«Seriöse Filmfestivals gibt es genug»

Mit dem Brugger Salzhaus führt das Filmfestival Brugggore einen dritten Spielort ein – nicht die einzige Neuerung in diesem Jahr.
Die Stadt macht sich parat für ihr Filmfestival. (Bild: sma)

Brugg – Gruselige Augen und ein Kinoprogramm für Genresliebhaberinnen und -liebhaber: Das Filmfestival Brugggore lockt ab dem 21. April wieder zahlreiche Kinofans in die Brugger Altstadt. Festivaldirektor Michel ­Frutig spricht über die Neuheiten und Herausforderungen des Kulturanlasses.

Michel Frutig, welcher Horrorfilm hat Sie zuletzt überrascht?
Der letzte Horrorfilm, der mich im Kino wirklich begeistert hat, war «Weapons» im vergangenen Jahr. ­Extrem packend erzählt und mit ein paar wirklich guten Schockern. Es war insgesamt ein guter Kinosommer für das Genre.

Was ist neu an der 6. Ausgabe des Filmfestivals Brugggore?
Sehr viel. Im Salzhaus wird ein neuer Kinosaal für die fünf Festivaltage eingerichtet, gemütlich mit Loungesesseln und Sofas. Die letztjährigen Gewinner des Publikumspreises «Eye of the Beholder» leiten dieses Jahr einen dreiteiligen Workshop. Aufgrund der Kooperation mit Filmkids werden Gruselfilme gezeigt, die von Kindern und Jugendlichen gemacht wurden. Und es gibt einen kuratierten Kurzfilmblog in Zusammenarbeit mit den Kurzfilmtagen Winterthur.
Wir haben ausserdem zum ersten Mal einen eigenen Markt für Blu-ray-Discs und Sammelobjekte rund um den Horrorfilm. Mit drei Foodtrucks und einem Coffee-Bike holen wir ein erweitertes kulinarisches Angebot und Festivalstimmung auf den Neumarktplatz. Es wurde wirklich in ­allen Bereichen ausgebaut.

Ist die Gastronomie ein wichtiges Thema in Brugg, damit alle Besuchenden versorgt sind?
Wir haben bestes Essen in den ­Kinos selbst, die Pizzas werden hier in Brugg produziert. Wir haben zudem darauf geachtet, mehr Pausen zwischen den Filmen zu programmieren, damit man in Ruhe etwas essen kann.

Wie zufrieden ist man nach sechs Jahren mit dem Festivalnamen – einer Kombination aus «Brugg» und dem englischen «Gore»?
Das muss man vielleicht nach zehn Jahren erneut fragen, ich bin noch ein bisschen hin- und hergerissen. Ich finde den Namen sehr cool, aber vielleicht ist er im internationalen Vergleich zu kryptisch.

In Basel findet Ende Mai erstmals das Fantastic-Shrimp-Festival statt, das sich ebenfalls den Filmgenres Horror und Fantasy widmet.
Ich kannte das noch nicht, sehe es aber entspannt. Zuerst einmal wollen wir ja, dass Filme im Kino gezeigt werden. Wenn jemand ein anderes ­gutes Festival auf die Beine stellt, why not? In den letzten Jahren gab es dafür in der Deutschschweiz nur das Brugggore.

2025 war die erste Ausgabe mit fünf Festivaltagen. Auf der Website steht: «Mehr geht in fünf Tagen einfach nicht rein.» Wie hat der zusätzliche Festivaltag funktioniert?
Sehr gut. Vom ersten Film an ­waren deutlich mehr Leute in den ­Kinosälen als in den Jahren zuvor. Wir sind gespannt, wie es dieses Jahr mit dem Salzhaus als drittem Spielort funktioniert. Bei uns arbeiten weiterhin alle ehrenamtlich, deshalb stossen wir langsam an unsere Kapazitätsgrenzen.

Gibt Ihnen das Salzhaus als dritter Spielort mehr Möglichkeiten?
Damit wollen wir für mehr Abwechslung sorgen und vor allem mehr Filme mehrmals zeigen. Klar, man verpasst nach wie vor die Hälfte des Programms, aber man kann vielleicht besser planen.

Filmkids – ab 12 Jahren oder in ­Begleitung eines Erwachsenen. Was erwartet einen hier?
Die Film- und Schauspielschule Filmkids für Kinder und Jugendliche bietet auch Ferienprogramme und Themenwochen für Schulen an, während deren Kinder selbst Kurzfilme produzieren. In den letzten Jahren entstanden so einige Horrorfilme. Im Sinne der Nachwuchsförderung sind wir mit Filmkids eine Kooperation eingegangen und geben diesen Filmen eine Plattform. Wir hoffen auf Full House bei der Filmkids-Filmvorführung am Samstag.

Michel Frutig in seinem Element. (Bild: zVg)

Es gibt gleich mehrere Partnerschaften, wenn man das Programm durchsieht. Wie wichtig ist das ­kulturelle Miteinander?
Extrem wichtig. Die Partner bringen ausserdem Know-how mit, und ein vielseitiges Programm bietet einen Mehrwert für das Publikum. Sie machen Werbung für uns, wir machen Werbung für sie. Das Filmquiz ist ebenfalls neu in diesem Jahr.

Vor einem Jahr haben Sie im Interview gesagt, dass der Apriltermin nicht ideal für das Filmfestival Brugggore sei.
Die Verteilung der grossen Festivals kann man nicht ändern. Die Herausforderung ist, die Filme auch zu bekommen, gerade mit Blick auf Cannes. Wir haben in diesem Jahr trotzdem über 20 internationale Premieren und Europapremieren im Programm. Aber auch Schweizer Premieren sind für uns natürlich interessant.

Wer ist für die humorvollen Genrebezeichnungen und Filmbeschreibungen im Programm verantwortlich?
Das ist mein Markenzeichen geworden. Es soll Leichtigkeit haben, Spass machen beim Lesen und ein paar Insider-Informationen geben. Ich glaube, seriöse Filmfestivals gibt es genug.

Triggerwarnungen weisen im Programm auf viele schwierige Themen hin. Bei zwei Filmen wird sogar ­explizit auf Femizid aufmerksam gemacht. Wie wichtig ist das Thema für Sie?
Wir nennen es Content-Notes. Ich glaube, es wird immer wichtiger. Unsere Zielgruppe ist äusserst breit, es gibt viele weibliche Horrorfans, und sogar bei uns im Team ist die Verteilung von Frauen und Männern 50 zu 50. Bei der Wahrnehmung von ­Inhalten herrscht in der jüngeren Generation noch einmal ein anderes Verständnis. Gerade Themen wie Sexual Assault (sexueller Übergriff) sollte man nicht plötzlich im Kino ausgesetzt sein. Hingegen möchte man es auch nicht mit den Hinweisen übertreiben.

Gleichzeitig haben Sie einige ­explizite Titel im Programm wie «Deathgasm 2: Goremageddon».
Grundsätzlich lautet das Programm am Filmfestival ja «Fantastic Horror and Beyond», aber das Horrorgenre ist heute extrem breit gefächert. Der Filmklassiker «Nosferatu» (1922) lief im Jahr 2023 am Filmfestival, und dann gibt es aktuell Filme wie «Inferno» (2025), die Themen wie Missbrauch und Frauenfeindlichkeit sehr ernst diskutieren. Man möchte Leichtigkeit bieten, aber ebenso Ernsthaftigkeit. «Fuck My Son» (2025) aus dem Programm ist wirklich eine unterirdische Komödie, aber die, die das interessiert, werden den Film verstehen. Andere sollten ihn vielleicht nicht gucken.

Gibt es Filme, die sogar Sie ­ablehnen?
Bei mir kippt es dann, wenn es wirklich aus gar keiner Perspektive mehr Sinn ergibt. Ich habe den Anspruch, dass Filme inhaltlichen oder künstlerischen Wert haben oder einfach Spass machen. Und in die letztere Kategorie fällt «Deathgasm».

Gibt es Trends im Programm?
Das ist eine ganz schwierige Frage.

Ich habe ein Beispiel: «Dolly» läuft im Programm, inspiriert von «The Texas Chain Saw Massacre» (1974). Aber der Film greift spezifisch einen abstrusen Fetisch auf. Das ist ­etwas, was in den 1970er- und 1980er-Jahren populär war.
Man versucht, die ganze Welt mit dem Programm abzudecken. Was sich zeigt, ist, dass sich Horrorfilme wegbewegen vom stumpfen Splatter hin zum intellektuellen Horror. Die Filme behandeln Trauma oder gesellschaftliche Normen. Es gibt immer mehr Frauen auf den Regiestühlen – sogar im Horror – und in diesem Jahr endlich mehr Werke von Frauen in unserer Selektion. 
Das Genre selbst nimmt an Beliebtheit zu, und damit steigt die Produktionsdichte und -qualität. Dadurch haben wir mehr Auswahlmöglichkeiten beziehungsweise die Qual der Wahl.

Was zeichnet den Wettbewerb in diesem Jahr aus?
Dass wir in diesem Jahr gleich drei europäische Filme im Wettbewerb haben – aus Spanien, Polen und Serbien.

Das Programm zeigt, dass Sie die Leute an das Festival binden wollen, zum Beispiel bisherige Gewinner und einen Schweizer Produzenten. Verfolgt man, was aus den ­Gewinnern des Wettbewerbs geworden ist?
Auf jeden Fall. Man probiert stets zu schauen, wie es bei den Kunstschaffenden weitergeht. Dass Pedro Cristiani (Regisseur) und Marcela Cárdenas-Alvarez (Produzentin) aus Argentinien als letztjähriger Gewinner und letztjährige Gewinnerin wiederkommen, ist sehr cool. Wir sind nach dem letzten Festival in Kontakt geblieben.

Letztes Jahr hatte man Nicolas Cage als Star im Programm. In ­diesem Jahr sind es Liam Neeson und Nick Frost. Benötigt es ­bekannte Schauspieler?
Wir versuchen immer, auch grosse Filme mit bekannten Namen zu bekommen. Mit «Evil Dead Rise» (2023) war das Kino gleich zwei Mal ausverkauft. Allerdings wird mehr und mehr von Streamern produziert, und diese können wir nicht ins Programm ­nehmen.

Wie lief es in diesem Jahr mit den Ticketverkäufen?
Im Vorverkauf «Early Bird» haben wir ein paar Festivalpässe mehr verkauft. Das hilft uns bei der Planung und zeigt das Vertrauen der Besuchenden.

Der «AI Showcase by Omni» soll sich mit Fragen der neuen Technologie auseinandersetzen. Die Filmbranche ist hinsichtlich künstlicher Intelligenz (KI) zum Grossteil sehr kritisch eingestellt. Wie kam es zu dieser Überlegung?
Es gibt kaum ein Thema, das kon­troverser diskutiert wird. Wir wollen mit dem Beitrag den aktuellen Stand in der weltweiten Filmproduktion zeigen, damit die Leute sich selbst ein Bild machen und eine Meinung bilden können. Der Eintritt für den Omni-Showcase ist deshalb gratis. Als Festival sind wir an diesem Thema sehr nah dran. Wir erhalten öfter Filme, bei denen die Spezialeffekte mit KI ­gemacht wurden – in diesem Jahr hat es allerdings keiner in unser Programm geschafft. Die Effekte sind oft noch so schlecht, dass sie stören. Aber früher oder später – oder sogar sehr bald – wird man KI-Effekte wohl häufiger im Kino sehen. Beim Brugggore haben wir uns im direkten und indirekten Festivalbezug gegen den Einsatz von generativer KI entschieden.

Wenn Sie nur einen Film aus dem Festivalprogramm schauen könnten, welcher wäre es?
Ich würde wahrscheinlich «Häxan» (1922) wählen, weil die exklusiv für unser Filmfestival geschaffene Livevertonung vor Ort einmalig aufgeführt wird. Und einer meiner persönlichen Favoriten ist «Flush» (2025) – 70 Minuten lang Spannung und Skurrilitäten mit einem Mann, dessen Kopf im WC feststeckt.

Und was ist für Sie der ideale Kinosnack?
Pizza funghi im Excelsior, dann bin ich happy.

Gibt es noch etwas, was Sie in ­Zukunft beim Festival umsetzen möchten?
Das Brugggore Filmfestival wird 2027 im ähnlichen Rahmen stattfinden, einfach weil wir als Team an unsere Kapazitätsgrenzen kommen. Dass wir Brugg als Stadt noch mehr in das Festival integrieren, wie jetzt mit den Foodtrucks, ist auf jeden Fall ein Ziel. Damit das Filmfestival Brugggore irgendwann einen Volksfest­charakter bekommt.