Wettingen – Für Max (Name geändert) ist der Schulalltag eine Herausforderung. «In der ersten Stunde bin ich voll da, nehme alles auf und erledige die Aufgaben relativ schnell», erzählt der Elfjährige. «Ab der zweiten Stunde bin ich meist erschöpft und wurstle mich nur noch durch.» Vom Schulstoff bekommt er nur noch einen Teil mit, er findet Bücher und Blätter nicht, und Material, das er für die Aufgaben mit nach Hause nehmen sollte, bleibt im Schulzimmer liegen. Wenn Max nach dem Unterricht nach Hause kommt, legt er sich zuerst aufs Bett und liest oder hört Musik, am liebsten eine ganze Stunde lang: Er braucht Erholung.
Max gehört zu den ruhigen, zurückgezogenen Kindern. Aber manchmal knallt es bei ihm. Wenn andere am Esstisch streiten, schlägt ihm das so aufs Gehör und die Nerven, dass er ins Zimmer rennt und die Tür zuschlägt. Noch schlimmer treffen ihn (gefühlte) Ungerechtigkeiten: «Wenn ich etwas nicht bekomme, auf das ich mich sehr gefreut habe und das mir versprochen wurde, kommt zuerst tiefe Enttäuschung – und dann grosse Wut», sagt er. «Die muss dann raus. Weil ich andere nicht angreifen darf, werfe ich stattdessen Sachen herum und schreie.» Das dauert so lang, bis Max erschöpft ist. «Das macht es dann einfach mit mir. Manchmal weiss ich am Schluss nicht mehr, warum ich überhaupt wütend geworden bin.»
Der Schüler gehört zu den Menschen mit Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom (ADHS). Sie sind sehr empfindsam, neigen zu starken Reaktionen und sind leicht verletzbar. Sie nehmen Eindrücke und Spannungen direkter auf und geraten so schnell in die Überforderung, die sie mit Rückzug nach innen oder Aggression gegen aussen abwehren.
Planungsnotstand
Wie Menschen mit ADHS den (Schul-)Alltag erleben, macht Nicole Veuve, Psychomotoriktherapeutin bei der Stiftung Zeka in Wettingen, mit einem Beispiel deutlich: «Stellen Sie sich vor, aus Ihrem Bekanntenkreis würden zehn Personen ausgelost, mit denen Sie zehn Tage gemeinsam Ferien machen müssten.» Zur emotionalen Überlast kommen Hürden bei der Bewältigung von Aufgaben. «Die Kinder haben ein anderes Zeitgefühl, und die Handlungsplanung fällt ihnen schwer», sagt Nicole Veuve.
Bei Max heisst das: Ohne planerische, zeitliche Leitplanken und Begleitung bei den Hausaufgaben kann er eine Stunde daran sitzen, ohne wesentlich vorwärtszukommen.
«In der Psychomotorik-Therapiestunde gebe ich den Kindern mit Ritualen und einem klaren Orientierungsrahmen Halt», sagt Nicole Veuve. «Der Zugang über Bewegung und Spiel entspricht den Kindern sehr.» Sie visualisiert den Stundenablauf mit Symbolkarten, damit die Kinder den Überblick haben und wissen, was auf sie zukommt. «Lange verbale Anweisungen und Erklärungen übersteigen die auditive Aufnahmefähigkeit der neurodiversen Kinder», sagt Nicole Veuve und plädiert deshalb für kurze, klare Anweisungen, begleitet mit visuellen Hilfestellungen, und eine Portionierung in überschaubare Aufträge.
Herkulesaufgabe
Weniger aufs Mal hilft ausserdem zu Hause: Fordert die Mutter von Max in einem Atemzug: «Hausaufgaben machen, Zimmer aufräumen und Pflanzen giessen, bevor du gamen darfst», verzweifelt der Junge ob des Pflichtenbergs und vergisst ziemlich sicher einen der Aufträge.
Wichtig sind daneben eingeplante Pausen. Muss sich Max zu lang auf etwas Schwieriges konzentrieren, kommt er mental an seine Grenze. Mit Rückzug in seine Welt kann er sich erholen. Andere Kinder werden körperlich unruhig und brauchen Pausen für Bewegung. «Die Beschäftigung der Hände mit einem Stressball oder Schmeichelstein während des Zuhörens hilft gewissen Kindern, sich zu konzentrieren», erklärt Nicole Veuve.
Trotz unterstützenden Massnahmen kann es im Umgang mit Frustration zu Ausbrüchen oder Blockaden kommen. «Manchmal denkt man: Gestern hat es noch geklappt, warum denn heute nicht?», so die Psychomotoriktherapeutin. Es gebe grosse Leistungs- und Stimmungsschwankungen bei diesen Kindern. Ganz wichtig sei, dass man lösungsorientiert denke und nicht einen Machtkampf beginne. «Widerspenstiges Verhalten nicht persönlich nehmen, sondern an der guten Beziehung festhalten.»
Wohlwollen und Geduld
Rosmarie von Allmen, Ergotherapeutin für Kinder in Wettingen, betont ebenfalls die Wichtigkeit dieser Beziehung. Eltern könnten ADHS-betroffenen Kindern helfen, Boden unter die Füsse zu bekommen. «Es ist wichtig, miteinander Zeit zu pflegen, die heute mehr und mehr verloren geht: gemeinsam essen, ohne Handy am Tisch, eigene Erlebnisse teilen und Anteil nehmen, draussen etwas unternehmen, Spiele machen oder Bücher anschauen.» Viele Eltern schränkten zudem den Medienkonsum und die Bildschirmzeit zu wenig ein, wofür Kinder mit ADHS besonders anfällig seien. «Die Kinder benötigen klare Regeln und sehr viel Konsequenz», weiss Rosmarie von Allmen. «Selbst wenn es anstrengend und konflikthaft ist, sollten die Eltern dabeibleiben und die Regeln durchsetzen.»
In der Schule wie zu Hause gelte: «Das Positive verstärken und die Ressourcen des Kindes sehen. Belohnen statt bestrafen.» Auch zu hohe Erwartungen an die Genauigkeit sind laut Rosmarie von Allmen ein Stolperstein. Was immer helfe, sei Humor, gemeinsam lachen und eigene Schwächen zugeben können, sagt die Ergotherapeutin. Max erwähnt eine Lehrerin, die oft erzählte, wovor sie sich fürchtete, was ihr Peinliches passiert war oder was sie vergessen hatte. Er hat sie in guter Erinnerung. Dass auch den Erwachsenen nicht alles gelingt, ist für die Kinder entlastend. Und entkrampft die Beziehung, die dann in herausfordernden Momenten wieder trägt.