Die Axpo präsentierte Ende März mit den «Axpo Energy Reports» eine umfassende Analyse, welche Technologien unter welchen Bedingungen und zu welchen Kosten den nötigen Winterstrom liefern können. Der Bericht macht klar: Die Herausforderung sei mit einer klugen Kombination mehrerer Technologien lösbar. Aus allen Varianten stellen die Reports zwei Szenarien vor. Beide sollen eine verlässliche, möglichst emissionsarme und bezahlbare Stromversorgung ermöglichen. Die Schweiz muss ihre Stromversorgung im Winter langfristig sichern, wie es in einer Mitteilung des Energiekonzerns heisst. Die Reports sollten dafür Wind, Solar, Kern und Gas technologieoffen untersuchen.
Heute profitiert die Schweiz von sehr guten Voraussetzungen – namentlich dank Wasserkraft, Kernenergie und ihrer zentralen Lage im europäischen Stromnetz. Doch die für die Dekarbonisierung notwendige Elektrifizierung von Mobilität und Wärme sowie das Bevölkerungswachstum werden den Strombedarf erhöhen. Hinzu kommt der steigende Energiebedarf durch die Digitalisierung. Gleichzeitig werde mit dem Ausstieg aus der Kernenergie mehr als ein Drittel der gesamten inländischen Winterstromproduktion wegfallen, hält der Bericht fest. Die Wasserkraft bleibt das Rückgrat, hat aber laut Axpo kaum mehr Ausbaupotenzial. Der Solarausbau ist aufgrund hoher gesellschaftlicher Akzeptanz begrüssenswert, müsste aber intelligenter, netzdienlicher und kosteneffizienter werden.
Die «Axpo Energy Reports» sind das Ergebnis intensiver Analysetätigkeiten von rund 50 Expertinnen und Experten aus allen Axpo-Geschäftsbereichen sowie einer Zusammenarbeit mit externen Institutionen, unter anderem der ETH Zürich und dem Paul-Scherrer-Institut. Zusätzlich wurde ein Advisory Board einbezogen, das auf politischer Seite parteiübergreifend besetzt ist und Expertinnen und Experten aus Wissenschaft, Beratung sowie Umwelt- und Industrieverbände umfasst.
Zwei mögliche Szenarien
Die Reports stellen zwei Szenarien vor. In beiden Szenarien wird die Stromversorgung primär im Inland sichergestellt, aber durch die enge Zusammenarbeit mit den Nachbarländern abgesichert. Dafür ist ein Stromabkommen notwendig. Die Szenarien unterscheiden sich hauptsächlich im Winterstrommix. Beide Szenarien lassen sich ohne Ausbau der Fördermittel realisieren, bedürfen aber einer Umschichtung zugunsten des Winterstroms.
Szenario 1 besteht aus einer ausgewogenen Mischung aus Wasserkraft, mehr Photovoltaik, deutlich mehr Windkraft sowie einigen marktaktiven Gaskraftwerken als flexible Ergänzung. Letztere bedienen die aufgrund des Ausbaus der erneuerbaren Energien stetig wachsende Nachfrage nach flexibler Produktion und sichern die Winterversorgung auch bei kritischen Wetterlagen.
In Szenario 2 entscheidet sich die Schweiz für den Neubau von zwei Kernkraftwerken. Diese koexistieren mit den anderen Technologien, denn dieses Szenario umfasst ebenfalls Wasserkraft, mehr Photovoltaik, mehr Windkraft sowie marktaktive Gaskraftwerke. Neue Kernkraftwerke reduzieren jedoch den Ausbaubedarf bei allen anderen Technologien deutlich.
Massnahmen für heute
Unabhängig davon, welchen Weg die Schweiz letztlich einschlägt, empfiehlt die Axpo konkrete Massnahmen.
Erstens: Implementierung von geeigneten regulatorischen Massnahmen zur Reduktion der politischen, regulatorischen und finanziellen Risiken und damit Sicherstellung eines längeren Betriebs der bestehenden Kernkraftwerke. Das wäre die günstigste Option für grosse Mengen an Winterenergie und würde der Schweiz Zeit verschaffen für den Ausbau der anderen Technologien. Zudem wird die Möglichkeit geschaffen, heute noch nicht verfügbare Technologien später einzubeziehen. Angesichts der in wenigen Jahren erforderlichen technischen Entscheide besteht hohe Dringlichkeit. Im Sinne der Technologieoffenheit unterstützt die Axpo auch die Streichung des Neubauverbots für Kernkraftwerke.
Zweitens: strukturelle Anpassung des Förderregimes hin zu einer technologieneutralen, transparenten und effizienten Förderung von Winterstrom. Derzeit werden die Fördermittel zu wenig effizient eingesetzt und führen primär zum Ausbau der Sommerstromproduktion. Die Herausforderung besteht jedoch im Winter.
Drittens: beschleunigter Ausbau der Windkraft. In der Schweiz besteht ein hohes Potenzial für Windenergie – selbst wenn jeder Standort einzeln zu prüfen ist, da wegen der spezifischen Schweizer Topografie Unsicherheiten bestehen. Wind ist hinsichtlich Winterstrom besonders kosteneffizient. Um das Potenzial zu nutzen, muss vor allem der Beschleunigungserlass auf kantonaler Ebene konsequent und schnell umgesetzt werden.
Und viertens: Schaffung von geeigneten Rahmenbedingungen für marktaktive Gaskraftwerke (besonders Abwärmenutzung). Gaskraftwerke sind zur Sicherung der künftigen Schweizer Versorgung notwendig, stossen aber CO₂-Emissionen aus. Für einen emissionsarmen Betrieb der Gaskraftwerke kommen langfristig verschiedene Lösungen infrage, die – Stand heute – jedoch noch mit grossen Unsicherheiten hinsichtlich Verfügbarkeit und Kosten verbunden sind. Die erforderliche Anzahl an Gaskraftwerken ist abhängig von der Betriebsdauer der bestehenden Kernkraftwerke, vom Tempo des Zubaus der anderen Technologien sowie von der Entwicklung der Stromnachfrage. Sind die Rahmenbedingungen einmal vorhanden, können Gaskraftwerke innerhalb weniger Jahre gebaut werden. Sie können flexibel und bedarfsgerecht mehr oder weniger zur Stromversorgung beitragen.
Ohne Umsetzung dieser Massnahmen verbleiben nur noch kurzfristig zugebaute Reservekraftwerke – im schlimmsten Fall via Notrecht – sowie steigende Stromimporte.
Axpo-Schlussfolgerungen
Nach Fertigstellung der «Axpo Energy Reports» mit den externen Institutionen und dem Advisory Board hat Axpo eigene Schlussfolgerungen gezogen. Szenario 1 enthält eine Kombination mit dem Langzeitbetrieb der bestehenden Kernkraftwerke. Damit dieses Szenario Realität werden kann, ist es unerlässlich, einerseits das Tempo für den Ausbau bei Windkraft stark zu erhöhen und andererseits die notwendigen Rahmenbedingungen für den Langzeitbetrieb der Kernkraftwerke und für Gaskraftwerke zu schaffen. Aus Unternehmenssicht erlaubt dieses Szenario eine geringere staatliche Beteiligung und mehr marktwirtschaftliche Mechanismen. Zudem bietet es mehr Flexibilität für langfristige technologische Entwicklungen. Da der zusätzliche CO₂-Ausstoss der Gaskraftwerke im Gesamtbild der CO₂-Bilanz der Schweiz 2050 vernachlässigbar klein bleibt, entspricht dieses Szenario am ehesten den bisher gefällten Beschlüssen des Souveräns.
Angesichts von Akzeptanz- und Realisierungsproblemen ist es unsicher, ob der notwendige Zubau von Windanlagen und Gaskraftwerken gelingt. Deshalb sollte parallel dazu der Weg zu Szenario 2 geebnet werden, um alle Optionen offenzuhalten. Um diesen Weg zu ermöglichen, wären zunächst geeignete Rahmenbedingungen für neue Kernkraftwerke zu schaffen. Ein erster Schritt wäre die Aufhebung des Neubauverbots, was Axpo explizit unterstützt.
Für die Axpo steht dieses Szenario wegen der ungeklärten Risikofragen (politisch, regulatorisch, finanziell) jedoch nicht im Fokus. Ohne eine umfassende Risikoübernahme durch den Staat wären die finanziellen Risiken neuer Kernkraftwerke für kein Unternehmen tragbar. Es ist unklar, ob eine derartige Risikoübernahme politisch realisierbar ist, während die breitere Risikoverteilung in Szenario 1 die politische Umsetzung eher erleichtert. Sollte sich der Souverän aber für ein Szenario mit neuen Kernkraftwerken und umfassender Risikoübernahme durch den Staat entschliessen, steht die Axpo bereit, um die Umsetzung dieses Szenarios nach Kräften zu unterstützen – vorausgesetzt, ihre Eigentümer stimmen zu.
Berichte als Debattenbeitrag
Die Axpo betont, dass man bei der Erstellung der Reports ausdrücklich technologie- und ergebnisoffen vorgegangen sei. Das Unternehmen verfüge über fundierte Erfahrung in allen untersuchten Technologien. Mit der Veröffentlichung auf axpo.com/energy-reports stellt die Axpo diese fundierte Wissensbasis allen Interessierten zur Verfügung. Die Erkenntnisse können Gesellschaft, Politik und Branche bei Entscheidungen über den Ausbau der inländischen Stromproduktion unterstützen. (sma)