Region – In den vergangenen Jahren hat sich das Bestattungswesen in der Schweiz und in der Region sehr verändert. Viele Menschen wünschen sich heute eine schlichte, persönliche und oft kostengünstigere Form der letzten Ruhe als die herkömmliche Erdbestattung. Das zeigt sich besonders beim Vergleich von Erd- und Urnenbestattungen.
Früher war die klassische Erdbestattung in der Schweiz die Regel. Ein Grab auf dem Friedhof, ein Stein, ein klarer Ort der Erinnerung. «Diese Form ist auch heute noch wichtig, doch sie nimmt ab. Immer mehr Gemeinden melden einen deutlichen Rückgang. Gründe dafür sind die höheren Kosten, der grössere Platzbedarf und die langfristige Grabpflege, die oft zur Belastung wird», bestätigt Esther Zürcher, Bestatterin sowie Mitinhaberin und Geschäftsleiterin des Bestattungsinstituts Harfe in Dättwil. «Zwischenzeitlich gibt es auch Gräber, bei denen nur die Asche beigesetzt wird, zum Beispiel bei Gemeinschaftsgräbern oder in Parkwäldern.»
Kleine Feiern und persönliche Rituale
Im Gegensatz dazu liegen Urnenbestattungen klar im Trend. Sie sind günstiger, benötigen weniger Platz und lassen mehr Freiheiten bei der Gestaltung des Abschieds. Viele Familien entscheiden sich für ein Urnenfeld, eine Gemeinschaftsanlage oder eine Naturbestattung. Besonders Natur- und Waldbestattungen haben in den letzten Jahren sehr zugenommen. Sie verbinden den Abschied mit einem Gefühl von Natürlichkeit. Bioholzurnen aus abbaubarem Polymer seien am beliebtesten, die Nachfrage nach Urnen aus Keramik oder gar Metall sei stark rückläufig, erklärt Esther Zürcher.
Gleichzeitig nimmt der Wunsch nach individuellen Zeremonien zu. Kleine Feiern im Familienkreis, persönliche Rituale und flexible Formen des Gedenkens spielen im Bestattungswesen eine grössere Rolle. Der Abschied wird privater und oft näher am Leben der Verstorbenen gestaltet. Darüber hinaus haben Digitalisierung und gesellschaftlicher Wertewandel neue Formen des Gedenkens hervorgebracht. Virtuelle Gedenkseiten oder digitale Nachlässe gewinnen zunehmend an Bedeutung, insbesondere bei jüngeren Generationen. Insgesamt lässt sich eine klare Tendenz zu mehr Selbstbestimmung, Individualität und Flexibilität im Umgang mit dem Tod feststellen.
Auf das Leben anstossen
Diese Entwicklungen stellen nicht nur die traditionellen Friedhofskulturen vor neue Herausforderungen, sondern regen dazu an, über neue Formen der Trauerkultur und des Erinnerns nachzudenken. So wagt die Stadt Bern ein einzigartiges Projekt. Auf dem Bremgarten-Friedhof entsteht mit «La Vie» das erste Friedhofsrestaurant der Schweiz. Die denkmalgeschützten Urnenhallen III und IV werden umgebaut und erhalten so ein neues Leben. Ziel ist es, einen Ort zu schaffen, der Raum bietet für Trauer, Erinnerung, Gespräche und zugleich einladend für alle ist. «La Vie» soll sowohl für Trauerfeiern als auch für alle offenstehen, die einfach verweilen möchten. Das Restaurant soll im Frühjahr 2026 eröffnet werden. Auch Zürich, insbesondere der Friedhof Sihlfeld, geht ungewöhnliche Wege. So wird das Gelände bewusst für Jogger geöffnet, oder es wird angeboten, sich im Park zu verpflegen und ein Picknick einzunehmen.
Nachhaltige Bestattung
Als vor vier Jahren der Vater der Wettingerin Nicole Veuve starb, wollte sie für die Bestattung nicht einfach eine handelsübliche Urne verwenden. Das war ihr zu anonym. Sie wollte selbst aktiv werden und so ihrer Trauer begegnen. Gemeinsam mit ihrer Schwester entschied sie sich, selbst eine Urne zu gestalten und herzustellen. Diese sollte zudem weich und wasserlöslich sein, damit sie sich im Wasser auflöst, denn ihr Vater wünschte, in der Aare bestattet zu werden.
Fündig wurden die Schwestern bei Marianne Neuhaus aus Lenzburg. Die Gestalterin und Kunsttherapeutin ist im Bereich Palliative Care ausgebildet und gibt Hinterbliebenen, die eine Urne selbst fertigen wollen, Hilfestellung. «Die Urnen bestehen aus luftgetrocknetem Ton und werden nicht im Ofen gebrannt. Das Material bleibt natürlich und trocknet so, dass man die Urne handhaben kann. In der Erde und im Wasser zerfällt die Urne dann wieder», erklärt Marianne Neuhaus, die das Projekt mit dem Künstler Bruno Fischer aus Boniswil entwickelt hat. In Zeiten, in denen Themen wie Klimawandel, Umweltschutz und CO2-Ausstoss stärker in den Fokus rücken, ermöglicht diese Form der Beerdigung Nachhaltigkeit über den Tod hinaus.