Die Wirkung regenerativer Massnahmen

In unserer Region läuft ein Experiment: Bauern und ­Winzer tauschen sich bei ­Anpassungen an das Klima mit Forschern der ETH aus.
Dank dem Reallabor-Experiment ist bekannt, dass der Rebberg Gugelen bei Villigen eine sehr gute Bodenstruktur aufweist. (Bild: Yuri Schmid)

Villigen – Früher, so hiess es, hätten die dümmsten Bauern die grössten Kartoffeln gehabt. Das ist vorbei. Heutige Acker-, Obst- und Weinbauern müssen viel mehr wissen. Der Erfolg ihrer Arbeit hängt davon ab, wie gut sie die Struktur und die Biologie, den Nährstoffgehalt und den Energieaustausch ihrer Böden kennen und damit um­gehen. Die Bodengesundheit ist ein zentrales Element für eine nachhaltige landwirtschaftliche Produktion. Aber das Ökosystem Boden ist komplex. Bei einem Wissensaustausch zwischen Forschern und Praktikern im Rebberg Villigen erklärte der ETH-Professor Martin Hartmann, dass in einem einzigen Teelöffel Erde Milliarden von Organismen existierten, die für das Pflanzenwachstum unerlässlich seien.
Landwirten steht heute ein breites Spektrum an Massnahmen zur Förderung der Bodenfruchtbarkeit zur Verfügung. Deren Wirkung lässt sich mit exakten Datenerhebungen und Laboruntersuchungen durch die Forschung voraussagen und nachvollziehen. Für die nutzbringende Umsetzung der ­Erkenntnisse ist der unkomplizierte Austausch zwischen den Akteuren der Wissenschaft und der landwirtschaftlichen Praxis hilfreich. Diesen Weg geht in unserer Region seit drei Jahren das Reallabor Jurapark Aargau. Im Zentrum steht das gemeinsame Lernen: Neue Ideen werden direkt in der Praxis ausprobiert, um zu sehen, was wirklich funktioniert.

Erste Phase mit Workshops
Das Pilotprojekt wurde 2023 unter der Leitung der ETH Zürich und der Forschungsanstalt WSL (Wald, Schnee, Landschaft) in enger Zusammenarbeit mit dem Jurapark Aargau in Linn/Bözberg und engagierten ­Personen aus Jurapark-Gemeinden begonnen. In der ersten Phase führte das Reallabor Workshops zu den Themen Wasser, Klimaanpassung und Kreislaufwirtschaft durch. In der noch bis Ende des Jahres 2026 lau­fenden zweiten Phase werden die ­definierten Realexperimente von den ­Vertreterinnen und Vertretern aus ­Forschung und Praxis gemeinsam entwickelt, experimentell umgesetzt und ausgewertet.
Drei Betriebe in unserer Region – die Winzer Patrick Spinelli und Peter Schödler in Villigen sowie der Obstbauer Christian Vogt in Remigen – liefern Beweise, erhärtet durch Messergebnisse, dass regenerative Anbaumethoden die Fruchtbarkeit von Anbauflächen verbessern. An einem Anlass von vergangener Woche in ­Villigen wurde zudem die funktionierende Zusammenarbeit mit dem Reallabor Jurapark Aargau verdeutlicht. Zugegen waren die Projektleitung sowie Forschende, Studierende, landwirtschaftliche Beratungspersonen, Landwirtinnen und Landwirte.
Gestartet wurde das Treffen am Südsüdosthang des Rebbergs Gugelen, der von der Rotbergstrasse Villigen-Mandach her einsehbar ist. Hier bewirtschaftet Patrick Spinelli als Pächter eine 75 Aren grosse Rebparzelle nach Demeter-Richtlinien. Darauf steht auch ein Rebhaus mit sonniger Terrasse und schöner Aussicht auf den Geissberg sowie den Aussichtspunkt Besserstein. Reblagen gehören zu den schönsten bekannten Gegenden in unserer Region, doch können einen idyllische Landschaften wie die Gugelen immer wieder überraschen.

Bauern und Forschende testen Ideen. (Bild: hpw)


Neben der Gugelen-Parzelle pflegt ­Patrick Spinelli 13 Aren Reben am Schlossberghang unterhalb der Ruine Besserstein sowie 10 Aren am Staufberg im Bezirk Lenzburg. Er setzt auf regenerative Methoden wie die Beweidung mit Schafen zwischen den Reben. Diese Form der Tierintegration ermöglicht eine schonende, natürliche Düngung. Ergänzt wird sein Konzept durch Zwischenbegrünungen und eine hohe Sortenvielfalt, um die Pflanzendiversität zu steigern.
Damit erreicht der Winzer laut den Reallabor-Verantwortlichen eine hervorragende Bodenstruktur, die sie gegenüber Extremereignissen des Klimawandels widerstandsfähiger macht und die Biodiversität fördert. Die Artenvielfalt der Bodenlebewesen weist inzwischen die Merkmale eines naturnahen Lebensraums auf, den Stabilität und Pufferqualität auszeichnen. Zwischen pilzwiderstandsfähigen und herkömmlichen Rebsorten ergaben Bodenproben keine grossen Unterschiede. Patrick Spinelli bemüht sich, den im biodynamischen Weinbau verpönten Kupfereinsatz zu reduzieren, indem er auf Präparate wie Hornkiesel oder -mist und pflanzliche Hilfsstoffe wie Schachtelhalm, Brennnesseln, Löwenzahn, Kamille, Schafgarbe und Baldrian zurückgreift.
Auch im Bioobstbau zeigt sich die Bedeutung eines aktiven Bodenmanagements. Christian Vogt, einer der grössten aargauischen Produzenten von Biotafeläpfeln, nutzt natürliche Bodenfunktionen, um seinen Betrieb gegen zunehmende Trockenheit zu wappnen.

Gezielter Komposteinsatz
Das Forscherteam der ETH bescheinigte dem Remiger Obstbauer, dass er mit dem gezielten Komposteinsatz den Humusaufbau fördere, die Bodenstruktur verbessere und die ­Bodenverdichtung verringere. Das lockere Bodengefüge könne das Wasser wie ein Schwamm speichern. Das fördere gleichzeitig die Versorgung von Sauerstoff für ­Bodenorganismen, die Nährstoffe in eine pflanzenverfügbare Form umwandelten. Davon profitiere das Baumwachstum und letztlich die ­Apfelqualität.
«Unsere Messungen bestätigen die Wirksamkeit regenerativer Massnahmen», bilanzierte die Reallabor-Leitung im zweiten Teil des Erfahrungsaustauschs, zu dem die Teilnehmenden vom Rebberg Gugelen in das Eventlokal des Weinguts Schödler ins Dorf hinunter dislozierten. Im Austausch zwischen Forschenden und landwirtschaftlichen Praktikern, in der Verbindung von Erfahrungswissen und moderner Datenanalyse sowie in den gemeinsam entwickelten Massnahmen liege der Schlüssel für eine zukunftsfähige Bewirtschaftung der kostbaren Ressource Boden. Auch Christine Neff, Co-Geschäftsleiterin des Juraparks Aargau, gab dem Pilotprojekt eine gute Note.