Kurze Geschichte der Isolierbausteine

Von 1945 bis 1960 wurden Isolierbausteine mit Birmenstorfer Kalktuff geformt. Doch das Geschäft wollte und wollte nicht rentieren.
Luftaufnahme der Isolierbausteinfabrik in Birmenstorf am südöstlichen Rand des Dorfes von 1953. (Bild: ETH-Bildarchiv)

Birmenstorf – Die Jahre unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg waren eine Phase des Aufschwungs und damit des Optimismus. Das dachte auch der Birmens­torfer Eduard Rey (1912–1981), als er 1945 die Idee hatte, Isolierbausteine aus Kalktuff herzustellen. Eigentlich war er Gemüsebauer, und so kam es, dass Eduard Rey bei der Feldarbeit Kalktuff fand. Die unebene Parzelle in der Wey am Abhang zur Reuss gab für die Landwirtschaft nur wenig her. Bestenfalls diente sie als karge Weide. Doch der Rohstoff liess Eduard Rey träumen, denn im Dorf wurden seit Hunderten von Jahren verschiedene Bodenschätze gewonnen.

In der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts bezog beispielsweise die Stadt Brugg aus dem reichen Tuff­lager an der Tugflue Material für die obersten Geschosse des Schwarzen Turms, im 17. Jahrhundert liess die Königsfelder Klosterverwaltung vom gleichen Ort auf der Reuss Baustoffe für mehrere Neubauten heranführen. Zur gleichen Zeit begann der Abbau von Insektenmergel, begehrt für ­Bodenverbesserung von Acker- und Wiesland. Gut ein Jahrhundert später entstand in Birmenstorf die erste Ziegelei, die Lehm aus einer Grube im Lätte zu Dachziegeln formte und brannte. Ab der Wende zum 20. Jahrhundert bezogen Badener Giessereien Opalinuston aus einer anderen Grube für den Formenbau. Weshalb sollte sich nicht auch mit Kalktuff Geld verdienen lassen?

Beim Kalktuff handelt es sich um ein junges, poröses Sediment, das sich erst nach der Eiszeit ablagerte. Das ausserdem Quellkalk oder Bachtuff genannte Gestein entsteht dort, wo der chemische Prozess der Kohlensäure-Lösungsverwitterung den Kalk aus viel älteren Gesteinsschichten ­herauslöst. Als Weichgestein ist es einfach abzubauen, und es verfügt dank vielen Hohlräumen über wärmedämmende Eigenschaften. Der Kalktuff in Birmenstorf hatte eine helle Farbe und war so weich wie feuchter Lehm.

Bestechend einfache Produktion
Ohne weitere Abklärungen und in Erwartung grosser Gewinne machte sich Eduard Rey an die Arbeit. Er liess auf dem Lochacker, den er kurz davor von Viehhändler Paul Würsch erworben hatte, eine Baracke mit Ziegeldach aufstellen. Eduard Rey stellte 1946 als ersten Arbeiter Giovanni Lampréu (1924–1979) ein. Der ehemalige italienische Militärinternierte erlebte das Kriegsende in Birmenstorf, blieb nur kurz in seinem Heimatdorf und war eben wieder zurück an der Reuss. Er kümmerte sich um die Produktion. Den Antrieb der Maschinen übernahm ein Motor über Transmissionen. Waren die breiten Lederriemen gerissen, trug sie der 1940 geborene Eduard Rey junior zu Sattler Hugo Bopp auf die Egg.

2024 erhielt die «Sammlung Ortsmuseum Birmenstorf» von der Baufirma G. Zehnder AG einen der wohl letzten Isolierbausteine mit Anteilen von Kalktuff, produziert zwischen 1945 und 1960. (Bild: Patrick Zehnder)

Die Herstellung der Isolierbausteine war denkbar einfach. Zuerst wurde der Kalktuff zerkleinert und gemahlen, dann mit Sand und Zement vermischt und in eine Form gepresst. Im Gegensatz zu Ziegeln und Backsteinen mussten die Steine nicht bei hohen Temperaturen gebrannt werden, vielmehr härteten sie sogar bei jahreszeitlich schwankenden Aussentemperaturen aus. Damit konnte sich Eduard Rey die hohen Kosten für den Bau und den Betrieb einer Ofenlinie sparen. Die gute natürliche Dämmwirkung überzeugte Baumeister in der näheren Umgebung, welche die Steine deswegen gern verbauten.

Eduard Rey hatte grosse Pläne. So liess er eine Rollwagenbahn anlegen, mit der auf Schienen in kleinen Loren der Kalktuff in die kleine Fabrik hochgezogen wurde. Die Feldbahn mass rund 150 Meter Länge und querte einen Landwirtschaftsweg. Deswegen war Eduard Rey immer wieder im Austausch mit dem Gemeinderat, der sich um die Sicherheit der Rollwagenbahn sorgte. 

Mehrere Besitzerwechsel
Eduard Rey kämpfte nicht nur mit behördlichen Vorschriften, sondern ebenso mit Schwierigkeiten, wie sie viele Jungunternehmer kennen. Nach rund zwei Jahren Betrieb bezahlte ein Baugeschäft eine grössere Lieferung Isolierbausteine nicht und brachte die Firma damit in finanzielle Schieflage. Eduard Rey sah sich gezwungen, sein Geschäft zu verkaufen, und wandte sich wieder dem Freilandgemüse in seinem Hausgarten und auf seinem Pflanzblätz zu.

Neue Besitzer der «Tuffsteinwerke» waren die verschwägerten Paul Zimmermann (1916–1993) und Georg Zehnder (1912–2003). Zimmermann, genannt «Pintejoggi», aus dem Restaurant Frohsinn betätigte sich auch als Gemüsebauer und Erfinder. Es dauerte nicht lang, bis er sich mit Zehnder überwarf, der seit 1941 als Baumeister in erster Linie im Hausbau tätig war. 

Die Landeskarte von 1955 zeugt von der maximalen Ausdehnung der beiden Abbaustellen von Kalktuff in der «Wei» südlich der Fabrik. In der nächsten Ausgabe des Kartenwerks von 1964 fehlt jede Spur der Isolierbaustein-Produktion. (Bild: Swisstopo | AGIS)

Trotz brummender Bauindustrie, um den kriegsbedingten Rückstand aufzuholen, gelang es Zimmermann und Zehnder nicht, den positiven Konjunkturzyklus mit Namen «Koreahoch» für sich zu nutzen. Sie verkauften Grube und Fabrikationsstätte bereits 1953 oder 1954. Der nächste Besitzer war August Küng aus dem Aristauer Ortsteil Birri im Freiamt. Küng blieb ebenfalls glücklos. Gegen Ende der Fünfzigerjahre gab er die Grube in der Wey auf. Bis die Holz­baracke abgebrochen und die Rollbahn zurückgebaut war, dauerte es mehrere Jahre. Die damalige Dorf­jugend nutzte die Gunst der Stunde, entwendete Holzpaletten, um darauf an der Reuss ein Sonnenbad zu nehmen und sie danach zu versenken. Oder sie freute sich am rassigen ­«Rollwägelifahre». 1964 war auch die Fabrikationsstätte verschwunden.

Dass sich mit Tuffstein im 20. Jahrhundert durchaus gutes Geld verdienen liess, bewies ein anderer Birmenstorfer. Rudolf Lehmann (1916–1993) beutete erneut jene andere Lagerstätte an der Tugflue bei der Lindmühle aus, die schon seit der ­frühen Neuzeit aktenkundig ist. Während etwa 20 Jahren lief das Geschäft, bis 1966 der Nationalstrassenbau dem Abbau ein Ende setzte. Die massiven Pfeiler des Reusstalviadukts ­kamen mitten in die Abbaustätte zu stehen.