Interessante Perspektiven fürs Surbtal

Die Gemeinden Endingen, Lengnau, Schneisingen und Tegerfelden wollen eine Fusion prüfen. Die Bevölkerung kann bis 11.11. Stellung nehmen.
Ralf Werder, Adrian Baumgartner, Viktor Jetzer, Daniel Müller, Reto Merkli. (Bild: is)

Dicht gedrängt sassen über 200 Inte­ressierte in der Turnhalle von Schneisingen, wo die Gemeinden Endingen, Lengnau, Schneisingen und Tegerfelden vergangene Woche über die geplante Fusionsprüfung zu einer Grossgemeinde «Surbtal» informierten. Viele waren mit einer Extrafahrt im Postauto ab Tegerfelden durchs Surbtal «angereist» und fuhren damit fast drei Stunden später auch wieder zurück. «Es ist überwältigend, wie viele unserer Einladung gefolgt sind», sagte Endingens Gemeindeammann Ralf Werder. Er führte als Präsident des Leitungsausschusses des Projekts «Perspektive Surbtal» durch den Abend. Und hielt vorweg fest: «Wir stimmen heute nicht über die Fusion ab.» An diesem Abend ging es darum, die von den Gemeinden angestrebte Fusionsprüfung zu vermitteln: die Gründe, die bisherigen und weiter geplanten Schritte und vor allem die Bevölkerungsumfrage, die mit dieser Kick-off-Veranstaltung begann.

Am selben Vormittag waren in der Druckerei Bürli in Döttingen die ­Umfragebögen gedruckt und den 8259 Einwohnerinnen und Einwohnern (Stand per 31.12.2021) der vier Surbtaler Gemeinden zugestellt worden. Der Brief mit frankiertem Rückantwortcouvert ging an alle Stimmberechtigten – und zusätzlich an die 16- bis 18-Jährigen, «denn sie werden auch bald abstimmen können und sich bestimmt Gedanken über die Zukunft ihrer Gemeinde machen», so Werder. Die anonyme Umfrage läuft bis zum 11. November. Mittels Zugangscode kann man sich einloggen – jede Person nur einmal, wie Daniel Müller, der Endinger Gemeindeschreiber und administrative Leiter des Leitungsausschusses, betont.

Über 200 Interessierte kamen an den Infoabend der vier Gemeinden in der Turnhalle Schneisingen. (Bild: is)

«Wir brauchen auch die Gegner»
Durch die Umfrage wollen die Gemeinden die Haltung der Bevölkerung zu einer Fusionsprüfung erfahren. Es sei ihnen wichtig, die Bevölkerung so früh wie möglich partizipieren zu lassen, erklärte Ralf Werder. «Und wir brauchen alle dafür, auch die Gegner – nur so finden wir eine gute Lösung für alle», mahnte Tegerfeldens Ammann Reto Merkli.

Die Antworten auf den Fragebögen werden bis Dezember von der Fachhochschule Graubünden ausgewertet.  Diese sei in einem Verfahren ausgewählt worden, weil sie grosse Erfahrung im Umgang mit solchen Prozessen besitze. In einer nächsten Phase wird ein Vorprojekt erstellt, und vermutlich werden alle vier Gemeinderäte an der Sommergmeind einen Projektierungskredit für die Fusionsprüfung beantragen.

Im Hauptprojekt (Phase 4) wartet die meiste Arbeit auf die Beteiligten. Dieses wird im Genehmigungsverfahren auch einer kantonalen Vorprüfung unterzogen und geht erst dann an die Gemeindeversammlungen.

In der Phase der Umsetzung stehen dann unter anderem Neuwahlen an, aber auch alle Reglemente werden angepasst. «Da haben wir dank ‹Perspektive Surbtal› bereits grosse Vorarbeit geleistet, das ist ein Vorteil», erklärte Merkli. Die Reorganisation nehme sicher ein bis zwei Jahre in Anspruch. In den öffentlich einsehbaren Unterlagen werden absichtlich keine fixen Daten genannt. Realistisch sei ein Zusammenschluss aber per 1.1.2027, so der Tegerfelder Ammann.

Stand heute solle sich für die Bevölkerung der zusammengeschlossenen Gemeinden wenig ändern. Die einzelnen Ortsteile mit ihrem Vereinsleben blieben erhalten, es gäbe keine Adressänderungen, und auch die Schulstandorte sollen erhalten bleiben.

Für die Gemeinden sehen die Beteiligten jedoch viele Vorteile. So könne die Verwaltung weiter professionalisiert werden, die Fixkosten würden auf mehr Einwohnerinnen und Einwohner verteilt, und die Rekrutierung von Behördenmitgliedern sei in grösseren Gemeinden einfacher, erklärte Ralf Werder in Anspielung auf Lengnau und Schneisingen, wo derzeit händeringend Kandidierende für die Gemeinderatsersatzwahlen gesucht werden. Gerade für Kleinst­gemeinden sei es enorm schwierig, Gemeinderäte zu finden. Die Exekutive stösst dort im Milizsystem an ihre Grenze: «Viele brennen schnell aus, verlieren die Lust und treten zurück.»

Finanzielle Vorteile
Auch der Steuerfuss werde eher sinken denn steigen, dies hätten andere Fusionen im Aargau gezeigt. Im Finanzausgleich für die Gemeinden würde die Gemeinde «Surbtal» einen siebenstelligen Betrag erhalten. Nicht zu unterschätzen sei auch die Tatsache, dass man als Gross­gemeinde auf kantonaler Ebene besser gehört werde, fügte Werder an. «Surbtal» wäre mit rund 8000 Einwohnern die zweitgrösste Gemeinde im Bezirk und würde 25 Prozent der Bevölkerung repräsentieren – nur Zurzach (8476) ist grösser. «Der Kanton hat kein Inte­resse daran, mit 200 Gemeinden zu sprechen», ist Werder überzeugt: «Als eine grosse Gemeinde hätten wir mehr Einfluss als vier kleinere. Wir müssen uns einen Platz am Tisch sichern!»

Einwohner- oder Gemeinderat?
Die Zusammenarbeit zwischen den vier Gemeinden wurde 2021 in mehreren Bereichen massiv intensiviert. Etwa in der Feuerwehr, der Musikschule, im Sozialdienst und in der Bauverwaltung. «Eine weitere vertiefte Zusammenarbeit scheint uns jedoch anspruchsvoller», sagte Ralf Werder. Zu klären wäre dabei jedoch, welche Auswirkung eine Fusion auf bestehende Kooperationen mit anderen Gemeinden hätte, etwa bei der BPU Regio Surb (Ehrendingen und Schneisingen) oder der ARA Surbtal (Lengnau, Endingen und Freienwil). Ehrendingen und Freienwil haben im März bekundet, kein Interesse mehr an einer Fusionsprüfung zu haben.

Nach so viel geballter Information hatten die 200 Anwesenden nur noch wenige Fragen. Ob ein Einwohnerrat in Betracht gezogen werde, fragte eine Endingerin. «Gute Frage», meinte Werder: «Auch dies gilt es zu besprechen. Hier haben wir die Möglichkeit, selber zu bestimmen, was wir wollen.» Ein Einwohner aus Tegerfelden wollte wissen, ob der Bericht der FH Graubünden öffentlich einsehbar werde. Dies sei selbstverständlich geplant, antwortete Werder, «alle Informationen werden auf www.surbtal.ch veröffentlicht. Wir wollen offen informieren und haben nichts zu verstecken!» Beim Apéro unter dem Vordach wurde noch rege weiterdiskutiert. Sämtliche Informationen und Unterlagen zur Perspektive Surbtal sind untersurbtal.ch zu finden.