Brugg – Das fünfte Konzert der Reihe «Kammermusik im Zimmermannhaus» steht unter dem Motto «Aus alten Märchen winkt es». Der Schwerpunkt des stilistisch vielschichtigen Konzerts liegt auf romantischen Märchenvertonungen von deutschen und tschechischen Komponisten. Den Auftakt bildet das 1897 für Violoncello und Klavier geschriebene, lyrisch verträumte Märchen op. 8 von Paul Juon, einem in Moskau geborenen Schweizer Komponisten bündnerischer Herkunft. Er verbrachte den grössten Teil seines Lebens in Deutschland, unterrichtete in Berlin an der Hochschule für Musik und galt, von Tschaikowsky und Brahms stark beeinflusst, als «russischer Brahms».
Mit ihren vielen Motivwiederholungen erzielt die dreiteilige Komposition «Pohadka» des mährischen Komponisten Leoš Janáček eine hoch expressive Klangwirkung. Sie basiert auf einer Märchenerzählung des russischen Romantikers Wassily Schukowsky und besteht aus eindringlichen Dialogen des Zarensohns Iwan (Violoncello) und der Prinzessin Marja (Klavier).
Lieder ohne Worte
Diesen kammermusikalischen Kostbarkeiten folgen unbegreiflicherweise mehrere Lieder von böhmischen und mährischen Komponisten in Transkriptionen für Violoncello und Klavier. Ausdrucksstarke Gesänge werden dadurch ihres literarischen Inhalts beraubt und zu entleerten Liedern ohne Worte degradiert. Diese Reihe beginnt mit dem in den «Zigeunermelodien» op. 55 von Antonín Dvořák enthaltenen berühmten Lied «Když mne stará matka zpivat’ učívala» («Als mich die alte Mutter singen lehrte»), auf dem Konzertprogramm fälschlich «Als die Mutter sang» wiedergegeben.
Aus der immer noch wenig bekannten, 1908 zusammengestellten Sammlung «Mährische Volkspoesie in Liedern» von Janáček folgen die gegensätzlichen Miniaturen «Beständigkeit» und «Abschied», eine weitere solche von Bohuslav Martinů und aus Robert Schumanns 1844 erstmals veröffentlichten Heine-Vertonungen «Die Dichterliebe» op. 48 das Lied Nr. 15. Es beginnt mit der Zeile «Aus alten Märchen winkt es hervor mit weisser Hand», die dem Motto des musikalisch literarischen Abends zugrunde liegt. Zum effektvollen Beschluss erklingt die 1. Violoncellosonate op. 38 in e-Moll von Johannes Brahms, der als Förderer von Dvořák eine Brücke zum Beginn der Liedergruppe schlägt. Ihre grosse Wirkung verdankt die dreisätzige, 1871 in Leipzig uraufgeführte Sonate dem menuettartigen Mittelteil und einem fugierten, virtuosen Finale.
Zwischen den Kompositionen rezitiert Andreas Müller-Crepon an dem Abend im Zimmermannhaus mehrere Märchentexte von Hans Christian Andersen, Heinrich Heine und weiteren Dichtern. Das Zusammenwirken des mit Radiosendungen bekannt gewordenen Moderators und Sprechers mit der vom Aargauer Kuratorium geförderten Pianistin und Chorleiterin Judith Flury und dem Violoncellisten Andreas Müller, ehemals Mitglied des Asasello-Quartetts, verspricht einen poesievollen Konzertgenuss.
Freitag, 20. März,19.30 Uhr
Zimmermannhaus, Brugg