An diesen Orten steht die Zeit still

Die Welt feiert am 17. Mai den alljährlichen Museumstag. Das Publikum ist auch im Aargau eingeladen, die Vielfalt der Museumslandschaft zu entdecken.
Eduard Spörris «Flösser» (1984) auf der Zollbrücke zwischen Windisch und ­Gebenstorf. (Bbild: sim)

Region – Der Aargau ist ein Kanton der Burgen und Schlösser, aber ebenso der Museen. Etwa 120 sind im Verband Aargauer Museen und Sammlungen zusammengeschlossen, der alljährlich zur Teilnahme am internationalen Museumstag aufruft – in diesem Jahr für den kommenden Sonntag. Eine grosse Zahl der Verbandsmitglieder nutzt die Gelegenheit und gibt Einblick in ihre Gebäude und Sammlungen. Eine vollständige Liste der teilnehmenden Institutionen ist auf aargauermuseen.ch zu finden. Überall ermöglichen engagierte Museumsleute Begegnungen auf Augenhöhe, und viele Museen bieten an diesem Tag zusätzliche Aktivitäten an, besonders auch für Kinder und Jugendliche.

Sozialgeschichtliches Zeugnis
In Schneisingen startet von 13 bis 17 Uhr das Ortsmuseum in die neue Saison. Das Besondere an ihm ist, dass hier ein Bauernhaus zum Museum wurde, das im letzten Jahrhundert über Jahrzehnte keine grossen Veränderungen mehr erfuhr. «In diesem Haus ist die Zeit stillgestanden», sagt Herbert Schwitter, Vorstandsmitglied des Museumsvereins. Eigentümer des Hauses, welches das Ensemble aus Schlössli und Löwenhof arrondiert, ist Franz J. Meng, der den Vielzweckbau mit Wohn- und Scheunenteil dem Verein zur Verfügung gestellt hat. Seit 2013 steht das Gebäude unter Schutz, und die Denkmalpflege schrieb in diesem Zusammenhang: «Der Bau mit seiner intakt erhaltenen Ausstattung und Inneneinrichtung ist ein sozialgeschichtlich und künstlerisch wertvolles Zeugnis.»

Herbert Schwitter in der Küche des musealen Bauernhauses in Schneisingen, die bis in die letzten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts genutzt wurde und unverändert erhalten geblieben ist. (Bilder: bkr)

Was damit gemeint ist, sieht man eindrücklich in der Wohnstube mit ihrem Kachelofen von 1876, in der Schlafkammer oder in der Küche mit ihrem elektrisch und mit Brennholz nutzbaren Kombiherd aus der Zeit um 1950. Der eine oder andere Raum dient rein musealen Zwecken. So ein Zimmer, das an den ersten Dorfladen erinnert, der 1897 im nicht mehr benötigten ersten Schulhaus der Gemeinde eingerichtet wurde. Gezeigt werden Verkaufsartikel und Mobiliar aus vielen Jahrzehnten bis zur Ladenschliessung 1983.
Aus heutiger Warte makaber: Zum Sortiment eines Dorfladens in der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg gehörten beispielsweise Totenhemden. Um solche Details zu sehen und Zusammenhänge zu erkennen, lohnt es sich, an einer der Führungen um 14, 15 oder 16 Uhr teilzunehmen – gratis wie der Eintritt. Angeboten werden zudem Kaffee und Kuchen.

Bözberg und Heraldik
Ein weiteres schmuckes Museum befindet sich in der Gemeinde Bözberg – genauer im Ortsteil Kirchbözberg. Noch unlängst hatte der Verein ein Nachwuchsproblem und konnte seinen Vorstand nicht mehr bestellten. Tempi passati. Neue Leute wurden gefunden und mit dem Geschichtsstudenten Simon Zäuner ein neuer Präsident. In der Scheune eines längst abgebrochenen Sigristenhauses werden nicht nur Geschichten vom kargen Leben der früheren Bewohnenden erzählt. Der Blick der Besucherinnen und der Besucher wird ausserdem auf alltägliche Gegenstände gelenkt, die von grosser Sparsamkeit, aber auch von kunstvoller Handarbeit zeugen.

Vereinspräsident und Geschichtsstudent Simon Zäuner hat einen angesehenen Heraldiker ins schmucke Museum in Kirchbözberg eingeladen, der über die Wappen der ehemaligen Bözberg-Gemeinden spricht.

Der renommierte Heraldiker Markus Reto Hefti – Gestalter von vielen aktuellen Gemeindewappen – hält um 14 Uhr einen Vortrag und steht für Fragen rund um Familienwappen zur Verfügung. «Das Thema Wappen ist in der Gemeinde Bözberg speziell inte­ressant», sag Simon Zäuner. Als die vier Gemeinden Gallenkirch, Linn, Oberbözberg und Unterbözberg 2013 fusionierten, galt es, Abschied von deren Wappen zugunsten des heutigen mit einer Linde und vier Sternen zu nehmen. Linn hatte bereits die Linde im Wappen, aber heraldisch nicht korrekt. Braun der Stamm des Baumes, das ist für Wappenspezialistinnen und -spezialisten ein No-Go. Weshalb? Das wird Markus Reto Hefti erklären und schildern, aus welchen Gründen das damalige Unterbözberg sich 1962 ein neues Wappen schaffen liess. Übrigens: Viele Gemeindewappen entstanden erst 1953 aus Anlass der 150-Jahr-Feier des Kantons Aargau – so jenes von Gallenkirch. Offen ist das Museum von 13 bis 17 Uhr. Es steht ein Kuchenbuffet samt Kaffee bereit, und Kinder können eigene Wappen entwerfen.

Eduard Spörris Werk
Das Museum Eduard Spörri in Wettingen gehört einer Stiftung und verfügt über einen professionellen Kurator. Der ursprünglich aus dem Bündnerland stammende Marc Philip Seidel ist promovierter Kunsthistoriker und betreut die Sammlung sowie die Wechselausstellungen mit einem 20-Prozent-Pensum. «Als Heimat des Werks von Eduard Spörri sind wir ein monothematisches Museum», sagt Seidel über seine Institution. Das Monografische bricht Seidel mit Wechselausstellungen auf. Derzeit sind Arbeiten der kürzlich verstorbenen Künstlerin Gillan White zu sehen.
Eine andere Idee ist, Werke Spörris in neue, überraschende Kontexte zu stellen. So 2024, als Studierende der Schweizerischen Textilfachschule ­beauftragt wurden, Aktzeichnungen Spörris mit ihren Kreationen zu bekleiden. «Akt anziehen», wie das Motto hiess. Daran anknüpfend wird Kindern und Jugendlichen am Museumstag von 14 bis 17 Uhr angeboten, auf Papier gedruckte Silhouetten mit Farbe oder textilem Material zu bekleiden. Ziel ist, Kindern und ihren Eltern den Zugang in die Welt der Kunstmuseen zu ebnen.

Kurator Marc Philip Seidel präsentiert vor dem Museum Eduard Spörri in Wettingen Figurinen, wie sie Kinder im Rahmen des Museumstags selbst gestalten dürfen.

In diese Richtung wird auch mit dem Konzept des «Ängeliwegs» gearbeitet. Jederzeit kann dieser – ausgerüstet mit einem attraktiv illus­trierten Büchlein, das eine Karte umfasst und Informationen liefert – absolviert werden. Als Ergänzung ist eine App verfügbar. Kaufen kann man das Heft im Spörri-Museum und im Museumsshop auf der Klosterhalbinsel. Das ist insofern praktisch, als der zwölf Stationen umfassende «Trail» im Klosterareal beim Zwyssig-Engel, dem Denkmal für den Komponisten der Nationalhymne, beginnt. Zu jeder Skulptur gibt es zudem ein Gedicht von Sophie Haemmerli-Marti (1868–1942). Aus Othmarsingen stammend, war die Schriftstellerin als junge Frau kurze Zeit Lehrerin in Oetlikon (Gemeinde Würenlos). Haemmerlis Gedichte kann man sich während des Rundgangs sogar via Internet vorlesen ­lassen.