelassene Produkte wie Eier, Gemüse und Molkereiwaren kamen von lokalen Lieferanten. Einzig Brot, Zöpfe und weitere Backwaren kamen aus einem Holzofen in Tegerfelden.

Während andere enthusiastisch und oft etwas blauäugig in die neue Tätigkeit einstiegen, verfügten die Bugmanns über die nötige Erfahrung im Verkauf und gute Kenntnisse der örtlichen Verhältnisse. Hans-Peter Bugmann war als gelernter Fachverkäufer bei Radio/TV Arter in Brugg angestellt, Ruth Bugmann als Verkäuferin bei der Firma Haveg in Dättwil. Doch galt es, sich in das breite Sortiment des neuen Ladens einzuarbeiten, geeignete Bezugskanäle zu finden und die Finanzen im Auge zu behalten. Eine grosse Aufgabe, wenn schon allein beim Getreide elf verschiedene Körner zu haben waren. Es gab Weizen, Roggen, Gerste, Nackthafer, Dinkel, Buchweizen, Grünkern, Vollreis, Hirse, Mais und Vollweizengriess frisch gemahlen, gequetscht oder geschrotet. Die Zerealien lagerten in einer ganzen Batterie von kleinen Tonnen, woraus sie geschöpft und abgewogen wurden. Nicht weniger als sieben kaltgepresste Öle waren im Angebot, vom Samenöl über Sonnenblumen-, Maiskeim-, Distel-, Oliven- und Weizenkeim- bis zum Leinsamenöl. Dazu kamen verschiedene Nüsse und Dörrobst, Trockengemüse, Brotaufstriche, Kaffeeersatz und natürlich Frischprodukte wie saisongerechtes Gemüse und Obst, Käse und Vollkornbrot – oft ausgezeichnet mit den damals schon bestehenden Zertifikaten. Kindernahrung, Produkte zur Körperpflege, Wasch- und Putzmittel rundeten das Sortiment ab. Das «Alternativ-Lädeli» wurde mit einem eigenen Stand schon bald zu einer festen Grösse auf dem Brugger Wochenmarkt.

Hans-Peter und Ruth Bugmann sind wahre Biolädeli-Pioniere. (Bild: zVg)

Drei Kundenkategorien
Zwar kannte die Kundschaft die gängigen Produkte, trotzdem blieb Beratung wichtig, was auch die umfangreiche Bücherecke erklärt. Dort standen Fachbücher über Bio-Landbau, Gartenbau, Ernährungslehre, Rezepte und Philosophie sowie der damals weit verbreitete Alternativ-Katalog neben Papeteriewaren. Gelesen wurde diese geistige Nahrung von den zahlreichen Anthroposophen, die in Brugg und Umgebung wohnten, dazu von meist älteren Personen, die aus gesundheitlichen Gründen auf die Ernährung achteten. Und nicht vergessen gehen darf die junge Umweltschutzbewegung, die das Ziel hatte, «unsere Mutter Natur» zu erhalten.

Eine dritte Kundenkategorie waren alternativ denkende Kundinnen und Kunden, man mag sie «Freaks», «Hippies» oder «Blumenkinder» nennen. Ihnen war eine naturnahe Lebensweise wichtig, wobei sie in ein Dilemma gerieten. Einerseits hatten sie, bedingt durch ihre Lebensform, nur wenig Geld und anderseits waren naturbelassene Lebensmittel teurer. Der alternative Lebensstil war in jenen Jahren im Aargau relativ weit verbreitet. Hier standen in den Dörfern in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zahlreiche Bauernhäuser leer, die günstig zu mieten waren. Es entstand ein Rückzugsraum für soziale Experimente mit chemiefreiem Gartenbau und tiergerechter Hühnerhaltung.

Ruth und Hans-Peter Bugmann gehörten weder zur einen noch zur anderen Gruppe. Zwar trugen sie ihre Haare länger als ihre Eltern, dazu weite, selbstgestrickte Pullover und farbige Hosen. Auch fuhren sie mit einer gelben Citroën-Fourgonnette – dem Kastenwagen des «Döschwo» – zu ihren Lieferanten und Kunden. Aber in erster Linie waren sie gute Geschäftsleute, sonst hätten sie das «Alternativ-Lädeli» nicht nach wenigen Jahren an Thomas Karrer verkaufen können. Karrer führte es weiter und zog später in ein zweites Ladenlokal auf. Exakt fünf Jahre später ging dieses an Christian Heinkes über. Mitte April 1990 übernahm die Familie von Pia Diehl, die es als «De Lade» und «Palma» nach zwei Jahren an Christian Meier verkaufte. Unter Meier hiess das Geschäft zuerst «Palme», hat dann unter der heutigen Bezeichnung «Buono» den Sprung in die obere Altstadt geschafft und ist seit 2002 am heutigen Standort.