Brugg | Windisch – Wie bringt man den Nord-Süd-Verkehr am besten durch das Nadelöhr Brugg-Windisch? Der aktuelle Lösungsvorschlag – nach etlichen jahrzehntelang erwogenen und verworfenen Varianten – heisst ZEL: Zentrumsentlastung. Viele Möglichkeiten gibt es nicht. Die direkteste Verbindung aus dem unteren Aaretal/Zurzibiet mit 50 000 Einwohnenden und Dutzenden Industrie- und Gewerbebetrieben ins Mittelland und ans Nationalstrassennetz führt durch Brugg-Windisch.
Diese Strecke benützt auch der Verkehr aus dem süddeutschen Raum. Die Folge sind Staus auf der Zurzacherstrasse, der Mittleren Umfahrung, der Zürcher- und der Hauserstrasse. Das ist die Kehrseite der exzellenten regionalen Verkehrslage an den Ost-West- und Nord-Süd-Transversalen.
Die Entlastung des Zentrums
Zur Entlastung des Regionalzentrums Brugg-Windisch soll der Durchgangsverkehr dereinst auf eine neue Strasse und über weite Strecken in den Boden verlegt werden. Vorgesehen ist ein Trassee, das vom Kreisel Lauffohr dem Aufeld entlangführt, bei der Sportanlage Au in einen 1,6 Kilometer langen, zweispurigen Tunnel abtaucht, das Strängli, den Geissenschachen und die Aare unterquert, danach stadtaufwärts steigt, teilweise unter dem Bahnhof sowie neben und auf der Industriestrasse in Richtung früheres Restaurant «Brunegg» verläuft, um schliesslich jenseits der Bahnlinie Brugg–Birrfeld in die Südwestumfahrung beziehungsweise den Autobahnzubringer Hausen zu münden.
Diese Zentrumsentlastung ist ein wichtiger Bestandteil des Gesamtverkehrskonzepts (GVK) Raum Brugg Windisch. Neben dem motorisierten Individualverkehr sind auch Verbesserungen für den öffentlichen Verkehr sowie den Fuss- und Veloverkehr geplant. Die künftige Transitverbindung tangiert zudem die Stadtraumplanung im Bahnhofgebiet, die von Brugg und Windisch gemeinsam vorangetrieben wird («General-Anzeiger» vom 29. Januar). Deswegen stösst das ZEL-Vorhaben besonders in den bahnhofsnahen Quartieren Klosterzelg-Reutenen auf Interesse. Deren Vorstand hat zu den in den letzten Tagen bekanntgewordenen neuesten Planungsentwicklungen prompt Stellung genommen.
Anschlüsse an die neue Achse?
Noch sind die künftige Strassenführung und die Lage der Tunnelportale nicht im Detail festgelegt, aber zumindest im kantonalen Richtplan fixiert. Im laufenden Planungsprozess werden Vorentscheidungen und zusätzliche Abklärungen getroffen. Zum Beispiel wird geprüft, ob es Anschlüsse an die neue Strasse im nördlichen Abschnitt (Aufeld-Aegerten) und im südlichen Bereich (Reutenen-Klosterzelg) geben soll. Die Stadt Brugg will das Potenzial des Gebietes Aufeld-Aegerten als Wohn-, Arbeits- und Freizeitquartier weiterentwickeln. Laut Stadtpräsidentin Barbara Horlacher wird die Öffentlichkeit im Frühjahr über die Vorschläge informiert und in eine Vernehmlassung einbezogen.
Von einem Direktanschluss des Gebietes Reutenen-Klosterzelg an die Zentrumsentlastung haben der Stadtrat Brugg und der Gemeinderat Windisch inzwischen abgesehen. Dieser Haltung hat sich jetzt die Behördendelegation des Gesamtverkehrskonzepts mit Kantons- und Gemeindevertretern angeschlossen. Eine Verkehrsstudie zeige, dass die Erschliessung im Gebiet Klosterzelg-Reutenen – und demzufolge im Stadtraum Bahnhof – über die bestehenden Quartierstrassen möglich sei. Immerhin soll die Option «Anschluss an die ZEL» mit der Freihaltung des Raumes offengehalten werden.
Im Weitern beschloss die Behördendelegation, die Tunnelverlängerung der Zentrumsentlastung bis zum Anschluss an den Autobahnzubringer Hausen nicht weiterzuverfolgen. Die Einwohnerräte Windisch und Brugg wollten eine solche Variante abgeklärt haben. In einer von den beiden Gemeinden, dem Kanton und den SBB in Auftrag gegebenen Vertiefungsstudie wurden vier Möglichkeiten evaluiert. Als grösste bautechnische Herausforderung erwies sich dabei die Überwindung respektive die Unterquerung des Bahneinschnitts der SBB-Linie Brugg–Birrfeld.
Gemäss dem Schlussbericht würde eine maximale Verlängerung des ZEL-Tunnels bis zum Anschluss an den A3-Zubringer Hausen samt der Unterquerung des Bahndamms die approximativen Gesamtkosten von 370 Millionen Franken, wie sie der Basisvariante im kantonalen Richtplan zugrunde gelegt wurden, um 150 Millionen Franken verteuern. Zudem wäre die verkehrliche Entlastungswirkung laut Experten geringer. Damit würde das Kosten-Nutzen-Verhältnis nach der Meinung der Planungsleitung nicht mehr stimmen. Im Fokus bleibt hingegen die Verlängerung des Tunnels um 300 Meter im Gebiet Stadtraum Bahnhof/Industriestrasse. Das Tunnelportal Süd, das bisher nahe beim Busbahnhof Campus platziert war, würde dadurch weiter westwärts, Richtung ehemaliges Restaurant «Brunegg», verschoben.
Quartierverein beklagt Immissionen
Der Quartierverein Klosterzelg-Reutenen bedauert den Verzicht auf die Verlängerung des ZEL-Tunnels Richtung Autobahnzubringer Hausen. Das Projekt des Kantons sehe nun vor, die ZEL aus dem Gebiet des Stadtraums Bahnhof (westlich der ehemaligen «Brunegg») mit einer steilen Rampe und einer Brücke über den Bahndamm hinweg auf den A3-Zubringer respektive die Südwestumfahrung zu leiten. Dadurch würden die beiden Quartiere jedoch einer hohen Belastung von Lärm und anderen Immissionen ausgesetzt, schreibt der Vorstand des Quartiervereins in einer Medienmitteilung.
Auf dieser Superstrasse müsse mit bis zu 30 000 Fahrzeugen pro Tag gerechnet werden. So würden die angrenzenden Quartiere sowie die im westlichen und südlichen Teil des Stadtraums Bahnhof geplanten neuen Überbauungen am Süssbach stärker mit Verkehrslärm eingedeckt. Auch führe die neu geplante Brückenzufahrt zum Anschluss beim A3-Zubringer wenige Meter an der Heilpädagogischen Schule vorbei. Dieses Verkehrswerk entwerte das Naherholungsgebiet Habsburgerwald noch mehr, als das bereits durch die Südwestumfahrung der Fall sei.
Kein Anschluss, dafür mehr Tunnel
Grundsätzlich begrüsst der Quartierverein hingegen den Verzicht auf den Direktanschluss des Reutenen-Quartiers an die ZEL. Die Reutenenstrasse bekäme zwar Mehrverkehr, wenn die Erschliessung dem einzig bestehenden lokalen Strassennetz überbunden würde. Umso wichtiger wäre es, die ZEL entlang dem Reutenen-Quartier unterirdisch zu führen. Falls auf den Quartieranschluss an die ZEL verzichtet werde, gebe es auch keinen Grund mehr für eine oberirdische Trassierung der Transitstrasse in diesem Bereich.
Der Quartiervereins-Vorstand führt noch ein Argument für eine Tunnelverlängerung bis zum A3-Anschluss Hausen ins Feld: Es sehe so aus, schreibt er, dass der Raum Baden bei der Umsetzung des ostaargauischen Gesamtverkehrskonzepts Oase zur Verbesserung der Verkehrsbeziehung zwischen dem unteren Aaretal und der A1 weniger belastet werde als der Raum Brugg-Windisch. Darum wäre es angemessen, hier mehr zu investieren und die zusätzlichen 150 Millionen Franken für eine Tunnelverlängerung in Kauf zu nehmen.