Wenn die Software übernimmt

In den USA und in China sind fahrerlose Taxis bereits ­täglich unterwegs. Steht bei uns die Mobilität vor einem Neustart?
Das Podium (von links): Thomas Sauter-Servaes, Pascal Kern, Martin Neubauer und Moderator Urs Bloch. (Bild: pg)

Zur zehnten Auflage des Impulsforums der Regionalen Verkehrsbetriebe Baden-Wettingen (RVBW) und der Postauto AG konnte Moderator Urs Bloch am 11. März über 160 Personen aus Politik und Wirtschaft im Campussaal Brugg-Windisch willkommen heissen. Mit einer Schweigeminute gedachten die Teilnehmenden der ­Opfer des Postauto-Brandes von ­Kerzers. Danach bat Urs Bloch Irina Leutwyler, Direktorin der RVBW, und Michael Schmis, Key-Account-Manager bei der Postauto AG, auf die Bühne. Auch sie hiessen die Gäste willkommen und berichteten über ihre Erfahrungen in fernen Ländern mit fahrerlosen Taxis. Dann informierte Mobilitätsforscher Thomas Sauter-Servaes das Publikum über den aktuellen Stand der technologischen Entwicklung und öffnete den Blick für mögliche Zukunftspfade.

Kommt es zum echten Wandel?
Seinen Ausführungen war zu entnehmen, dass das, was lang wie ein Zukunftsversprechen klang, zur Realität wird. Hoch automatisiertes Fahren ist keine Vision mehr. In den USA und in China sind fahrerlose Taxis bereits täglich unterwegs.
«Unsere Mobilität steht vor einem Neustart. Es geht nicht mehr nur um neue Fahrzeuge, sondern um ein völlig neues Betriebssystem für den Verkehr. Dabei wird die Software zum entscheidenden Motor», so Thomas Sauter-Servaes. Der aus Japan stammende Anbieter Waymo ist in zahlreichen Städten der USA rund um die Uhr verfügbar. Die fahrerlosen Fahrzeuge sind mit Kameras, Radar und Lidar (Light Detection and Ranging) ausgestattet. Sie sind dank künstlicher Intelligenz und Sensoren in der Lage, Hindernisse wie Fussgängerinnen, Radfahrer und andere Fahrzeuge präzis zu erkennen.
Die Fahrt wird dabei als angenehm und sicher empfunden, wobei Fahrgäste auf Bildschirmen die Fahrtumgebung und die Route verfolgen können. Es stellt sich die Frage, ob wir damit vor einer neuen Ära stehen, in der geteilte Taxifahrten günstiger sind als das eigene Auto. Könnte ein solches Angebot im Verbund mit dem öffentlichen Verkehr (ÖV) und Mikromobilität das klassische Stadtauto ­sogar überflüssig machen? Ist ein ­echter Wandel denkbar: weg vom ­individuellen Besitz und hin zu flexi­blen, geteilten und automatisierten Mobilitätslösungen? Manches davon dürfte ganz anders sein, als wir es uns bisher vorgestellt haben.

Postauto im Testbetrieb
Im Anschluss an den Impulsvortrag diskutierten Pascal Kern, Leiter Mobilitätsentwicklung und -steuerung des Kantons Zürich, und Martin Neubauer, Leiter Autonomes Fahren bei der Postauto AG, mit dem Referenten über Chancen und Herausforderungen dieser Transformation.
Nachdem im Rheintal die ersten, noch von Menschen gesteuerten Fahrten mit dem Postauto-Taxi stattgefunden haben, und zwar mit dem Zweck, alles zu kartografieren, werden in diesem Jahr die Fahrten ohne Fahrer aufgenommen. Gleiches geschieht in den Kantonen Zürich und Aargau, im grenzüberschreitenden Furttal. Die selbstfahrenden Autos, die durch Postauto zum Einsatz kommen, stammen vom chinesischen Unternehmen Baidu Apollo, einer Tochterfirma des riesigen Techkonzerns Baidu, der dem Pendant von Google entspricht.
Die automatisierten Fahrzeuge sind als Ergänzung zum bestehenden ÖV-Angebot gedacht, um die Mobilität in die Zukunft zu führen. Ziel ist es, dass Fahrgäste in einem definierten Gebiet mit der Amigo-App ein automatisiertes Fahrzeug bestellen, dessen Tür sich mit dem Handy öffnen lässt und das sie sicher und komfortabel ans Ziel bringt. So soll der bestehende Linienverkehr sinnvoll und nachhaltig ergänzt werden. Selbstverständlich lässt sich durch Fahrgemeinschaften die Auslastung der Fahrzeuge verbessern. Zufriedenstellend konnten zum Schluss die Fragen aus dem Publikum beantwortet werden, und eine grosse Mehrheit zeigte sich bereit, in ein fahrerloses Fahrzeug einzusteigen.