Bis heute keine Abstimmung ausgelassen

Erst seit 55 Jahren dürfen die Schweizer Frauen wählen und abstimmen. Rita Leu aus ­Baden und Irene Leuenberger aus Brugg erinnern sich.
Irene Leuenberger für die Stadtratswahlen 1993. (Bild: zVg)

Region – Rita Leu durfte erst mit 39 Jahren das erste Mal wählen und abstimmen: als 1971 das Frauenstimmrecht in einer Abstimmung auf nationaler Ebene angenommen wurde. Im Aargau fiel das Resultat denkbar knapp aus: 50,2 Prozent der Männer sagten Ja. Die bald 94-jährige, bewundernswert rüstige Frau wurde später Einwohnerrätin, Hilfsrichterin und Grossrätin für die SP. Sie hatte keine Mühe, hinzustehen und ein Votum vorzubringen – in einer Zeit, in der Frauen noch nicht viel zugetraut und nicht leicht etwas zu­gestanden wurde. «Manchmal beauftragten mich andere Frauen, ein Anliegen zu vertreten. ‹Du bist frech genug!›, sagten sie», erzählt Leu schmunzelnd.

«Ich wurde erzogen wie ein Bub und hatte daheim nie das Gefühl, benachteiligt zu sein», erinnert sich Leu an ihr Aufwachsen in Baden. Sie wurde zu einem selbstbewussten Mädchen «mit einem geschliffenen Maul». «Dass ich mit 20 Jahren nicht abstimmen durfte – damals galt Stimmrechtsalter 20 –, ärgerte mich», sagt sie. Politisch aktiv war sie da aber noch nicht. Mit 21 Jahren bekam sie das erste Kind und zog in der Folge drei Töchter und einen Sohn gross. Die politischen Fronten erlebte sie als Beobachterin: «Für meinen Vater war 1971 klar, dass das Frauenstimmrecht kommen musste.» Der damalige Nachbar gehörte dagegen der anderen Fraktion an: «Seine Frau stand unter seiner Knute, sie musste folgen und durfte zum Beispiel nicht Auto fahren lernen.» Der Nachbar bestimmte, dass die Frau dem Nein-Komitee zur Stimmrechtsabstimmung beitreten musste. «Und weil meine Mutter auf der Ja-Seite war, verbot er seiner Frau zeitweise sogar den Kontakt zum Mueti.»

Nur mit Einverständnis
Es war die Zeit, als Frauen bei der Heirat den Namen, das Bürgerrecht und die Verfügungsgewalt über ihr eigenes Geld verloren. Für die Eröffnung eines Bankkontos benötigte es die Unterschrift des Mannes oder des Vaters. Leu erinnert sich an eine Lehrerin, die den Beruf nach der Heirat aufgeben musste: Frauen durften nur mit Einverständnis des Mannes arbeiten. Rita Leu selbst hatte einen Ehemann, der Gleichberechtigung lebte. Auch später in der Politik sei sie zwar nicht von ­allen ernst genommen worden, doch in ihrer Partei, der SP, habe sie nie ­Widerstände gespürt. «Man darf nicht vergessen, dass es ebenfalls Männer gab, die fürs Frauenstimmrecht kämpften», sagt sie.

Das betont auch Irene Leuenberger, ehemalige FDP-Parteisekretärin, Brugger Stadträtin und Präsidentin der Aargauer Frauenzentrale. Bei ihr gingen die Fronten ebenso mitten durch die Stadt. So agierte der Präsident der nationalen Antifrauenstimmrechtsaktion, Markus Herzig, von seiner Brugger Wohnung aus. Zugleich erhielt Leuenberger 1970 von der Brugger FDP den Auftrag, das Bedürfnis nach einer Frauengruppe abzuklären. «Wir luden Interessierte ins Rote Haus ein, und es wurde eine sehr erfolgreiche Veranstaltung», erinnert sich die 87-Jährige. Unter den Frauen, die zahlreich gekommen seien, habe man Aufbruchstimmung gespürt. «Die Zeit war einfach reif fürs Frauenstimmrecht.»

Dafür hätten frühere Frauengenerationen die Vorarbeit geleistet, sagt Leuenberger, zum Beispiel ihre eigene Mutter. «Meine Eltern hatten eine Metzgerei, in der meine Mutter selbstverständlich mitarbeitete.» Als der Vater als Offizier im Reduit lang abwesend war, managte die Mutter neben den drei Kindern den Betrieb. «Damals entstand eine selbstständige Generation von Frauen. Sie mussten ohne Männer schauen, dass der Karren läuft.» Ihre Mutter sei zudem eine der ersten Frauen gewesen, die nach dem Krieg Auto gefahren seien – für die Tochter ein starkes Vorbild. Fortschrittliche Mutterfiguren vermisst sie heute manchmal, insbesondere was deren Rolle gegenüber den Söhnen betrifft: «Denn wer erzieht die kleinen Prinzen? Es sind die Mamis, die furchtbar stolz sind auf ihre ­Büebli.» Noch gebe es Kulturen, die Knaben höher schätzten als Mädchen. «Setzen wir uns konsequent für die Gleichwertigkeit ein.»

Zugleich möchte die ehemalige Politikerin die Frauen daran erinnern, dass die gewonnenen Rechte mit der Pflicht verbunden sind, sie zu nutzen und Verantwortung zu übernehmen: «Es ist manchmal anstrengend, hinzustehen und sich einzusetzen. Aber wenn wir uns nicht engagieren, werden wir übergangen.» Auch Rita Leu ist bis ins hohe Alter politisch am Ball geblieben: «Ich habe bis heute keine einzige Abstimmung ausgelassen», sagt sie.