Vom Bauarbeiter zum Naturheiler

Seit 50 Jahren behandelt René Gehrig Menschen mit Naturheilmethoden. Der einstige Bauarbeiter musste allerdings dazu überredet werden.
René Gehrig im Behandlungszimmer. (Bild: mk)

Zunächst war da gehörige Skepsis. Naturheiler? Magnetopathie? Und dann auch noch Fernheilung im Angebot. Wie soll das funktionieren, und kann das seriös sein?
Aber dann erzählte eine Klientin mit einer Schilddrüsenerkrankung, wie René Gehrig ihr geholfen habe, die Symptome zu lindern. Ein Klient um die 70 Jahre berichtete von einem schneller geheilten Hautleiden und Hilfe bei Schmerzen in Muskeln und Gelenken. «Wenn Gehrig an einer Stelle die Hand auflegt, spüre ich dort Wärme», sagt der Pensionär. «Er pumpt über seine Hände Energie in den Körper.» Eine Frau aus der Innerschweiz reist jeweils mit der Mutter an. Das Asthma der Mutter sei nach einem Jahr fast verschwunden gewesen, berichtet sie, und ihre eigenen schweren Allergien hätten sich auf ein erträgliches Mass gebessert. Vor der Geburt ihres Kindes bat sie Gehrig um Fernunterstützung. «Wenige Stunden nach Einsetzen der Wehen war die ­Geburt vorbei», erinnert sie sich. «Der Arzt sagte hinterher: ‹Ihr beide hattet sehr viel Glück. Die Nabelschnur war um den Hals gewickelt, und es lag eine Fruchtwasservergiftung vor.›» Die Klientin ist überzeugt, dass es nur dank Gehrigs Hilfe glimpflich ausging. Sie vertraut seinen Diensten seit über 40 Jahren.

Auf dem Energiepfad
An einem sonnigen Morgen empfängt Gehrig die «Rundschau» im geräumigen Wartezimmer seiner Praxis. Der freundliche 70-Jährige strahlt Gemütlichkeit aus, nichts an ihm wirkt übersinnlich. Er ist seit 5 Uhr auf den Beinen und hat mit Hund Olga wie fast jeden Tag den «Energiepfad» absolviert, wie er es nennt: eine Spazierstrecke am Rand von Feldern und durch den Wald. «Dort kann die Energie, die ­jeder Mensch braucht, frei fliessen», erklärt er. «In Innenräumen oder im Auto sind wir dagegen wie in einem Käfig.» Dass viele heute viel Zeit drinnen und in beengten Verhältnissen verbringen, hält er für ungesund. «Alle Menschen beziehen die positive Energie über die Fontanellen. Die ­negative Energie sollte über die Fussreflexzonenpunkte abfliessen.» Wo dieser Prozess gestört sei, würden Verspannungen und psychosomatische Beschwerden begünstigt.
Gehrigs am häufigsten angewandte Heilmethode ist, meist in Kombination mit Kraniosakralterapie, die ­Magnetopathie, das Handauflegen. «Das kann man nicht lernen, das ist angeboren», sagt der Gebenstorfer. Er übertrage Energie, die er aus der ­Natur beziehe, auf andere. «Es ist nicht meine Energie, sie fliesst nur durch mich hindurch», sagt er. Er sorge dafür, dass die Energiebahnen wieder in Schwung kämen. Damit fördere er Selbstheilungskräfte und stärke das Immunsystem. «Ganz wichtig: Ich stelle keine Diagnose, gebe keine Präparate ab und ersetze keine ärztliche Behandlung.» Er könne aber den Erfolg anderer Therapien oder die Verträglichkeit von ­Medikamenten unterstützen. Heilsversprechen macht er keine. «Es gibt Dinge, bei denen hilft nur eine Operation: Der Blinddarm muss raus, oder die Erneuerung des Hüftgelenks ist fällig. Und Krebs gehört schulmedizinisch behandelt.»

Im Blick
Gehrig wusste schon früh, dass er eine besondere Begabung besitzt. Bereits sein Grossvater und seine Mutter hätten diese Fähigkeit gehabt, aber aus Furcht vor Ächtung nicht angewandt. Auch er selbst wollte eigentlich nichts davon wissen. Als er in jungen Jahren auf dem Bau arbeitete, sprach ihn jedoch ein Kurgast in ­Baden an: «Sie haben diese magnetischen Energien, das müssen Sie nutzen!» Gehrig wiegelte ab, doch der Kuraufenthalter, ein Churer, meinte, er suche Patienten für ihn. «Drei Wochen später hatte er drei Patienten, schickte mir ein Bahnbillett und einen Fahrplan nach Chur und schrieb: ‹Komm in meine Wohnung, ich hole dich am Bahnhof ab.›» Gehrig liess sich darauf ein und merkte, dass es funktionierte. So fuhr er bald neben seinem Baujob samstags nach Chur, um Menschen zu behandeln. 1976 mietete er in Lengnau eine Einzimmerwohnung als Praxis und sattelte ganz zum Heiler um, danach wechselte er nach Wettingen. 2010 erschien im «Blick» eine Serie über die «besten Heiler der Schweiz», in der auch Gehrig erwähnt wurde. Von da an wurde er überrannt.
Seit 1981 praktiziert er in Gebenstorf. Inzwischen arbeitet er noch 50 Prozent, plus Fernbehandlungen nach Bedarf. Neben der Energiearbeit bietet er Raucherentwöhnung an, für die er verschiedene Methoden kombiniert. So fand auch Daniela R. aus Deutschland zu ihm; eine Kollegin hatte bereits mit Gehrigs Hilfe den ­Zigaretten abgeschworen. «Doch dann kam beim Termin mein Gallenstein dazwischen», erzählt die 48-Jährige am Telefon. Sprich: Der Naturheiler kümmerte sich zuerst um das Problem in der Gallenblase. «Schon nach der ersten Behandlung war es besser», sagt R., «nach drei Behandlungen machte mir der Stein keine Pro­bleme mehr.» Die Raucherentwöhnung holte sie später nach.
Am meisten beeindruckt hat sie eine Fernheilung nach einem Seminar, von dem sie morgens mit schweren Erkältungssymptomen wegfuhr. Gehrig habe ihr am Telefon versprochen, sich darum zu kümmern. «Die Fernheilung läuft über Konzentration, wie über Funkwellen», erklärt er; er sei der Sender, die Klientin die Empfängerin. Daniela R. erlebte es so: «Als ich nach vier Stunden Fahrt zu Hause ankam, ging es mir schon viel besser. Am nächsten Morgen war ich gesund.» Sie sei auch skeptisch gewesen, ob das funktioniere, denn es gebe viele schwarze Schafe in diesem ­Metier. «Aber dieser Mann versteht sein Handwerk.»