Zeit fliesst, Zeit lebt, Zeit verändert uns

Inspiriert von Michael Endes Klassiker «Momo», widmen sich 110 Schülerinnen und Schüler der Schule Neuenhof dem Phänomen Zeit.
Die Proben fordern von allen viel: Die Künstlerische Leiterin Salomé Martins (rechts) weiss das. Deshalb gibt es von ihr am Ende ein grosses Danke. (Bild: ef)

Neuenhof – Ticktack, ticktack: Die eingespielte Uhr im Peterskeller in Neuenhof tickt. Ohne Absicht, je auch nur geringfügig früher zu beginnen oder zu enden. Die Zeit läuft und mit ihr die Gewissheit: «Zeit ist wie eine Spirale. Sie hört nie auf. Und bewegt sich immer weiter.» Aber: Kann man von ihr trotzdem erfahren, wer sie ist? Schwierig. Den Versuch ist es aber wert: «Zeit ist alles. Zeit fliesst. Zeit lebt. Zeit verändert uns.» Schön und gut, aber gibt es nicht noch mehr? Doch. «Zeit ist ein Geschenk. Und es liegt an uns, sie zu schätzen und sie zu schützen. Vor allem, was sie uns vergessen lässt. Zeit geht weiter – und wir sind hier nur auf der Durchreise.» 
Wie trefflich, möchte man am liebsten ausrufen, wenn man diese Sätze hört. Geschrieben worden sind sie nicht von einer angesagten Autorin oder einem Autor, sondern von Schülerinnen und Schülern der 5. und 6. Klasse der Schule Neuenhof, die beim pädagogischen Projekt von Tanz & Kunst Königsfelden (T & KK) mitwirken. Die Künstlerische Leiterin Salomé Martins – seit 2023 bei T & KK – hat die Worte zu einem Dialog geformt, worauf dieser von den Schülerinnen und Schülern eingesprochen wurde und der seine Wirkung an dieser Vormittagsprobe nicht verfehlt.
Arme schwingen, temporeiche Gänge absolvieren, auseinander- und wieder zueinanderstieben, Zweirad schlagen und dann zu einer Spirale finden: Salomé Martins weiss, wie kompliziert solche Figuren sind, doch sie feuert die «Kids», wie sie die Kinder liebevoll nennt, mit ansteckender Energie so sehr an, dass selbst die Besucherin mitmachen möchte. Nachlässigkeiten? Gibt es nicht. Fehler? «Wenn wir auf der Bühne einen machen, weiss das niemand.» Ringsum wird gelächelt, denn das klingt beruhigend.

Wo ist die Zeit geblieben?
«Wir sind hier, um zu tanzen», sagt Salomé Martins und erzählt, um was es bei «Durchreise» geht, einer von Michael Endes Kultbuch «Momo» inspirierten Geschichte: Zeit. Ein omnipräsentes Thema, zumal in einer Gegenwart, in der anscheinend kaum jemand Zeit hat. Die Menschen starren auf ihre Smartphones, Gamen stundenlang oder machen so vieles, was sie am Ende des Tages vielleicht doch fragen lässt: Wo ist bloss meine Zeit geblieben? «Es ist wichtig, was wir mit unserer Zeit machen», betont Salomé Martins, «und das muss uns bewusst werden.» Nur: Wie lässt sich das im Tanz, der für Salomé Martins «immer Kommunikation bedeutet», darstellen? Indem drei Teams das Stück bestimmen: Die erste Gruppe fungiert als Erzählerin, die zweite als Zeitdiebin und die dritte als Zeitbewahrerin. 
Wie das Ganze endet, soll hier nicht verraten werden. Verraten kann man aber, dass die Arbeit am Projekt im Januar begonnen hat. Und die Schule Neuenhof war zuvor bereits mit einem pädagogischen Projekt von T & KK vertraut. 2014 wirkte sie in der begeistert aufgenommenen Produktion «Babel überall» in der Klosterkirche Königsfelden mit – ein Erlebnis, von dem einstige Schüler noch heute schwärmen. 

Durchhaltewillen ist gefragt
Was damals schon viele Kräfte band, ist heuer nicht weniger aufwendig. Seit fünf Monaten trainieren die Jugendlichen wöchentlich mit Tanzschaffenden aus den unterschiedlichsten Bereichen. Neben den bewegungsorientierten Kursen beschäftigen sie sich unter Anleitung des Künstlers ­Sebastiano Bucca mit experimenteller und analoger Fotografie. Viviana ­Gonzalez Mendez begleitet die Herstellung von weissen Kostümen durch die Anwendung der Cyanotype auf Textilien. Und die Künstlerin Adriana Berwert ist für die Entwicklung von Videoprojektionen und Schattenspielen zuständig.
Fehlt noch etwas? Ja – Musik. Schon 2024 komponierte Bálint ­Dobozi ein einstündiges Musikstück für das T & KK-Projekt «Mein Traumraum». Nun ist er erneut mit von der Partie. In den Vorstellungen wird er seine Kreation gemeinsam mit seinem Bruder Márton Dobozi spielen. «Aus alledem», so Salomé Martins, «ergibt sich ein direkter Dialog zwischen Ton, Bewegung, Zeit und Raum.» Bis zur Premiere im Kultur- und Kongresshaus Aarau wird noch an vielen Einzelheiten gefeilt werden müssen. Vor den Vorstellungen am 6., 7. und 8. Juni in Aarau sind also weiterhin Durchhaltevermögen und Freude an der ­Sache gefragt. Salomé Martins weiss ganz genau, was das bedeutet. Deshalb gibt es am Ende der Probe von ihr ein tief empfundenes Danke.

tanzundkunst.ch