Pionierin und Vorbild für Frauen

Entgegen allen Widerständen verwirklichte Marie Heim-­Vögtlin ihren Traum vom Medizinstudium und wurde zur Vorreiterin für Frauenrechte.
Marie Heim-Vögtlin war die erste Ärztin der Schweiz. (Bild: zVg)

Bözen – Marie Heim-Vögtlin war eine unerschrockene und unermüdliche Vorkämpferin für Frauenrechte in der Schweiz. Sie war nicht nur die erste Ärztin in der Schweiz, sondern gilt gleichzeitig als erste Frauenärztin Europas. Marie Heim-Vögtlin wurde am 7. Oktober 1845 in Bözen im Kanton Aargau als Tochter eines Pfarrers geboren. Sie gilt als erste Schweizer Ärztin und ist eine Pionierin der ­Frauenheilkunde.

Marie Heim-Vögtlin kam in einer Zeit zur Welt, in der Frauen der Zugang zu akademischer Bildung hierzulande weitgehend verwehrt war. Das Frauenstimmrecht war noch in weiter Ferne, und verheiratete Frauen standen rechtlich unter der Vormundschaft ihres Ehemannes. Von diesen widrigen Voraussetzungen liess sich die Bözerin in keiner Weise abschrecken. Dank der Unterstützung einiger ihr nahestehender Menschen und dank ihrem unbeirrbaren Willen setzte sich die Pfarrerstochter gegen alle gesellschaftlichen Widerstände durch und erfüllte sich ihren Wunsch, als Ärztin insbesondere Frauen zu helfen.

Väterliche Intervention
Den Grundstein für ihren Erfolg legte Marie Heim-Vögtlin allerdings in frühen Jahren selbst. Nach dem frühen Tod ihrer Mutter wurde sie gemeinsam mit ihrer jüngeren Schwester privat unterrichtet. Heimlich eignete sie sich die notwendigen Kenntnisse in Latein, Mathematik und Naturwissenschaften an, um ihren Vater Julius ­Daniel Vögtlin, Dorfpfarrer von ­Bözen, davon zu überzeugen, ihr ein Medizinstudium zu ermöglichen. Nach einigem Zureden gelang es ihr, den Vater für ihre Sache zu gewinnen, auch wenn das Medizinstudium der Tochter für die Familie eine erhebliche finanzielle Belastung darstellte. In der Folge war es gar die Intervention des Vaters, der Marie Heim-Vögtlin die Zulassung zum Studium an der Universität Zürich einbrachte.

Erfolg trotz Anfeindungen
Ihr Studium konnte Marie Heim-­Vögtlin vorerst allerdings nur als Hospitantin beginnen, weil sie noch keine Matura hatte. Nach ihrer Zulassung zum Studium holte sie die Matura an der Kantonsschule Aargau nach. 1868 schrieb sie sich als erste Schweizerin im Fach Medizin an der Universität Zürich ein, die Frauen erst wenige Jahre zuvor überhaupt zum regulären Studium zugelassen hatte. Trotz der ablehnenden Haltung einiger Dozierenden und zahlreicher Kommilitonen gegenüber Frauen an Hochschulen war ihr dort erheblicher Erfolg beschieden. In dieser Zeit lernte sie auch den vier Jahre jüngeren Geologiestudenten Albert Heim kennen, den sie nach Abschluss ihres Studiums ehe­lichen sollte.

Davor bestand Marie Heim-Vögtlin 1872 als erste Frau der Schweiz das Konkordatsexamen, zwei Jahre später promovierte sie erfolgreich. Vor und während ihrer Promotion absolvierte die zielstrebige junge Frau zudem eine fachärztliche Ausbildung in Geburtshilfe und Frauenkrankheiten in Leipzig und Dresden. Während sie in Zürich mehrheitlich respektvoll behandelt wurde, sah sie sich vor allem in Leipzig offenen Anfeindungen und Diskriminierungen ausgesetzt. In Dresden arbeitete die junge Ärztin an der königlichen Entbindungsanstalt und verfasste ihre Dissertation über den Befund der Genitalien im Wochenbett.

Nach ihrer Promotion eröffnete Marie Heim-Vögtlin noch im selben Jahr an der Hottingerstrasse 25 in ­Zürich eine eigene gynäkologische Praxis. Allerdings war auch für diesen Schritt in ihrer Karriere erst eine Intervention des Vaters notwendig, um an die offizielle Bewilligung der Behörden zu kommen. Die Praxis wurde ausschliesslich von Frauen konsultiert und erfreute sich von Beginn an grosser Nachfrage. Durch fachliche Kompetenz und soziales Engagement erarbeitete sich die junge Aargauerin einen hervorragenden Ruf und zählte bald zu den angesehensten Ärztinnen der Region. Bedürftige Patientinnen behandelte sie gegen ein symbolisches Honorar, um ihre Würde zu wahren, und kümmerte sich engagiert um soziale Notlagen.

1875 heiratete sie Albert Heim, der inzwischen zum Geologieprofessor aufgestiegen war. Das Paar hatte gemeinsam einen Sohn und eine Tochter und kümmerte sich um ein Pflegekind. Eine weitere gemeinsame Tochter starb kurz nach der Geburt. Trotz familiären Verpflichtungen führte Marie Heim-Vögtlin ihre Praxis bis kurz vor ihrem Tod weiter und wurde durch ihr Engagement für viele Frauen ihrer Zeit zum Vorbild, weil sie versuchte, Beruf und Familie miteinander zu vereinbaren. Damit war die Pionierin ihrer Zeit um Jahrzehnte ­voraus.

Marie Heim-Vögtlin – eine Pionierin der Frauenheilkunde in Europa. (Bild: zVg)

Frauenrechtlerin von Herzen
Neben ihrer ärztlichen Tätigkeit ­engagierte sie sich für die berufliche Ausbildung von Frauen und für soziale Reformanliegen. Gemeinsam mit ihrer Kollegin Anna Heer gründete sie 1899 in Zürich die Schweizerische Pflegerinnenschule, aus der 1901 eine Schule mit angeschlossenem Spital hervorging. Damit leistete sie einen grundlegenden Beitrag zur Professionalisierung der Krankenpflege in der Schweiz. Neben ihrem Engagement im Bereich Medizin setzte sie sich ­aktiv für die Rechte der Frauen ein.

Marie Heim-Vögtlin verband hohen beruflichen Anspruch mit ausgeprägtem sozialem Verantwortungsbewusstsein. In einer Epoche, die von patriarchalen Strukturen geprägt war und von Frauen ausserordent­liche Leistungsbereitschaft verlangte, behauptete sie sich als Medizinerin, Institutionengründerin und gesellschaftliche Reformerin. Ihr Lebenswerk markiert einen entscheidenden Schritt in der Entwicklung der medizinischen Frauenberufe und der Frauenbewegung in der Schweiz. Marie Heim-Vögtlin starb am 7. November 1916 im Alter von 71 Jahren in Zürich.