Perfektion auf Naturleder

Das figürliche Punzieren ist in der Schweiz noch kaum bekannt. In ihrer Lederschule gibt die gebürtige Endingerin Sibil Joho ihr Wissen weiter.
Sibil Joho bearbeitet auf einem Granitstein Leder mit dem Swivel Knife. (Bild: zVg)

Punzieren ist eine alte Technik, um Leder künstlerisch zu bearbeiten. Sibil Joho ist eine der wenigen in der Schweiz, die dieses Kunsthandwerk beherrschen und ihr Wissen in Kursen weitergeben. Es sei schade, dass dieses traditionsreiche Handwerk hierzulande kaum bekannt sei, findet die gebürtige Endingerin: «In Deutschland, Österreich und in den USA ist das figürliche Punzieren sehr beliebt.» Seit vielen Jahren fertigt Sibil Joho in ihrem Atelier in Horgen ZH einzigartige Porträts auf Leder nach Auftrag an. Florale Muster, die nach Schema F abgepaust und bearbeitet werden, sind ihr jedoch zu langweilig. «Porträts von Mensch und Tier auf Leder, das ist die Königsklasse», erklärt die Künstlerin. Am beliebtesten seien Haustiere wie Hunde oder Katzen. Diese punziert sie auf Handyhüllen, Portemonnaies oder kleine Etuis sowie Schlüsselanhänger.

Verschiedene Werkzeuge
Die Herausforderung beim Punzieren ist das Material – auf Leder kann man Fehler nicht korrigieren. «Ein falscher Schnitt bleibt für immer.» Zuerst wird das unbehandelte Leder gut befeuchtet. Dadurch werde es von der Beschaffenheit her wie Ton, erklärt Sibil Joho. Dann schneidet man mit dem Swivel Knife (Kurvenmesser) die Hauptlinien vor. Danach folgen mit dem Punziereisen – mit verschiedenen Metallstiften – Vertiefungen, Muster und Linien ins Material, indem mit dem Punzierhammer darauf geschlagen wird. Für Feinheiten werden spezielle Modellierlöffel verwendet.

Wenige beherrschten diese Technik in der Schweiz in ihrer Perfektion, weiss Sibil Joho. Sie habe schon als Kind gern in ihrer Freizeit gezeichnet, erzählt die heute 54-Jährige. Nach der Bezirksschule in Endingen besuchte sie an der Kunstgewerbeschule in Zürich den Vorkurs und absolvierte anschliessend eine Lehre als Grafikerin. Seit 28 Jahren betreibt Sibil Joho eine Agentur für kreative Kommunikation. Das Lederhandwerk ist aber ihre grosse Leidenschaft: Von 2017 bis 2020 absolvierte sie nebenberuflich eine Ausbildung zur Feintäschnerin (ohne Ausbildung Schule und EFZ) bei Odermatt Lederwaren in Zug und machte diese Tätigkeit zu einem zweiten beruflichen Standbein.

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Beliebt sind Porträts von Menschen und Tieren sowie florale Motive (Bilder: ZVG)

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Geduld und Sorgfalt
Als mit der Coronapandemie die Aufträge in der Werbung einbrachen und sie kaum Arbeit hatte, entdeckte sie zufällig in dem Shop, in dem sie ihr Lederwerkzeug bestellt, das figürliche Punzieren. Sibil Joho bestellte ein Starterset und brachte sich die jahrhundertealte Technik anhand von Youtube-Videos selbst bei.

Doch selbst wer nicht so gut zeichnen könne, könne das figürliche Punzieren lernen, ist sie überzeugt: «Man muss einfach Geduld haben und sorgfältig arbeiten.» In ihren Anfängerkursen, die sie entweder in ihrem Atelier in Horgen oder bei ihrer Mutter in Endingen anbietet, werden Motive hergestellt, die sie selbst schon umgesetzt hat. «Dabei dokumentiere ich jeden einzelnen Schritt und zeige es vor.» Da die Kurse in kleinen Gruppen à drei Personen stattfinden, kann Sibil Joho auf jede einzeln eingehen. Wichtig sei von Beginn an die richtige Handhabung des Werkzeugs. «Wenn man es falsch hält, verkrampft man sich», erklärt die Fachfrau.

Nach dem Punzieren folgt das Kolorieren – das gezielte Einfärben. Oft stellt Sibil Joho fest, dass Kursteilnehmer ein Händchen fürs Leder hätten, «aber beim Bemalen verlieren sie die Geduld fürs achtsame Arbeiten». Dabei kommt eine Lasurtechnik wie beim Aquarellieren zur Anwendung. «Viele verdünnen die Farbe jedoch nicht und kleistern die schöne Arbeit zu. Dabei ist Leder bereits als Naturprodukt sehr schön und kann roh belassen oder mit einer Antikpaste gefärbt werden. Dezent ist tausendmal mehr wert», rät sie.

Anfängerkurs in Endingen
Entscheidend sei beim Punzieren das regelmässige Training: «Wer viel übt, macht enorme Fortschritte.» Für Fortgeschrittene bietet sie in ihrem Atelier in Horgen zweitägige Kurse an. Immer wieder finden aber auch Starterkurse statt. Den nächsten führt Sibil Joho am Samstag, 7. Oktober, im Haus ihrer Mutter in Endingen durch, wo sie in einem separaten Atelier gut ausgestattet ist. Während sechseinhalb Stunden stellen die Teilnehmenden dort ein Seepferdchen her. Material und Werkzeuge stellt die Kursleiterin zur Ver­fügung, ebenso sind Verpflegung, Getränke und Snacks inbegriffen. Weitere Informationen zum Ablauf und zu den Kosten sind unter sibiljoho.com/lederkurse zu finden.