Sie setzt auf Risiko und wagt den Schritt

Carol Nater Cartier blickt zurück auf zehn Jahre als Leiterin des Historischen Museums in Baden, in denen die Institution prosperierte.
Geschichte hautnah erlebbar zu machen, ist Carol Nater Cartiers Leidenschaft. (Bild: ub)

An ihren ersten Besuch im Historischen Museum Baden kann sich Carol Nater Cartier erinnern, als ob er gestern gewesen wäre. «Es war während meines Geschichtsstudiums in Zürich. Als ich in den Räumen stand, wusste ich sofort: Das wäre mein Traumarbeitsort.» Nach Beendigung ihres Studiums fragte sie bei der damaligen Leiterin Barbara Welter 2005 um eine Praktikumsstelle an. «Als es klappte, freute ich mich riesig», erinnert sich die 45-Jährige und beginnt zu strahlen. Aber das Glück währte nur kurz. Ihre Dissertation stand an, und im Badener Museumsbetrieb war keine Feststelle offen.

Doch der Traum liess sie nicht mehr los. Und auch die Zürcherin hatte einen bleibenden Eindruck hinterlassen. 2008 wurde sie von Welter temporär als Kuratorin der Ausstellung «Frau Papa Moll» engagiert. In der Folge leitete sie vier Jahre lang das kantonale Museum Altes Zeughaus in Solothurn. Doch dann erfüllte sich ihr innigster Wunsch: Weil Welter die Geschäftsführung am Historischen Seminar der Uni Zürich übernahm, wurde Nater Cartier 2013 als Leiterin des Historischen Museums Baden auserkoren. Ein Dezennium hat sie seither gewirkt und viel verändert. Sie hat aus dem Kulturbetrieb einen fest im städtischen Leben verankerten Begegnungsort gemacht. Das widerspiegeln auch die Besucherzahlen, die sich während ihrer Amtszeit verdoppelt haben.

«Für mich ist die Zeit nun reif, um mich einer neuen Herausforderung zu stellen», findet die zweifache Mutter, die an sich selbst sehr hohe Ansprüche stellt. Festgefahrene Gewohnheiten sind ihr ein Gräuel. «Ich habe mich persönlich weiterentwickelt», sagt sie zu ihrem Entscheid und setzt auf Risiko. Künftig will sie sich mit Kulturprojekten selbstständig machen und diese von der Idee zur Umsetzung begleiten oder selbst ausführen. «Für mich ist das ein Schritt ins Ungewisse», gesteht sie. Aber ihre grossen braunen Augen blitzen dabei unternehmungslustig. Am 30. Oktober hat sie ihren letzten Arbeitstag in Baden. Dem Historischen Museum wird sie im Hintergrund noch etwas länger erhalten bleiben, bevor ihre Nachfolge Ende 2023 übernimmt.

Verspätete Kunstschätze
Von ihrem Büro im «Melonenschnitz» blickt Nater Cartier auf die Limmat. «Ich habe den schönsten Arbeitsort der Welt», schwärmt sie. Ihr Museumsteam und das Badener Publikum werden sie vermissen. Denn sie wurde gemäss ihren eigenen Worte von Anfang an mit offenen Armen empfangen. In der zukünftigen Funktion freut sie sich dafür auf die neu gewonnene Freiheit: «Ich kann die Tage selbst einteilen und muss mein Leben nicht mehr so minutiös durchtakten wie bisher», sagt die Berufs- und Familienfrau. Etwas Wehmut ist trotz allem mit dabei beim Rückblick auf ihr Wirken. «Ich bin kulturpolitisch unter sehr guten Bedingungen gestartet.» Planung und Umsetzung des Umbaus des Museums und die neue Dauerausstellung «Geschichte verlinkt» konnte sie sofort an die Hand nehmen. Die erste Sonderausstellung «Frieden verhandeln» – ein internationales Ausstellungsprojekt anlässlich 300 Jahre Frieden von Baden – stellte sie vor gewaltige Herausforderungen. «Wir bekamen dafür wertvolle Kunstschätze aus ganz Europa. Das letzte Werk, eine Malerei aus Versailles, kam wegen des enormen Papierkriegs erst kurz vor Ausstellungseröffnung bei uns an.»

Schubkraft für das Museum
Nach den Renovationsarbeiten im «Melonenschnitz» präsentierte sich der Betrieb 2016 mit neuem Foyer, multifunktionalen Räumen und einer multimedialen Dauerausstellung mit Exponaten aus dem Museumsbestand moderner denn je. Nater Cartier legte viel Wert darauf, das museale Ambiente lebendig zu gestalten. «Ich wollte Schwellenängste abbauen und komplexe Inhalte hautnah erlebbar machen.» Davon zeugen heute auch der komplett umgestaltete dritte und vierte Stock des Landvogteischlosses, wo die Ausstellungen «Schwatz und Schwefel» zur Bädergeschichte und «Hotel Zuflucht» zum einstigen Badener Gasthaus Rosenlaube als Zufluchtsort für Kriegsflüchtlinge neu eingerichtet wurden. An Hörstationen erzählen Schauspielerinnen und Schauspieler den Museumsgästen spannende Geschichten aus dem damaligen Alltag, und man fühlt sich dank passend eingerichteten Räumen sofort mittendrin im Geschehen der damaligen Zeit. Für die Ausstellung «Badekult. Von der Kur zum Lifestyle» und den dazugehörigen Badeparcours spannte die Museumsleiterin mit dem Verein Bagni Popolari zusammen. Als Innovatorin legte sie grossen Wert auf Kooperationen mit anderen Kulturinstitutionen. Unter ihrer Ägide wurde zudem ein grosser Teil der Museumssammlung, die unter dem Museum und in einem externen Lager aufbewahrt werden, digitalisiert. Bei diesem Prozess stiess sie auf Objekte, von denen keine Informationen vorlagen. Ein Teil davon wird in der Ausstellung «Unordnung» zu sehen sein, die ab Februar 2024 stattfindet und definitiv noch die Handschrift von Carol Nater Cartier trägt.