«Vinyl ist ein Nischenmarkt»

Kurt Mathis führt einen der grössten Schallplattenläden des ­Landes. Er steht mit 69 Jahren noch immer täglich in der Rille.
Kurt Mathis hat in seinem Plattenladen rund 60 000 Alben in den Regalen. (Bbild: leh)

Würenlingen – Die einen sprechen vom grossen ­Vinylboom, andere sagen, er sei bereits wieder am Abflauen. In Würenlingen wird er derweil gelebt. «Der Laden läuft sehr gut», sagt Kurt ­Mathis. «Aber wenn man von einem Boom spricht, muss man sich bewusst sein: Wie in den 1980er-Jahren, als von gewissen Platten Millionen Exemplare verkauft wurden, wird es nicht mehr sein. Wir bewegen uns mit dem Vinyl ganz klar in einem Nischenmarkt.»
Entsprechend könne man mit einem Plattenladen keine fünfköpfige Familie ernähren. «Es rentiert sich ­jedoch, sonst wäre ich nicht mehr hier», so der 69-jährige Plattenhändler. «Ich bin eigentlich pensioniert, stehe aber vollamtlich im Laden.» ­Anders gehe das heutzutage nicht. «Man kann nicht mehr nebenbei einen solchen Laden führen und denken, dass es funktioniere.» Man müsse offen sein und immer wieder neue Ideen einbringen. So trifft sich die Szene bei Kurt Mathis auch einfach zu einem Kaffee oder für kleinere Konzerte und Lesungen. «Wir möchten der Kundschaft mehr als nur Platten anbieten. Ganzheitliche Erlebnisse scheinen mir heute wichtig, damit ein Plattenladen überleben kann.» Das nehme wiederum Zeit und Energie in Anspruch. «Aber die Musik hält mich ja jung.»

Die nächste Generation
Der Nischenmarkt, von dem der erfahrene Plattenhändler spricht, wird zunehmend von einer jungen Generation entdeckt. «Es freut mich sehr, dass in den letzten Jahren mehr junge Leute in meinen Laden kommen. Sie bekommen von der Mutter oder vom Grossvater einen Plattenspieler geschenkt – zum Beispiel zur Konfirmation oder zum Geburtstag – und werden so von der Faszination Vinyl an­gesteckt.»
Kurt Mathis selbst schätzt am ­Vinyl unter anderem die Langsamkeit. Anders als beim Streamen müsse man sich für das Plattenhören Zeit nehmen. So könne man ganz anders auf die Musik eingehen. «Und ich schätze das Gesamtkonzept einer Platte mit dem grossen Umschlag, der ein fester Bestandteil des Werks ist.» Viele Alben – zum Beispiel von Pink Floyd – hätten sich nicht zuletzt wegen des Artworks, und nicht bloss wegen der Musik, in das kollektive Gedächtnis gebrannt.

60 000 Platten in den Regalen
Die Rille in Würenlos öffnete am 16. April 2016 ihre Türen. Sie ist längst zu einem Mekka für Vinyl­liebhaber geworden und einer der grössten Schallplattenläden des Landes. Auf 280 Quadratmetern finden sich hier Schallplatten verschiedenster Genres – bis auf Klassik deckt die Rille fast sämtliche Musikstile und Jahrzehnte ab. Knapp 60 000 Platten stehen in den Regalen, von experimenteller Elektronik über Stonerrock und World-Music in kleinen Auflagen bis zu Fusionjazz oder Mainstreampop. Secondhand steht genauso im Angebot wie Neuware.
Es ist nicht Kurt Mathis’ erster Plattenladen. In den 1980er-Jahren betrieb der gelernte Textilverkäufer aus Untersiggenthal zusammen mit Kollegen in Brugg den Laden Fairplay, nachdem er lang auf Reisen gewesen war. Danach war er fast drei Jahrzehnte in der Versicherungsbranche tätig, bevor er die Rille eröffnete.
Dass seine persönliche Sammlung in seiner Zeit ohne Plattenladen grösser und grösser wurde, hatte mit dem zwischenzeitlich beinahe vollständigen Verschwinden des Vinyls zu tun. In den Nullerjahren kamen die Downloads und danach das Streaming auf, worauf sehr viele Leute ihre Plattenspieler und Langspielplatten verkauften. Kurt Mathis hingegen kaufte ganze Sammlungen auf und verstaute sie bei sich zu Hause – bis der Platz für die Tausenden von Vinyls knapp wurde. «Aus dieser Situation ging schliesslich die Idee für die Rille hervor», erzählt Kurt Mathis.

Von Nine Inch Nails bis Jazz
Zu Hause hört Kurt Mathis verschiedene Arten von Musik. «Ich bezeichne mich als Klangfetischisten und mag Musik von Nine Inch Nails über Jazz bis Meredith Monk, auch sphärischen Ambient – Klänge, mit denen ich mitreisen kann. Ich höre auch Klassik, wie zum Beispiel Erik Satie, aber eher selten.»
Vielleicht wird genau diese Musik aus aktuellem Anlass schon bald in der Rille zu hören sein. Denn am 18. April, am nächsten Record Store Day, wird hier das zehnjährige Bestehen des Ladens gefeiert. Kurt ­Mathis wird dann in all seiner eindrücklichen und zugleich angenehmen Präsenz im Laden stehen und die Kundschaft verschiedensten Alters begrüssen. Und geht es nach ihm, dürfte es für die Rille nicht das letzte Jubiläum sein.
 «Ich denke, ich werde noch etwa fünf Jahre weitermachen und den ­Laden dann verkaufen.» Es gäbe mehrere Interessenten, mit denen er bereits «lockere Gespräche» führen würde, verrät Kurt Mathis. Die Zukunft des Vinyltreffpunkts in Würenlingen könnte somit vorzeitig gesichert sein.