Baden – Tanz ist eine kraftvolle Sprache und ermöglicht es, tiefe Gefühle, Lebenserfahrungen und die Persönlichkeit über den eigenen Körper auszudrücken. Emotionen, für die Worte nicht ausreichen, können in Bewegungen oft besser übersetzt werden. Keiner weiss das so gut wie Luvyen Mederos Gutiérrez. Viele Jahre war der in Havanna geborene Profitänzer fester Bestandteil der Compagnie Danza Contemporánea de Cuba. Doch mit 35 Jahren geriet er in eine Schaffenskrise. «Meine Arbeit befriedigte mich nicht mehr. Ich hatte das Bedürfnis, etwas Sinnvolleres zu machen als bisher.» Als Künstler litt er zudem unter den massiven politischen und gesellschaftlichen Einschränkungen in Kuba. Gleichzeitig keimte in ihm eine Idee: «Wie wäre es, wenn ich andere Personen dazu anleite, wie sie ihre eigenen Geschichten in einer Choreografie umsetzen können?» Denn Mederos ist überzeugt: «Jeder Mensch ist kreativ. Er muss nur wissen, mit welchen Mitteln er das, was in ihm schlummert, zum Ausdruck bringen kann.»
Den Anfang machte er mit seiner Grossmutter in Havanna. Er stellte ihr einfache alltägliche Fragen, deren Antworten er auf ein Blatt schrieb, und zeigte ihr, wie man sie in Bewegungen ummünzen könnte. Daraus entstand eine Choreografie, die im Bekanntenkreis gezeigt wurde. Nachbarinnen und Nachbarn waren begeistert. Bald wurden aus Privatveranstaltungen kleine Festivals, an denen das ganze Quartier mitwirkte. Sein Projekt zog immer grössere Kreise. Sogar das kubanische Nationalfernsehen berichtete darüber. Um sich finanziell über Wasser zu halten, arbeitete Mederos zusätzlich für eine Tanzcompagnie in Marseille.
In der Schweiz Fuss fassen
2022 kam Luvyen Mederos Gutiérrez der Liebe wegen in die Schweiz. Die Anfänge hierzulande gestalteten sich jedoch harzig. Ohne Sprachkenntnisse musste er in der Fremde bei null anfangen. Doch er lernte schnell Deutsch und machte in Schaffhausen ein Praktikum in einem Wohnheim für Menschen mit körperlicher Beeinträchtigung. Eines Tages zeigte er der Leiterin einen kleinen Film über seine Arbeit mit seiner Grossmutter und den Nachbarn in Kuba. Sie war sehr angetan und schlug ihm vor, seine Choreografiemethode mit den Bewohnenden auszuprobieren. Fünfmal resultierte daraus bereits eine berührende Aufführung. Mederos taufte sein Projekt in der Schweiz Choreo-Persona.
Für die Fachstelle für Integration in Baden konnte er ein Projekt im Kappelerhof realisieren. Ende des Jahres 2023 wurde der Verein Choreo-Persona gegründet. Bisher fanden Präsentationen in unterschiedlichsten Kontexten zum Beispiel im Karussell Baden, an der Kantonsschule Wettingen und im Royal statt. Mehrmals gastierte er mit Mitwirkenden unterschiedlichsten Alters sowie mit und ohne Handicap im Kurtheater.
Am 12. und 13. September veranstaltet er zusammen mit den Choreografieprofis und Choreo-Persona-Mitgliedern Luis E. Carricaburu und Gretel Medina eine Weiterbildung im Kurtheater und im Regionalen Pflegezentrum Baden (RPB). Sie richtet sich an Tanz- und Kunstschaffende, Kulturvermittelnde, Lehrpersonen und Menschen, die sich für partizipative künstlerische Praktiken interessieren. Im RPB wird am 13. September um 16 Uhr auch der gemeinsame Prozess gezeigt. «Oft kommen dabei Sachen an die Oberfläche, über die man nicht zu sprechen vermag. Es kann sehr emotional werden – das spürt das Publikum», sagt Mederos.
Neue künstlerische Sprache
Der Ansatz von «Choreo-Persona» ist so einfach wie wirkungsvoll: Unabhängig von den körperlichen Voraussetzungen können alle eine ansprechende Choreografie erschaffen und Gedanken, Gesten und Klänge in der eigenen künstlerischen Sprache zum Ausdruck bringen. Langfristig möchte Mederos ein flexibles Netzwerk von Tanz- und Kunstschaffenden aufbauen, das die beruflichen Möglichkeiten über konventionelle Compagnie-Strukturen hinaus erweitert. Seine Vorstellung ist es, direkt in Quartieren, Schulen, Pflegezentren, sozialen Institutionen und anderen Räumen des Alltags zu arbeiten, dort die Ideen verschiedener Menschen aufzunehmen und sie in zeitgenössische choreografische Formen zu übersetzen.
Baden ist seit dreieinhalb Jahren die Heimat von Luvyen Mederos Gutiérrez, und er hat mit seinem integrativen Projekt Choreo-Persona die Erfüllung in seiner Arbeit gefunden, die ihm als Tänzer in Kuba einst abhandengekommen war. «Manchmal fehlt mir aber meine Familie, und ich vermisse das Rauschen des Meeres», gesteht er.