Brugg – «Geht man durch den öffentlichen Raum, fällt auf, dass fast nur Männer geehrt werden: Nach ihnen sind zahlreiche Strassen und Plätze benannt», sagt Astrid Baldinger. «Wo sind die Frauen?» In Brugg gebe es zwar einen nach der ersten Schweizer Ärztin Marie Heim-Vögtlin benannten Weg, «aber es ist ein kleines Weglein, wo man den Hund Gassi führt, keine repräsentative Strasse, die dieser Persönlichkeit würdig wäre», sagt Baldinger beim Treffen in der Odeon-Bar.
Die Rinikerin ist Historikerin mit Vorliebe für Lokal- und Regionalgeschichte. So hat sie zum Beispiel an der Stadtgeschichte Brugg mitgeschrieben und die Badener Geschichte der 1930er-Jahre untersucht. «Ich war Mitautorin bei ‹Zeitgeschichte Aargau› und las dafür sehr viel Geschichtsmaterialien», sagt sie. «Ich begriff nicht, warum die Frauen überall fehlen.» Baldinger spricht mit Empörung, aber mit ebenso viel Esprit und Motivation, denn sie ist Teil eines Projekts, das die Frauen ins öffentliche Bewusstsein holen will. Sie amtet als Co-Präsidentin des Vereins Femmes sapiens.
Den Spiess umdrehen
Zum Namen erklärt sie: «Meist gilt: Der Mann ist die Norm; das klingt auch beim ‹Homo sapiens› an. Wir drehen den Spiess um und stellen die Frauen ins Zentrum.» Femmes sapiens wird während des Brugger Stadtfests jeden Tag eine Frau aus der Region bei einer Vernissage vorstellen. Es sind historische Figuren darunter, aber auch Menschen, die heute leben und wirken. «Manche kennt man bereits, andere sind komplett unbekannt», sagt Baldinger. «Wir wollen bewusst deren Lebensrealität ernst nehmen.»
Die Geschichte des Vereins beginnt 2020. Sue Luginbühl, Nergis Kablan und Ligia Vogt sassen in der Odeon-Bar zusammen. Die drei kulturell und politisch engagierten Frauen fragten sich an diesem Abend: Warum kommen Frauen in der Schweizer Geschichtsschreibung kaum vor? Es kann doch nicht sein, dass sie nichts geleistet haben, nicht wichtig waren. Woher kommt diese Lücke, in der die Hälfte der Bevölkerung verschwindet?
Luginbühl, Kablan und Vogt setzten einen Aufruf in die Zeitung, um weitere an Frauengeschichte Interessierte an einen Tisch zu bringen. Aus diesem und weiteren Treffen entstand 2022 der Verein Femmes sapiens, der sich das Ziel gesetzt hat, Biografien von Frauen aus der Region aufzuschreiben, um die grosse Lücke zu schliessen. Daneben gibt es Stammtische und Workshops, und Femmes sapiens richtete bereits drei Tagungen aus. Die erste widmete sich Frauengeschichten, die zweite dem Thema Gesundheit, die dritte trug den Titel «Who cares?». Dieser bezieht sich auf die Sorge- und Versorgungsarbeit, die mehrheitlich von Frauen geleistet wird, und das oft ohne Bezahlung. «Die dritte Tagung war augenöffnend, was die wirtschaftlichen Zusammenhänge angeht», sagt Baldinger.
Enorm viel Gratisarbeit
Anhand dieser wurde klar, warum Frauen in der Geschichtsschreibung vernachlässigt werden: weil sie enorm viel Gratisarbeit leisten, die lang in keiner ökonomischen Statistik auftauchte – und damit unsichtbar war. Die Ökonomin Mascha Madörin hat errechnet, dass in der Schweiz 60 Prozent aller Arbeitsstunden unentgeltlich geleistet werden, meist von Frauen – Kinder aufziehen, den Haushalt führen, Verwandte pflegen, Freiwilligenarbeit. «Ohne all diese Tätigkeiten würde das System zusammenbrechen», sagt Baldinger. «Aber weil sie nicht bezahlt sind, sind sie nicht Teil der Wirtschaftserzählung.»
Femmes sapiens möchte deshalb insbesondere die «normalen» Frauen würdigen, die keine Karriere im Lohnarbeitsbereich gemacht haben, deren Beitrag aber genauso unverzichtbar ist für eine Gesellschaft. Das sei aber gar nicht so einfach, berichtet die Co-Präsidentin, denn auch Frauen hätten ihre «nichtige» Rolle verinnerlicht: «So lehnen sie Interviewanfragen ab mit der Begründung: ‹Ich habe doch gar nichts zu erzählen, ich war doch nur Hausfrau.›» Dass deren Sicht und Geschichte es wert sind, gezeigt und erinnert zu werden, davon kann man sich vom 20. bis 23. sowie vom 27. bis 30. August im Wöschhüüsli und im Stadtmuseum überzeugen. Dort finden die Frauenbiografie-Vernissagen statt – Austausch und Miterzählen sind sehr erwünscht. Das genaue Programm ist auf femmes-sapiens.ch zu finden.