Schönste Phase des Berufslebens

Wer über das Pensionsalter hinaus arbeitet, bringt Wissen, Erfahrung und Gelassenheit mit – und entschärft den Fachkräftemangel.
Robin Brandestini ist als «Golden Worker» tätig. (Bild: mk)

Später Mittwochmorgen in Baden. Robin Brandestini verabschiedet sich gerade vom regelmässigen Treffen mit anderen Ü65-Arbeitstätigen in seinem Lieblingscafé in der Innenstadt. «Hier gibt es den besten Kaffee in Baden», sagt der 72-Jährige. Dass er auch an sich selbst und andere hohe Massstäbe anlegt, wird im folgenden Gespräch immer wieder deutlich. Brandestini ist seit 25 Jahren selbstständiger Berater für Unternehmen und Einzelpersonen. Er ist ausgebildet in Informatik, Betriebsökonomie, Erwachsenenbildung und Marketing. Strategieplanung, Prozessoptimierung, Jobcoaching, Businesspläne erarbeiten – sein Arbeitsfeld ist breit und anspruchsvoll. «Dass ich immer noch arbeite, war anfangs nicht geplant», sagt der Badener. Aber es entspricht ihm: Er braucht eine Aufgabe, macht sein Wissen gerne anderen zugänglich und möchte so lange wie möglich am Ball bleiben.

Robin Brandestini zählt zu den geschätzt 200 000 «Golden Workers» in der Schweiz, also den Menschen, die über das ordentliche Pensionsalter hinaus arbeiten. Wie ein Grossteil davon arbeitet er Teilzeit, im Schnitt rund 60 Prozent. «Ich bin in der schönsten Phase meines Berufslebens», sagt er. «Ich kann das machen, was mich wirklich interessiert und mir die Zeit dafür selber einteilen.» Hinzu kommen willkommene Einnahmen und die Wertschätzung, die seinen Fähigkeiten weiterhin entgegengebracht wird. Dazu erzählt er eine Anekdote: Eine grosse Firma wollte eine Umstrukturierung und lud die Beratungsschwergewichte McKinsey und Pricewaterhousecoopers zur «Bewerbungsrunde» sowie Brandestini, den Einzelunternehmer. Während die Teams der Grossen mit dynamischen Powerpoint-Präsentationen, beeindruckenden Geschäftszahlen und Lobhudeleien punkten wollten, hatte der Badener nur einen Ordner und ein paar trockene Vorschläge dabei. «Am Ende bekam ich den Zuschlag, weil ich als Einziger keine Show abgezogen, sondern der Firma konkret gesagt hatte, was sie falsch macht.»

Einige Vorteile für Arbeitgeber
Dass Selbstständige noch ein wenig «anhängen», ist häufig. Aber auch Angestellte, die nach 65 im Betrieb bleiben, können dem Arbeitgeber einige Vorteile bringen. Gabriel Wüst vom Verein «Los – Mensch & Arbeitswelt», der Schulungen zum Thema anbietet, sagt: «Die älteren Semester haben einen grossen Erfahrungsschatz und ein hohes Verantwortungsbewusstsein. Sie sind gelassen und motiviert, denn sie müssen nicht mehr arbeiten, sondern wollen es.» Da sie in der Regel nicht mehr auf eine Vollzeitstelle angewiesen sind, können sie flexibel eingesetzt werden, um Spitzenzeiten abzudecken. Weil niemand Neues eingestellt werden muss, fällt die Einarbeitungszeit weg. Und, was vielen nicht bewusst ist: «Ü65-Gehaltsempfänger sind für Firmen finanziell attraktiv, weil auf den Lohn keine BVG- und ALV-Abgaben sowie weniger AHV-Beiträge bezahlt werden müssen», erklärt Wüst. Haben viele Menschen ab 55 auf dem Arbeitsmarkt mit der «Altersguillotine» zu kämpfen, weil sie (zu) teuer sind, kann sich das Blatt ab dem Pensionsalter also wenden.

Golden Workers sind auch ein Mittel gegen den Fachkräftemangel, der durch die demografische Entwicklung gefördert wird: Seit 2019 gehen mehr Menschen in Rente, als ins Erwerbsleben eintreten. Laut Bundesamt für Statistik wird ab 2055 auf rund zwei Erwerbstätige eine Rentnerin kommen. Heute verbringen Schweizerinnen und Schweizer im Schnitt einen Viertel ihres Lebens im Ruhestand, und das oft lange bei guter Gesundheit. So komfortabel war es im Alter nicht immer: Vor gut 50 Jahren, bevor die obligatorische Pensionskasse eingeführt wurde, arbeitete man hierzulande noch bis 72, wie dem Buch «Arbeiten nach der Pensionierung» des Beobachter-Verlags zu entnehmen ist.

Robin Brandestini sagt: «Viele ziehen sich nach der Pensionierung aus dem Arbeits- und Sozialleben zurück und schaden sich so selber. Eine Aufgabe und Verantwortung zu haben, hält dich fit.» Mit seinen 72 wird nun aber auch er kürzertreten. Damit er gut auf den Beinen und bei Laune bleibt, wenn er dereinst den letzten Auftrag erledigt haben wird, legt er sich einen «knuddeligen Hund» zu. Das tägliche Sich-kümmern-Müssen, der immerwährende Aufwand, der andere davon abschreckt, den Alltag mit einem Vierbeiner zu teilen, ist genau das, was er sucht.