Ein kräftezehrender Rollenwechsel

Was unterstützt Menschen, die Demenzbetroffene daheim pflegen? Und wann ist der Wechsel ins Heim angezeigt? Ein Geriater gibt Antworten.
Andreas Breunig ist Mitgründer einer neurogeriatrischen Praxis in Lenzburg. (Bild: zVg)

Baden – Der 41-jährige Andreas Breunig ist ­Allgemeinmediziner mit Schwerpunkt Altersmedizin. Er ist in der neuro­geriatrischen Praxis Lenzburg tätig sowie als Heimarzt und Berater in sechs Pflegeheimen unterwegs.

Andreas Breunig, woran erkennt man eine Demenzerkrankung?
Eine leichte Vergesslichkeit, zum Beispiel dass jemandem ein Name nicht einfällt, ist für sich allein noch kein Zeichen. Wenn aber die Person als weniger empathiefähig erlebt wird, wechselhafte Stimmungen zeigt und ihr wichtige Hobbys aufgibt, können das Frühzeichen sein. Hinweisend ist zudem, wenn die Person zunehmend überfordert ist, wenn etwas ausserhalb der Alltagsnorm passiert, zum Beispiel wenn die Waschmaschine defekt ist und ersetzt werden sollte. Später können Wortfindungsstörungen bei Alltagswörtern hinzukommen. Ein Patient sagte zu mir, er habe «Hunger nach Wasser», weil ihm das Wort «Durst» nicht einfiel. Oft wird der Speiseplan einseitig: Jemand, der lang gern gekocht hat, steigt auf simple Rezepte um oder isst einfach ein Stück Brot oder eine Fertigpizza.

Was sind die grössten Heraus­forderungen, wenn man Betroffene privat pflegt?
Die Pflege eines demenzbetroffenen Angehörigen bringt einen Rollenwechsel mit sich: vom gleichberechtigten Partner zur Pflegeperson oder vom Kind zum Versorger. Die Persönlichkeit der demenzbetroffenen Person verändert sich, die Person ist nicht mehr die, die man kennengelernt hat. Das setzt einen Trauerprozess in Gang über einen Menschen, der ja noch lebt. Die Bedürfnisse der betreuenden Person treten in den Hintergrund, Hobbys und Freundschaften können nicht mehr gepflegt werden. Entsprechend fehlt ein wichtiger Ausgleich zur Betreuungsarbeit.

Was sind die wichtigsten Tipps zur Selfcare von Betreuenden?
Das A und O ist Vernetzung, es ist unmöglich, alles allein zu stemmen. Es benötigt formelle Helfer wie die Spitex und informelle wie Nachbarn oder Verwandte. Pflegende Angehörige sollten eigene Kontakte zu Freunden und Bekannten unbedingt aufrechterhalten. Auch damit sie nicht ­allein dastehen, wenn der Demenzbetroffene eines Tages ins Heim wechselt. Dann die Wahrnehmung eigener Bedürfnisse: Brauche ich eine Pause? Tut mir ein Spaziergang gut? Ausserdem sollte man fixe betreuungsfreie Zeiten einplanen, zum Beispiel einen Nachmittag pro Woche, und im Voraus Entlastung organisieren, sonst gibt es keine Pausen. Ich empfehle zudem Schulungen über das Krankheitsbild, um Verhaltensweisen besser einschätzen zu können. Man lernt, wie man mit Demenzbetroffenen umgeht, damit sie sich in ihrer Erlebenswelt angesprochen und angenommen fühlen. Die Methode heisst Validation.

Wann ist eine Pflege im Heim ­besser?
Aus Sicht der Demenzbetroffenen ist wichtig, dass ihre Grundbedürfnisse befriedigt werden, nämlich dass sie in ihrer Krankheit akzeptiert und ihre Bedürfnisse erkannt werden. Das kann im professionellen Umfeld manchmal besser erfüllt werden. Aus Sicht der Betreuenden gibt es Dinge, die den Rahmen des Leistbaren sprengen, zum Beispiel wenn der Demenzbetroffene wegläuft, wenn es zu Schlafstörungen kommt, aggressives Verhalten oder Inkontinenz auftritt. Oder wenn jemand wiederholt stürzt. Und nicht zuletzt wenn die betreuende Person selbst gebrechlich oder psychisch am Anschlag ist.

Was ist Ihnen sonst noch wichtig?
Auch Menschen mit Demenz haben Lebensqualität. Die Betroffenen leben im Moment und hemmungsfrei, sie empfinden tiefe Gefühle. Man soll den Wert eines Menschen nicht dermassen an der Persönlichkeit festmachen. Alle haben das Recht darauf, bedingungslos hier zu sein.

Vortrag: Sich vergessen – gesund bleiben als pflegende Angehörige
Samstag, 14. März, 16 Uhr, Trafo, Baden