«Erfolgsquote liegt bei rund 95 Prozent»

Die Ausbildungsbegleitung des Lernwerks stehe neuerdings auch Lernenden ohne Migrationshintergrund offen, sagt Fabienne Beck.
In der Ausbildungsbegleitung des Lernwerks erhalten Jugendliche Unterstützung bei Hausaufgaben, beim Verfassen schriftlicher Arbeiten sowie bei der Vorbereitung auf Prüfungen und das Qualifikationsverfahren. (Bilder: zVg)

Windisch – Das Lernwerk in Windisch ist eine Institution, die Jugendliche und Erwachsene auf dem Arbeitsmarkt unterstützt und unbegleitete minderjährige Asylsuchende betreut. Fabienne Beck, Leiterin der Integrationsprogramme und Mitglied der Geschäftsleitung, erläutert die Ausbildungsbegleitung während der Lehre.

Fabienne Beck, seit wann bietet das Lernwerk das Programm «Ausbildungsbegleitung während der Lehre» an, und wie kam es dazu?
Das Lernwerk kann auf eine langjährige Erfahrung in der Begleitung von Lernenden zurückgreifen. In der Stadt Zürich führen wir das Programm «Ausbildungsbegleitung während der Lehre» seit 2008 mit grossem Erfolg durch. Derzeit betreuen wir dort 35 Lernende, die aufgrund schwächerer schulischer Leistungen, psychischer Belastungen oder geringer familiärer Unterstützung während ihrer Ausbildung auf zusätzliche Begleitung angewiesen sind. Im Kanton Aargau stellen wir seit 2017 ein ähnliches Angebot bereit, das sich zunächst ausschliesslich an geflüchtete und spät zugewanderte Lernende richtete. Seit August 2025 steht die Lernwerk-Ausbildungsbegleitung neu auch Lernenden ohne Migrationshintergrund offen. Wir haben festgestellt, dass viele Betriebe grundsätzlich bereit wären, auch schulisch schwächeren oder psychisch belasteten Jugendlichen eine Chance zu geben. Häufig schreckt sie jedoch der zusätzliche Betreuungsaufwand ab, und es fehlt an Erfahrung in der Begleitung von Jugendlichen mit erschwerten Voraussetzungen. Genau hier setzt die Ausbildungsbegleitung des Lernwerks an: Sie unterstützt Lernende und Betriebe gezielt, individuell und professionell während der gesamten Lehrzeit.

Was ist der Gedanke hinter der ­Ausbildungsbegleitung?
Der Fachkräftemangel ist Realität. Zahlreiche, vor allem handwerkliche Betriebe haben Schwierigkeiten, geeignete Lernende zu finden. Gleichzeitig gibt es viele Jugendliche mit schwächeren schulischen Leistungen, psychischen Belastungen oder wenig familiärer Unterstützung, die den Anforderungen einer Lehre nicht ohne Weiteres gewachsen sind. Bei spät zugewanderten Jugendlichen kommen häufig sprachliche Hürden hinzu. Für Lehrbetriebe bedeutet die Begleitung solcher Lernenden oft einen erhöhten Zeitaufwand und zusätzliche Herausforderungen. Ein weiterer Fokus liegt auf unbegleiteten minderjährigen Asylsuchenden: Mit gezielter Unterstützung entwickeln sie Perspektiven und können zu wertvollen Fachkräften in verschiedensten Branchen ausgebildet werden. Das Angebot «Ausbildungsbegleitung während der Lehre» des Lernwerks unterstützt diese Jugendlichen sowohl schulisch als auch persönlich. Bei Bedarf erhalten daneben die Lehrbetriebe Beratung und Unterstützung. Ziel der Ausbildungsbegleitung ist es, Lehrvertragsauflösungen zu reduzieren und die Lernenden so zu stärken, dass sie ihre Ausbildung erfolgreich abschliessen und der Einstieg ins Berufsleben gelingt.

Wie läuft das Programm ab?
Das Angebot umfasst eine wöchentliche Lernbegleitung sowie ein individuelles Coaching für die Lernenden. Bei Bedarf bekommen die Lehrbetriebe Unterstützung und Beratung. Die Lernbegleitung findet jeweils am Montagabend zwischen 17 und 20 Uhr in der Lernwerk-Bewerbungsdossier-Werkstatt an der Industriestrasse 19 in Brugg statt. Dort ­erhalten die ­Jugendlichen Unterstützung bei Hausaufgaben, beim Verfassen schriftlicher Arbeiten sowie bei der Vor­be­reitung auf Prüfungen und das Qualifikationsverfahren. Neben der schulischen Förderung profitieren sie von einem individuellen Coaching bei beruflichen und persönlichen Fragen. Die Coaches stehen während der gesamten Ausbildung in regelmässigem Austausch mit dem Lehrbetrieb und der Berufsfachschule. Dadurch können Schwierigkeiten früh erkannt und gezielt angegangen werden. Gegen Ende der Lehrzeit ergänzt eine individuelle Bewerbungsunterstützung das Angebot. Die Ausbildungsbegleitung versteht sich als Ergänzung zu den bestehenden Förderangeboten der Berufsfachschulen.

Was muss erfüllt sein und an wen muss man sich richten, wenn man dabei sein will?
Das Angebot richtet sich an Jugendliche und junge Erwachsene mit erschwerten Startbedingungen im Schweizer Berufsbildungssystem. Dazu gehören Jugendliche, die erst seit kurzer Zeit in der Schweiz leben und sprachliche sowie kulturelle Herausforderungen bewältigen müssen. Ebenso richtet sich das Angebot an ­Jugendliche mit schulischen Schwierigkeiten, psychischen Belastungen, instabilen familiären Verhältnissen oder nach einem Ausbildungsabbruch. Voraussetzung ist, dass die Jugendlichen bereits über eine Lehrstelle verfügen und der Lehrbetrieb die Ausbildungsbegleitung unterstützt. Lehrbetriebe, die eine Lernende oder einen Lernenden für die Ausbildungsbegleitung anmelden möchten, können sich an Nea Masi, Leiterin der Lernwerk-Ausbildungsbegleitung, wenden.

Fabienne Beck, Leiterin der Integra­tionsprogramme beim Lernwerk.

Ist die Nachfrage nach der ­Begleitung gross?
Zurzeit besuchen 15 Lernende die Lernbegleitung am Montagabend. Bei entsprechender Nachfrage können weitere Lernbegleitungsabende angeboten werden.

Wie steht es um die Erfolgsquote beziehungsweise wie gross ist die Gefahr für die Beteiligten zu scheitern?
Die Erfolgsquote beim Qualifikationsverfahren beziehungsweise bei der Lehrabschlussprüfung liegt bei rund 95 Prozent. Das entspricht ungefähr dem Schweizer Durchschnitt – ist jedoch bemerkenswert hoch, wenn man bedenkt, dass wir ausschliesslich Jugendliche mit erschwerten Startbedingungen begleiten.

Gibt es im Zusammenhang mit dem Projekt eine Erfolgsgeschichte, die Sie besonders berührt oder gefreut hat?
Ja, die Geschichte von Jannik. Der 17-Jährige arbeitete gern körperlich. Seine erste Lehre als Strassenbauer wurde jedoch vom Lehrbetrieb aufgelöst, weil er schulisch nicht mithalten konnte. Ausserdem fiel es ihm schwer, Aufgaben zu planen sowie pünktlich und zuverlässig zu sein. Seit Beginn der Pubertät kämpfte Jannik mit psychischen Problemen, und der Lehrabbruch belastete ihn stark. Er fühlte sich als Versager. Dennoch suchte er nach einer neuen Lösung, und nach einer Schnupperlehre bot ihm eine Baufirma eine Lehrstelle als Maurer an. Der Berufsbildner erkannte schnell, dass Jannik in verschiedenen Bereichen Unterstützung benötigen würde. Er entschied, sich vom Lernwerk unterstützen zu lassen und das Angebot der Ausbildungsbegleitung in Anspruch zu nehmen. Dort erhielt Jannik Unterstützung bei schulischen Themen und wurde in persönlichen Belangen begleitet. Schritt für Schritt gewann er Selbstvertrauen. Er erklärte sich zudem bereit, regelmässig Termine beim jugendpsychologischen Dienst wahrzunehmen. Mit der Zeit entwickelte sich Jannik zu einem geschätzten Mitarbeiter. Er bestand das Qualifikationsverfahren als Maurer EFZ und erhielt im Lehrbetrieb eine Festanstellung.