Leben mit innerer Zerrissenheit

Der Schriftsteller Thomas Melle leidet seit Jahren an einer bipolaren Störung. Nun wird seine Geschichte erstmals in der Schweiz aufgeführt.
Johann Jürgens bringt Thomas Melles Erfahrungsbericht im Kurtheater auf die Bühne. (Bild: Fabian Schellhorn)

Baden – Bücher über Depression, Burnout oder psychische Not finden in unserer Zeit reissenden Absatz, weil sich so viele darin wiedererkennen, die in der Optimierungsgesellschaft überfordert sind. In «Die Welt im Rücken» (2016) behandelt der Autor Thomas Melle seine bipolare Krankheit, die ihn jahrelang an den Rand der Gesellschaft drängte. In dem autobiografischen Buch beschreibt er beispielsweise bildhaft ein Gefühl der Bedrohung, dass ihn wie im Wahn durch die ganze Stadt treibt.

Nun wagen sich Regisseurin Johanna Böckli, die 2021 bereits das Stück «Kurgast» für das Kurtheater inszenierte, zusammen mit dem Schauspieler Johann Jürgens an Melles radikalen Text. Johann Jürgens war mitunter von 2008 bis 2013 festes Ensemblemitglied am Maxim-Gorki-Theater Berlin. Von 2013 bis 2016 war er am Staatstheater Stuttgart engagiert, bevor er als Freischaffender unter anderem am Deutschen Theater Berlin, am Theater und Orchester Heidelberg sowie an den Schauspielhäusern Düsseldorf und Zürich gastierte. Daneben wirkte Johann Jürgens in mehreren Fernseh- und Filmproduktionen mit und betätigt sich zudem als Musiker, Sänger und Songwriter.

Das fremde Selbst
Die literarisch wie thematisch anspruchsvolle Vorlage für die neue Eigenproduktion des Kurtheaters unterscheidet sich in der unmittelbaren Behandlung einer schweren psychischen Erkrankung klar von der populärer Burnout- oder Bekenntnisliteratur. Im Mittelpunkt steht Melles bipolare Störung, die ihn über Jahre hinweg durch manische Episoden mit paranoiden Zügen und anschliessende Depressionen an den Rand der Gesellschaft geführt hat. Thomas Melle beschreibt schonungslos den Schrecken, sich selbst nicht mehr trauen zu können: «Wenn Sie bipolar sind, hat Ihr Leben keine Kontinuität mehr. Die Krankheit hat Ihre Vergangenheit zerschossen, und in noch stärkerem Masse bedroht sie Ihre Zukunft. Mit jeder manischen Episode wird Ihr Leben, wie Sie es kannten, weiter verunmöglicht. Die Person, die Sie zu sein und kennen glaubten, besitzt kein festes Fundament mehr. Sie können sich Ihrer selbst nicht mehr sicher sein. Und Sie wissen nicht mehr, wer Sie waren.» Eindringlich beschreibt Melle die Symptome der Erkrankung, insbesondere die enthemmte, wahnhaft geprägte Manie und die darauf folgende depressive Leere, und erläutert zugleich sachlich die medizinische Diagnose.

Schonungslos und sprachlich brillant berichtet der Autor von seinem Umgang mit der Krankheit, von persönlichen Dramen und langsamer Besserung – und gibt so einen aussergewöhnlichen Einblick in das, was dabei in seinem Inneren vorging. Die fesselnde und mitunter komisch-absurde Chronik eines zerrissenen Lebens stand auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2016.

Premiere
Dienstag, 17. Februar, 20 Uhr
Weitere Daten: kurtheater.ch
Proberaum, Kurtheater Baden