In Italien blühen nicht nur Zitronen

Die jüngste Ausstellung im Gluri-Suter-Huus lebt von ­Kontrasten. Die Zürcher Georg Aerni und Giampaolo Russo widmen sich Italien.
Im Gluri-Suter-Huus zeigt die neue Leiterin der Galerie, Catrina Sonderegger, ihre erste Ausstellung. (Bild: Helen Ree)

Wettingen – «Italien ist das Land, wo die Zitronen blühen», schrieb Goethe in seinem berühmten Gedicht «Mignon». Doch es ist mehr. Es ist ein Land der Städte, die wegen ihrer Geschichte und Architektur besonders spannend sind, obwohl sie nicht zwingend dem Image einer «schönen» Stadt entsprechen, wie es für den Tourismus förderlich wäre. Genua (Genova) gehört dazu – eine Stadt, die zwischen Bergen und dem Meer liegt, was ihr ein einzigartiges, gestaffeltes Stadtbild verleiht. Was das heisst, ist in der Galerie im Gluri-Suter-Huus zu sehen. Dort eröffnete am Sonntag eine Doppelausstellung mit Werken aus Georg Aernis fotografischer Serie «Tessuto» sowie mit Zeichnungen und Bildern von ­Giampaolo Russo zum Thema Süden. Gemeinsames Thema der Arbeiten ist Italien, dem sich die beiden Künstler jedoch mit unterschiedlichsten Mitteln annähern.

Schon beim Betreten der Galerie in Wettingen reibt man sich die Augen. Wer sich beispielsweise nach links wendet, sieht eine riesige Eins, die Häuser überklebt. Was soll das? Beim Nähertreten wird jedoch klar, dass die Eins eben keine Nummer ist, sondern einer jener Fahrstühle, die an den scheinbar unmöglichsten Orten so platziert sind, dass man aus dem Staunen nicht mehr herauskommt. Und dann … immer wieder diese an den steilen Hängen förmlich festgenagelten, aneinandergeschmiegten Häuser oder eine abenteuerlich anmutende Brücke, die von einem Haus zum nächsten führt – über einen Graben, versteht sich. Oder eine Siedlung weisser Häuser, die derart futuristisch wirkt, als sei sie direkt einem Science-Fiction-Film entsprungen. Tut sie aber nicht, was die grosse, vor ihr liegende Grünfläche beweist, die an eine Schrebergartenidylle erinnert (Bild).

Eine von Georg Aernis Impressionen der italienischen Stadt Genua, die in Wettingen zu sehen sind. (Bild: ef)

Diese Patina will man nicht übertünchen
Immer wieder dieses «oder». Als ob es je genug gäbe von den fotografischen Arbeiten des Zürchers Georg Aerni (1959). Er widmet sich Genua seit Jahren mit einer Akribie und Leidenschaft, die beim Betrachten seiner Bilder geradezu unbändige Lust auf diese Stadt macht, denn sie lebt von Infrastrukturbauten, die sich (scheinbar) wenig bis gar nicht um Regeln kümmern, die Patina angesetzt haben, die man offenkundig gar nicht übertünchen will und die den teilweise brüchigen Übergängen ein wucherndes, saftiges Grün entgegensetzt. Damit unterstreicht Genua, dass die Durchdringung von Architektur und Vegetation ihr Kennzeichen ist. In Georg Aernis Verständnis weist die Stadt eine stoffliche, nicht rein funktional erklärbare Struktur auf, deshalb sind seine Bilder auch unter dem Titel «Tessuto» – zu Deutsch: Gewebe – ausgestellt.

Leere zum Nachdenken
Welch ein Kontrast zu den bildnerischen Arbeiten von Giampaolo Russo (1974) – auch er ein Zürcher. Mit «Süd» hat er seine Ausstellung betitelt, und das hat seinen Grund. Russo verbrachte seine Kindheit bei seinen Grosseltern in Süditalien, bevor er als 15-Jähriger in die Schweiz zurückkehrte. An den Süden oder vielmehr an die süditalienische Region Apulien erinnern die Farben, die Natur, spezielle Orte und eine einzigartige Landschaft, die sich in seinen Werken finden. Auf seine Heimat Zürich verweisen urbane Strukturen. Russo vollführt in seinem Œuvre, das Malerei genauso umfasst wie Zeichnung, Grafik, Radierung und Fotografie, einen Balanceakt zwischen dem ländlichen Süditalien und dem städtischen Zürich.

Kräftige, abstrakte Ölgemälde im Treppenhaus, aber auch anderswo stehen filigranen, oft auf Leihgaben beruhenden Kohle- oder Grafitzeichnungen auf Papier gegenüber. Schemenhaft tauchen zum Beispiel Palazzi aus der Dämmerung oder ein Campanile (Kohlenstift auf Papier) auf. Wie vielseitig Russo im Hinblick auf Materialien ist, erweist sich Bild um Bild. Ob Öl, Acryl, Kohle oder Tusche: Die Bildwelten dieses Künstlers ermuntern das Publikum zum Reflektieren. Das dürfte leichtfallen, denn zwischen den einzelnen oder in kleinen Gruppen angeordneten, im Dachgeschoss niedrig gehängten Bildern gibt es genügend Weissraum, damit sich das Auge erholen kann. Anstatt Hetze also Kontemplation, wozu vor allem Russos Tuschezeichnungen (Araucaria I, II, III oder Alberi di cachi auf braunem Papier) einladen, die in ihrer federleicht wirkenden Anmut auf grosse japanische Meister der Tuschemalerei verweisen.

Die Ausstellung mit Werken von Georg Aerni und Giampaolo Russo ist die erste seit dem Stellenantritt von Catrina Sonderegger Ende des letzten Jahres. Sie ist bis zum 12. April in der Galerie im Gluri-Suter-Huus zu sehen. Weitere Informationen dazu sind unter glurisuterhuus.ch zu finden.