Die stille Kraft der Kunst

Anu Romy Emmrich erschafft Bilder, die leise wirken und tief berühren. Ihre Kunst ist ein innerer Ausdruck. Ehrlich, frei und voller Fantasie.
Mit 78 Jahren erlaubt sich Anu Romy Emmrich, ganz sie selbst zu sein. (Bild: isp)

Dreissig Jahre lang arbeitete Romy Emmrich im Gastgewerbe. «Ein hartes Business», wie die 78-Jährige ehrlich zugibt. «Lange Arbeitstage waren die Regel, und viel Freizeit blieb da nicht übrig.» Als die tüchtige Geschäftsführerin eines bekannten Restaurants in der Region Baden erstmals Ferien in Indien verbrachte – das war im Jahr 2004 –, war sie sehr angetan von diesem Land und dessen Bewohnern. Innerhalb von drei Wochen entschied sie sich, ihre Zelte in der Schweiz definitiv abzubrechen und nach Indien, in den südlichsten Bundesstaat Kerala, auszuwandern.

Sie wollte ausbrechen, hatte genug vom typischen «Hamsterrad-Leben» hier in der Schweiz. Ganze elf Jahre lebte sie anschliessend in Indien und folgte eigentlich nur noch dem Ruf ihres Herzens. Sie begann zu malen, endlich fand sie Zeit für sich selbst. In dieser Lebensphase stiess auch ein weiterer Vorname zu ihrem bereits bestehenden dazu. «Anugrahi» (Anu) nannte sich Romy Emmrich künftig, was soviel heisst wie Dankbarkeit.

Obschon das Beschaffen des Malmaterials und der Leinwände ein schwieriges Unterfangen waren, vertiefte sie sich in ihre kreative Leidenschaft und eignete sich die unterschiedlichsten Mal- und Strukturtechniken an. «Und wenn ich nicht mehr weiterwusste, dann habe ich mich auf  Youtube-Kanälen schlaugemacht», so die Künstlerin. Später lebte Emmrich noch weitere vier Jahre auf den Kanarischen Inseln, bevor sie im Jahr 2018 wieder in den Aargau zurückkehrte. 

Rommy Emmrichs Kunst will nichts erklären, sie will Augen, Herz und Blick öffnen für Farben und Fantasie. (Bild: isp)

Aus dem Herzen heraus malen
Anu Romy Emmrich bezeichnet ihre Kunst als ihr Seelenkind. Dieser Ausdruck ist bewusst gewählt. Denn in jedem ihrer Bilder steckt etwas sehr Persönliches. Etwas Echtes. «Ich arbeite mit und beim Malen auch etwas mein bisheriges Leben auf», verrät sie. Ihre Werke zeigen nicht, was die Welt erwartet, sondern was aus ihrem Inneren kommt. Beim Malen folgt sie keinem festen Plan, es gibt keine strengen Regeln und keine vorgegebenen Techniken. Emmrich lässt sich vom Moment leiten: von Gefühlen, Stimmungen und inneren Bildern. Jedes neue Werk ist ein neues Abenteuer. Ein Prozess, bei dem sie selbst immer wieder dazulernt.

Ihre Kunst will nichts erklären, sie will öffnen. Die Augen, das Herz, den Blick für das, was jenseits des logisch Denkbaren liegt. In ihren Bildern entstehen Reisen in andere Welten. In Welten voller Farben, Fantasie und Magie. Oft sind es auch stille Welten, Orte, an denen man zur Ruhe kommen darf. Diese Stille ist ein zentrales Element ihrer Arbeit. Sie gibt Raum zum Innehalten.

Wer ihre Bilder betrachtet, wird eingeladen, langsamer zu werden und sich selbst wieder näherzukommen. Ohne Druck. Ohne Erwartung. Anu Romy Emmrich malt nicht für den schnellen Blick. Ihre Werke entfalten sich mit der Zeit. Je länger man hinsieht, desto mehr zeigen sie: kleine Details, Stimmungen, Geschichten, die jede Betrachterin und jeder Betrachter für sich selbst entdecken darf. 

Café Wolkenblau
Die Künstlerin hat seit 2½ Jahren ihr eigenes Atelier in ihrer Wohnung in Untersiggenthal. Für sie bedeutet dies Luxus pur, dafür verzichtet sie gerne auf viele andere Annehmlichkeiten. Hier findet sie Ruhe und Inspiration. Besonders dankbar ist sie für die Möglichkeit, ihre Bilder noch bis Ende Februar im Café Wolkenblau im Untersiggenthaler Stroppel-Areal auszustellen – bereits zum zweiten Mal. Der Ort bedeutet ihr viel und ist für sie der ideale Raum, um ihre Kunst zu zeigen. Das Café widerspiegelt genau das, wofür ihre Bilder stehen: Stille mitten im Leben. Hier dürfen ihre Werke wirken, ohne laut zu sein, ganz so, wie sie selbst es mag. Emmrichs Kunst ist eine Einladung zum kurzen Verweilen in einer Welt, in der nicht der Verstand führt, sondern das Herz.