Ein Ruedertaler in Westminster

Hansruedi Bolliger behielt den Mutterwitz seiner Ruedertaler Heimat, aber er erweiterte seinen Horizont mit steter ­Bildung.
Hansruedi Bolligers trockener Humor erheiterte manche Runde. (Bild: zVg)

Hansruedi Bolliger kam am 14. März 1943 auf einem kleinen Heimetli im heimeligen Ruedertal auf die Welt – in einer Gegend, die wegen ihrer Topografie und landwirtschaftlichen Prägung als «aargauisches Emmental» bezeichnet wird. Den engen, selten mehr als 50 Meter breiten Talgrund säumen 600 bis 800 Meter hohe Hügelzüge. Jahrhundertelang war das Gebiet wegen seiner schwachen wirtschaftlichen Strukturen arm. Die Ruedertaler gelten als bodenständig-abwägend, widerstandsfähig und eigenwillig, aber aufrichtig. Die Herkunft sei prägend, heisst es. Hansruedi Bolliger bewies allerdings, dass die eigene Leistung letztlich noch eine wichtigere Rolle spielt.

Als Fünftklässler zügelte er mit den Eltern und den zwei Geschwistern von Schlossrued nach Hirschthal, besuchte danach die Bezirksschule Schöftland und absolvierte anschliessend die Verkehrsschule in Olten. Das ebnete ihm den Weg für eine Verwaltungslehre bei der Post. Doch er wollte mehr. Durch Kurse bei der Akademikergemeinschaft strebte er ein Jura- oder Theologiestudium an, entschied sich dann aber für die vom ­Aargau eingeführte Lehrer-Sonderausbildung für Berufsleute, die den Lehrkräftemangel linderte und den Aargauer Schulen erfahrene neue Kräfte zuführte. Die Zeit im Seminar Wettingen hinterliess bei Hansruedi Bolliger lebenslange Erinnerungen und tragende Freundschaften.

Aus dem englischen Parlament
Bei einem Sprachaufenthalt in London wurden ihm ein Besuch im Unterhaus in Westminster sowie ein Kontakt zu einem Abgeordneten vermittelt. Das Erlebnis war nachhaltig. Bis in die letzten Monate seines Lebens verfolgte er regelmässig die Fernsehübertragungen aus dem englischen Parlament. Er kannte dessen Gepflogenheiten aus dem Effeff, zum Beispiel die Sitz- und Rangordnung auf der Regierungsbank und in den Oppositionsreihen. Der trockene englische Humor tat es ihm besonders an. Damit verfeinerte er den Mutterwitz seiner Ruedertaler Heimat und erheiterte manche Runde.

Als frisch ausgebildeter Lehrer übernahm er eine Sekundarschulklasse auf dem Bözberg, bildete sich aber bald zum Berufsberater aus und betreute sechs Jahre bei der IV-Regionalstelle Basel-Solothurn die beruf­liche Wiedereingliederung von Personen mit Einschränkungen. Mit reicher Erfahrung kehrte er danach in den Lehrberuf zurück und wurde in Windisch sowie zum Schluss in Aarau ­Berufswahllehrer für Schülerinnen und Schüler des 10. Schuljahrs – gleichzeitig mit der Gattin Elisbeth, die an der Sekundarschule Windisch und später an der Kaufmännischen Berufsschule Brugg unterrichtete.

Aus gesundheitlichen Gründen liess sich Hansruedi Bolliger mit 61 Jahren vorzeitig pensionieren. Einen Tag nach seinem Rücktritt erlitt er einen Herzinfarkt. Es blieben ihm aber noch 23 erfüllte Jahre, die er der Familie mit den Söhnen Severin und Philipp sowie dem Eigenheim in Brugg widmete, das er mit handwerklichem Geschick zum Teil selbst ausbaute. Zudem pflegten er und Elisabeth einen treuen Freundeskreis, unter ­anderem eine jahrelange Samstagmorgen-«Gipfelikonferenz» im «Papillon» Lauffohr. Vor drei Jahren wechselten die Eheleute in eine Wohnung des Alterszentrums Sanavita in Windisch. Von einer Grippe im Januar erholte sich Hansruedi Bolliger nicht mehr. Über seinen Tod hinaus bleibt die Erinnerung an einen vielseitig interessierten Menschen mit träfer Ausdruckskraft.