Brugg – Hier in Brugg sind wir ja bekannt für unsere Grosszügigkeit. Und so hat bei uns der wichtigste Tag im Jahreslauf nicht nur einen, sondern gleich zwei Namen: Jugendfest und Rutenzug. Wobei – der so emotionale Begriff Rutenzug meint im Grunde nur den Umzug in seiner Unverwechselbarkeit. Niemand sonst in weitem Umkreis hat einen Rutenzug, nur wir in Brugg. Wenn ein Brugger, eine Bruggerin auf den Rutenzug zu sprechen kommt, geht es kaum allein um nüchterne Fakten, sondern um Bilder, Gefühle, Geräusche – um Nostalgie in der schönsten Bedeutung dieses Wortes. Wer den Rutenzug als Kind, als Jugendliche oder Jugendlicher miterlebt hat, trägt einen emotionalen Reichtum in sich, der ihn oder sie immer wieder an das Brugger Jugendfest erinnert.
Jugendfeste gibt es dagegen überall, landauf und landab, in Städten und Dörfern. Feste für die Jugend eben. In Brugg verwendet man den Begriff Jugendfest ebenfalls. Sogar im traditionellen «Bruggerlied» erscheint er, sozusagen gleichwertig neben seinem Geschwister, dem Rutenzug: «Oh Ruetezug, oh Jugedfescht».
Jugendfest, ein selbsterklärendes Wort. Könnte man meinen. In Tat und Wahrheit geht es in Brugg aber um viel mehr. Selbstverständlich ist es ein Fest für die Jugend, aber dieser eine Tag vor den Sommerferien ist nicht auf die heranwachsenden Brugger Buben und Mädchen beschränkt. Am Jugendfest werden alle, die teilnehmen, wieder jung, jugendlich. Die Erinnerungen tauchen aus dem Vergessen auf, Erinnerungen ans Kränzen, ans Tüschlen, an die Kadetten, an die Polonaise auf dem Tanzboden, an all die kleinen Geheimnisse vor, während und nach dem Fest. Heimat. Verwurzelung, tief im Brugger Boden.
Eltern und Heimwehbrugger
Schau sie dir an, all die Menschen am Strassenrand! Es sind nicht nur Eltern, die das blumengeschmückte Töchterchen, das herausgeputzte Söhnchen bestaunen, den Trommelschlag, den Wasserstrahl des Erdbeeribrunnens, das Gewusel der Haselruten und spätabends den Lampion- und Laternenfluss die Altstadt hinauf. Nein, da sind auch noch sie alle, die Heimwehbrugger, die vom Jugendfest-Virus infiziert sind. Alle bereit für ein heiteres Schwätzchen, alle gut gelaunt, denn wer das Jugendfest nicht mag, bleibt zu Hause.
Ich habe sie gesehen, immer wieder, jedes Jahr: Lang vor Beginn des Umzugs sass die betagte Frau auf der stets gleichen Bank am Strassenrand, um das Aufblühen des Festes mitzuerleben, in Gedanken an ihre Kinder, denen sie bei dieser Gelegenheit ein Kränzchen gewunden hatte. Sie sass da, mit gefalteten Händen, ganz hier und doch weit weg. Oder jene Menschen, die Mühe haben, der Morgenfeier stehend beizuwohnen. Hinter den Schulkindern hat man für sie – und nur für sie! – einige Bänke aufgestellt. Da sitzen sie, die in Würde Ergrauten, viele Jahrzehnte bereits gelebt und heute doch ganz jung und jugendlich. Ich habe gesehen, wie einigen von ihnen beim «Bruggerlied» die Tränen über die Wangen rannen. Und ich hätte sehen wollen, welche Bilder nun vor ihrem geistigen Auge auftauchten. Und dort, am Rande der Morgenfeier, treffen sich nach wie vor an gleicher Stelle einige längst über 70-jährige Ehemalige. Sie freuen sich über das Zusammentreffen, berichten von damals und singen inbrünstig das «Bruggerlied» mit, wie sie es von Albert Barth gelernt haben.
Das Jugendfest – ein Fest, das keine Altersgrenzen kennt. Es ist ein Fest für die Jugend, für die junge ebenso wie für die schon etwas ältere Jugend!