So lang wie ­möglich im eigenen Zuhause wohnen

Die Anzahl der Menschen im Seniorenalter steigt. Umso wichtiger ist für Jean-Pierre Gallati deshalb die Messe Exposenio mit ihren ­diversen Angeboten für einen guten dritten Lebensabschnitt
Regierungsrat Jean-Pierre Galati

Region – Jean-Pierre Gallati überbringt an der Exposenio die Grussworte des Kantons Aargau. Diese Messe mit über 80 ­Ausstellern und Fach­referaten macht am 14. März im Trafo Baden das Leben im Alter zum Thema.

Jean-Pierre Gallati, warum ist die Messe wichtig?
Im Kanton Aargau leben mehr als 191 000 Personen über 60 Jahre, was fast einem Viertel der Bevölkerung entspricht. Vor diesem Hintergrund ist es wichtig, die vielfältigen Angebote für diese Bevölkerungsgruppe bekannt zu machen. Das dient auch dem Ziel der Aargauer Alterspolitik: Seniorinnen und Senioren sollen ein selbstbestimmtes Leben führen können. An der Exposenio können sie ­lernen, ihre eigenen Fähigkeiten zu nutzen, und erfahren gleichzeitig, wo sie bei Bedarf Unterstützung erhalten.

Was sind für Sie persönlich die ­wichtigsten Voraussetzungen für ein gesundes und glückliches Alter?
Eine gute körperliche und geistige Gesundheit.

Wie gesund lebt der Gesundheits­direktor des Kantons Aargau ­beziehungsweise was machen Sie für Ihr psychisches und physisches Wohlbefinden?
Viel Bewegung – zu Fuss und auf dem Velo.

Alters- und Pflegeheime sind überfüllt. Der akute Fachkräftemangel – verschärft durch die Pensionierungswelle der Baby­boomer – begrenzt die Kapazitäten zusätzlich. Wo sehen Sie Lösungsansätze für diese Probleme?
Das Ziel ist, dass die Menschen so lang wie möglich in ihrem eigenen ­Zuhause wohnen können. Das entspricht in der Regel auch ihrem Wunsch. Sinnvollerweise belegen erst Personen mit höherem Pflegebedarf die Plätze in den Pflegeheimen; für jene mit geringem Pflegebedarf gibt es ambulante oder intermediäre Angebote. Gemäss der Gesundheitspolitischen Gesamtplanung (GGpl 2030) sollen die Gemeinden Versorgungsregionen zur Koordination und Planung der Pflegeversorgung bilden. Der Kanton schafft den rechtlichen Rahmen dafür und fördert zudem die ambulanten Betreuungs- und Pflegestrukturen. Um den Personalmangel zu lindern, gibt es im Kanton Aargau seit 2016 eine Verpflichtung zur Ausbildung von nicht universitären Gesundheitsberufen. Spitäler, stationäre Pflegeeinrichtungen und Organisationen der Pflege und die Spitex im ­Kanton Aargau sind zur Ausbildung in Gesundheitsberufen verpflichtet. 

Menschen werden weltweit immer älter, aber oft benachteiligt. Schon über 50-Jährige finden kaum mehr einen Job, soziale Isolation bei ­Seniorinnen und Senioren ist weitverbreitet. Was muss sich Ihrer ­Meinung nach in der Gesellschaft ändern?
Es ist wichtig, dass Seniorinnen und Senioren am gesellschaftlichen Leben teilnehmen. Bestehende Barrieren sind abzubauen, zum Beispiel durch die Stärkung von Kompetenzen im IT-Bereich, sodass Senioren auch digitale Angebote nutzen können. Eine Idee ist ebenfalls, Netzwerke gegen Einsamkeit in Gemeinden und Regionen weiterzuentwickeln oder generationenverbindende Anlässe zu fördern.

Die Medizin hat riesige Fortschritte gemacht. Vor allem deswegen ist heute ein längeres Leben möglich. In welchen Bereichen wird zurzeit vor allem geforscht, und wo sehen Sie die grössten Fortschritte?
Die Behandlungen gegen Krebs werden dank individueller Therapien immer gezielter möglich. Die Covid-19-Pandemie hat ausserdem zu einem Schub in der mRNA-Forschung geführt. Als Regierungsrat masse ich mir aber nicht an, fundierte Kenntnisse über den neuesten Forschungsstand zu haben. In meiner Funktion als Gesundheitsdirektor habe ich mich vielmehr mit Gesundheitskosten auseinanderzusetzen.

Altersarmut ist in der Schweiz ein wachsendes Problem. Zunehmend mehr Seniorinnen und Senioren sind davon direkt betroffen oder ­armutsgefährdet. Ist das ein Fass ohne Boden?
Gemäss dem Bundesamt für Statistik schätzen die meisten Personen ab 65 Jahren ihre finanzielle Situation positiv ein. Das ist zum Teil darauf zurückzuführen, dass geringe Einkommen häufig durch finanzielle Reserven ergänzt werden können. Allerdings bestehen innerhalb der älteren Bevölkerung grosse Unterschiede. Besonders Personen, die hauptsächlich von der AHV leben und keine zweite oder dritte Säule haben, sind schlechter gestellt.

Sie sind 59 Jahre alt und stehen als Politiker und Rechtsanwalt noch voll im Berufsleben. Denken Sie schon an Ihre Pensionierung? Wann sollte man Ihrer Meinung nach ­damit beginnen, und was gilt es zu beachten, damit man später nicht in ein Loch fällt?
Hier will ich keine Ratschläge erteilen. Selbst bin ich bereits Mitglied des Aargauischen Seniorenverbands. Ob man es nach der Pensionierung eher ruhig angeht oder sich in neue Projekte stürzt, ist ein individueller Entscheid. Personen zwischen 65 und 74 Jahren leisten übrigens im Vergleich zu allen Altersgruppen schweizweit am meisten Freiwilligenarbeit. Allein im Kanton Aargau sind es rund 10 Millionen Stunden Freiwilligenarbeit pro Jahr, die Pensionierte zwischen 65 und 74 Jahren erbringen. 

Was ist für Sie das Schöne am ­Älterwerden?
Jede Lebensphase hat ihre Vor- und Nachteile. Der Vorteil am Alter ist sicher die Erfahrung, die es einem erlaubt, Ereignisse vor einem breiteren Hintergrund zu betrachten. Vermutlich reagiert man dann etwas gelassener auf das eine oder andere.