Ehrendingen – Er schaut dahin, wo andere wegschauen und wendet sich Menschen zu, von denen sich der Rest der Welt abgewendet hat. Fred Grob ist Mitbegründer des christlichen Sozialwerks «Hope», das sich für Menschen am Rande der Gesellschaft einsetzt. Seit 45 Jahren besucht der mittlerweile 77-Jährige zudem Inhaftierte in der Justizvollzugsanstalt Lenzburg, die zum Teil schwere Verbrechen begangen haben. Was bewegt ihn dazu, mit einstigen Mördern, Dieben oder Drogendealern das Gespräch zu suchen?
Die Kraft der Vergebung
Hans-Peter Lang, Gründer der Stiftung Wendepunkt, suchte vor vielen Jahren neue Mitglieder für eine christliche Gruppe, die Gefängnisbesuche in Lenzburg machte. «Ich war anfänglich einfach neugierig und wollte mir ein Bild darüber machen, wie die Häftlinge leben», erinnert sich Grob. Doch dann berührten ihn deren Schicksale so sehr, dass er sich entschied, regelmässige Besuche zu machen. «Irgendetwas bewegte mein Herz. Das ist schwer zu erklären», sagt er dazu. Als gläubiger Christ ist ihm die Kraft der Vergebung enorm wichtig. Die Stelle «Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern» im Vaterunser leiert er beim Beten nicht bloss herunter. Er setzt sie in Tat um.
«Hass und Rache sind wie ein seelischer Krebs, der einen mit der Zeit zerfrisst», ist er überzeugt. Welche Gefühle er hätte, wenn jemand seiner Frau oder seiner Tochter etwas antun würde, kann er allerdings nicht sagen. «Es ist mir bewusst, dass es oft schwierig oder fast unmöglich ist, zu verzeihen. Wenn es jemandem trotzdem gelingt, ist das wie ein kleines Wunder.» Grob ist überzeugt, dass Jesus auch für Menschen gestorben ist, die straffällig geworden sind: «Er kam primär für die physisch und psychisch Kranken, nicht die Gesunden». Aber Strafe muss sein, das ist auch für den seelsorgerisch tätigen Pensionär klar. Genauso, wie die Wichtigkeit von Psychologen, Rechtsvertretern und anderen Fachleuten, die er in keiner Weise ersetzen kann und will.
«Meine Besuche sind rein privater Natur. Ich versuche, im Gespräch mit meinem Gegenüber etwas aufzubauen. Viele haben ja kaum noch Kontakt zu der Aussenwelt.» Das liegt zum einen daran, dass ein Grossteil der Gefangenen aus dem Ausland kommt. «Verbrecher gehen nicht in ein armes Land, um beispielsweise zu klauen. Die vermeintlich reiche Schweiz ist da natürlich sehr verlockend», erklärt Grob die bittere Logik der Kriminalität hierzulande. Zum anderen sind es Leute, die wegen ihrer komplexen Lebenslage durch alle Maschen gefallen sind. Ihr Umfeld ist komplett weggebrochen. Er ist oft der Einzige, der ihnen zuhört. Manche vertrauen ihm, sprechen über ihre Vergangenheit und Delikte. «Man liest ja oft von eiskalten Verbrechern, die kein Schuldempfinden haben. Ich erlebe das anders. Viele bereuen ihre Taten zutiefst», bekundet Fred Grob. Natürlich gibt es auch immer Inhaftierte, die ihn ablehnen. «Sie misstrauen mir, wenn ich Fragen stelle und denken, ich wolle sie aushorchen», weiss er aus Erfahrung.
Glaube als Anker
Als überzeugter Christ spricht Grob auch Glaubensfragen an. «Bekehren will ich niemanden. Aber ich versuche, die Menschen für Gott und Jesus zu gewinnen und ihnen Anstösse zu geben, dass sie sich ihre eigenen Gedanken dazu machen», erklärt er. Mit seinem Feingespür versucht der sensible Zuhörer seine Gesprächspartner immer dort abzuholen, wo sie gerade sind. Manche davon büssen eine lebenslange Haftstrafe von 25 Jahren ab. Andere sind verwahrt bis an ihr Lebensende. Für Sträflinge, die entlassen werden, ist es schwierig, in der Gesellschaft und auf dem Arbeitsmarkt wieder Fuss zu fassen. Trotzdem kann Grob von positiven Beispielen erzählen. Zwischen einem einstigen Bankräuber, der einen Polizisten erschossen hatte, entwickelte sich eine Freundschaft, die bis heute anhält.
Er sass dafür 24 Jahre im Gefängnis ab. «In dieser Zeit begann er zunehmend, seinen Glauben zu praktizieren. Das war für ihn ein wichtiger Anker, um später wieder Fuss zu fassen und einer geregelten Arbeit als Betreuer in einem Behindertenheim nachzugehen», sagt Grob, der auch Mitglied der weltweiten Organisation «Prison Fellowship» ist. Über seine langjährigen Erfahrungen hat er das Buch «Liebe für Ungeliebte» geschrieben.
Auch im Alter aktiv
Humor ist für Grob ein wichtiger Begleiter in seinem Alltag. Sein Talent als Schnellzeichner und Cartoonist lieben vor allem die Kids im Kindergarten Rekingen, die er einmal pro Woche besucht, um mit ihnen zu spielen. Seine humoristische Seite kommt in seinem Cartoon-Band «Grobs Ein- und andere Fälle» zum Tragen. Des Weiteren hat er ein unter dem Titel «Grobs Feinheiten» ein Buch mit seinen Lieblingswitzen herausgegeben. Zehn Jahre lang machte er Spitalradio im Kantonsspital Baden und engagiert sich heute freiwillig bei der Patienteninformationsstelle. Müssiggang ist für ihn auch im höheren Alter ein Fremdwort. Angst vor dem Tod hat er keine. «Für mich geht es danach erst recht los. Und zwar viel besser als jetzt», ist er überzeugt.