Lehrkräfte wollten Abwart behalten

Urs Keller war Hauswart im Schulhaus Dohlenzelg. Die Lehrerschaft wünschte sich ihn auch im soeben bezogenen Neubau. Es kam anders.
Urs Keller war im Dohlenzelg-Schulquartier seit zwölf Jahren Abwart des Schulhauses und der Turnhalle. (Bild: zVg)

Windisch – «Handwerklich geschickt und sehr hilfsbereit – eine präsente und wichtige Person im Leben der Kinder und Lehrpersonen»: Das ist eines von vielen Abschiedskomplimenten, die Urs «Hagi» Keller von den Lehrkräften im Windischer Dohlenzelg-Schulquartier bekam. Hier war er seit zwölf Jahren «mit Herzblut und hohem Berufsstolz», wie ihm die Lehrerschaft attestierte, Schulhaus- und Turnhallenabwart. Ja, er habe unglaublich gern im Dohlenzelg gearbeitet, bestätigt der Gerühmte. In der 1957 bezogenen, für damalige Begriffe höchst modernen, aber anfänglich umstrittenen Schulanlage war ihm jede Türklinke vertraut. Und für handwerkliche Fälle hatte er meistens selbst eine kreative Lösung.
Doch zum Bedauern der Lehrpersonen konnte der 61-Jährige nach den Frühlingsferien nicht in die neue Schulanlage zügeln. Stattdessen wurde ihm die Hauswartfunktion in der Heilpädagogischen Schule übertragen. Angeblich soll der handwerkliche Könner für die Anforderungen im Schul- und Turnhallenneubau Dohlenzelg zu wenig digitalaffin gewesen sein, hiess es. Offiziell bestätigt wird das jedoch nicht. Die Versetzung löste indessen einige Kulissengeräusche aus. Die Lehrerschaft setzte sich leider erfolglos für seinen Verbleib am gewohnten Standort ein.

Immer erreichbar
Urs Keller wird für seine Exaktheit, Zuverlässigkeit und Umgänglichkeit gelobt. «Sein Einsatz ging über die ­regulären Arbeitszeiten hinaus», schreibt eine Lehrerin. Eine andere Lehrerin bestätigt ebenfalls, Hagi sei jederzeit erreichbar gewesen – «ich chome grad cho luege» –, wenn ein WC verstopft oder eine Stuhllehne, eine Lampe und ein Türgriff zu flicken gewesen sei, ein Ball aufs Dach geflogen sei oder ein Veloschloss habe geöffnet werden müssen. In der ­Dankeskarte, die ihm das Lehrerkollegium beim Abschiedsessen widmete, heisst es, er sei «das Herz und die Seele des Dohlenzelg» gewesen, habe viel zum guten Klima beigetragen und mit seiner direkten Art frischen Wind ins Team gebracht. Andere begegneten seiner Offenheit ­etwas reservierter.
Sein Engagement beschränkte sich nicht auf den Abwartsdienst. Er begleitete Klassen auf Exkursionen, und ihn interessierte, wie die Lehrkräfte mit den Schülerinnen und Schülern umgingen. Er unterstützte sie bei besonderen Anlässen wie Sternmärschen, Lichterumzügen, ­Leseabenden,
Spiel- und Sportveranstaltungen sowie den Jugendfesten im Amphitheater, wo er mit grösster Präzision die Platzmarkierungen für die Schulhäuser in die Arena zeichnete. Zudem betrieb er jedes Frühjahr im Schulhauskeller eine Eierbrüterei und liess die Schülerinnen und Schüler das Ausschlüpfen der Küken beobachten. Damit berührte er manches Kinderherz.

Sportlich aktiv
Urs Keller erwarb auch sportliche Verdienste. 1995 initiierte er in Brugg-Windisch das Schulunihockey, leitete es 28 Jahre lang und bildete darin auch Buben und Mädchen in Turgi, Möriken-Wildegg und Herznach aus. Das Spiel entwickelte sich dank dem begeisterten Nachwuchs zu einer beliebten Freizeit-, Vereins- und Wettkampfdisziplin. Hagi erlebte den Boom von Junioren- bis zu Nationalliga-A-Mannschaften. Mit dem Unihockeyverein Wiler-Ersigen BE feierte er neun Schweizer-Meister-Titel. Eine Zeit lang leitete er ausserdem den Lehrlingssport im Pestalozzi-Berufsbildungsheim Neuhof Birr.
Zur sportlichen Tätigkeit war er ­befähigt, weil er vor der Berufslehre als Metallbauschlosser in Brugg die Massageschule Zürich besuchte und nachher den Lehrgang als Hockeytrainer in Magglingen absolvierte. Er wurde Betreuer in einem Eliteradsportteam, lernte dabei in- und ausländische Radprofigrössen kennen, war als Masseur an den Sechstagerennen Zürich, München und Stuttgart tätig und wurde Funktionär des aargauischen Radklassikers GP Rüe­bliland. Schliesslich unternahm er noch einen Abstecher in die andere Hockeydisziplin auf dem Eis und be­tätigte sich als Videoanalyst beim EHC Kloten und in der Nationalmannschaft. Zudem leitete er ein Jahr lang den Windischer Jugendtreff.
Weil der hektische Lebenslauf nicht spurlos am ledigen und mittlerweile Mittvierziger vorüberging, erwog Urs Keller eine berufliche Veränderung. An einer Veranstaltung meinte ein anderer Teilnehmer zu ihm, er könnte sich ihn als Abwart vorstellen. Ein Reinigungsunternehmer gab ihm Einblick in die «Welt der Saubermacher» – er absolvierte den Hauswartlehrgang und trat am 1. September 2014 die Abwartsstelle in der Dohlenzelg-Schulanlage an. Hinzu kamen noch die Reinigungsdienste im Gemeindewerkhof und im Garderobengebäude des FC Windisch.
Den Tritt, sagt er, habe er schnell gefunden und seinen Entscheid nie bereut. Die vielseitige Aufgabe und die Begegnungen mit Jugendlichen und Erwachsenen gefielen ihm. Da­neben nahm er gesellschaftlich-soziale Veränderungen wahr. Zum Beispiel stellte er fest, dass verlorene Dinge wie Ringe, Brillen, Uhren
oder Kleidungsstücke manchmal erst nach ­Wochen vermisst und gesucht werden. Urs Keller wünschte sich, dass auch Eltern besser hinschauen würden.
Selbst nimmt er insofern erzieherisch Einfluss, als er von den Schülerinnen und Schülern Ordnung und Ehrlichkeit einfordert. Seine Strenge wird aber mit Vertrauen belohnt, weil die Jugendlichen spüren, dass er sie versteht. «Ich war ja auch einmal jung», sagt Urs Keller lächelnd, der eine erlebnisreiche Jugend in Linn verbrachte. Seit dem sechsten Lebensjahr trägt er den Übernamen «Hagi» – eine Abwandlung von ­«Hacki», seinem Idol aus Mark Twains «Abenteuer des Tom Sawyer».