Von Avataren und künstlichen Stimmen

CEO Michel Alraun blickt zurück auf die letzten 20 Jahre des Badener Unternehmens, welches Video-Inhalte für Kunden produziert.
Ruhe am Set. (Bilder: zVg)

Baden – Vor 20 Jahren gründeten die Freunde Michel Alraun und Laurent Ulrich in ihrer Wohngemeinschaft die Firma Maybaum Film. Vor der Jubiläumsfeier Ende Mai gibt der Geschäftsführer im Interview Auskunft über die Herkunft und die Zukunftspläne der Filmwerkstatt.

Michel Alraun, 20 Jahre Maybaum Film: Wie hat damals alles angefangen?
Ich habe schon immer Filme geliebt. Während meiner Ausbildung habe ich nebenbei hier in Baden im Kino Linde gearbeitet, damit ich die Filme gratis sehen konnte. Zusammen mit einem guten Freund, wollten wir 1999 den ersten eigenen Kurzfilm drehen. Als Drehort brauchten wir eine Herrentoilette, haben jedoch nur Absagen erhalten. Ein paar Wochen später war ich in Solothurn unterwegs und jemand hat mir die Geschichte vom Maibaum erzählt. Am nächsten Tag ging die Suche nach der Herrentoilette weiter. Ich hatte die Stadt Langenthal am Telefon und habe spontan Maybaum Film als Firmennamen genannt. Dann hat alles geklappt – und der Film lief dann sogar auf ein paar Festivals.
Anfangs 2000 habe ich ein paar Jahre in Bern gelebt und meine heutigen Geschäftspartner Laurent Ulrich und Michel Frutig kennengelernt. Im Jahr 2006 kamen dann kompakte DV-Kameras und leistungsstarke Macs auf den Markt – man konnte also verhältnismässig günstig mit diesen Geräten drehen und schneiden. Es kam damals vieles zusammen und wir wagten den Versuch vom Filmhandwerk leben zu können, was erfreulicherweise bis zum heutigen Tag gut funktioniert.

Aber noch nicht mit dem konkreten Ziel, Werbefilme zu produzieren?
Nein, damals noch nicht. Der Traum war ursprünglich die Fiktion. Ich habe dann aber gelernt, dass Filmschaffen im Auftragsfilm ebenso spannend sein kann, weil man an mehreren Projekten parallel arbeitet. In der Fiktion dauert es oft drei bis vier Jahre von der Idee bis zur Fertigstellung des Projekts. Und am Ende ist es so: Wenn man Kunst macht, schreibt man rote Zahlen, und wenn man Geschäfte macht, dann hofft man auf schwarze Zahlen (lacht).
Wir haben natürlich hin und wieder fiktive Projekte bei Maybaum Film, allerdings keine Spielfilme.

Haben Sie sich damals als Start-up bezeichnet?
Das sind wir immer noch!

Was waren die grossen Veränderungen in der Branche?
​In unserer Branche gab es sehr viele Neuerungen. Hätte man mir vor 20 Jahren gesagt, dass jeder Mensch täglich freiwillig zwei, drei Stunden in sein Handy schaut und es die technische Infrastruktur erlaubt, überall Inhalte zu streamen, dann hätte ich gesagt: niemals.
Ein Beispiel aus der Produktion: Wenn man früher Luftaufnahmen machen wollte, musste man einen Helikopter mieten – 5000 Franken für eine halbe Stunde. Heute haben wir die Drohne immer in der Tasche. Die Professionalität der Menschen macht heute den Unterschied, nicht allein die Technik.

Und wie hat sich der Markt entwickelt?
Früher haben wir Filme wie Firmenportraits gemacht, die hatten eine Spielzeit von 10 bis 15 Minuten. Heute muss alles kürzer und auf allen Kanälen nutzbar sein. In der Kommunikation von Unternehmen hat das Medium Video in den letzten Jahren deutlich an Fahrt aufgenommen. Vor zehn Jahren musste man noch erklären, warum Video ein gutes Format sein könnte. Heute wissen unsere Kundinnen und Kunden, dass sie Video wollen. Sie wissen vielleicht nur noch nicht genau, in welcher Form.
Wir haben noch immer einen Wachstumsmarkt, was aber auch dazu führt, dass Unternehmen Inhalte intern produzieren. Aber ich glaube, dass auch dies langfristig das Geschäft beleben wird.

Was spricht für den Standort Baden?
Wir sind grundsätzlich happy hier. Ich bin ja in der Region aufgewachsen. Zürich ist das Haifischbecken und wir sind am Rand davon. Vor allem sind wir zentral erreichbar und haben tolle Büro- und Produktionsräume. Aber wir haben auch ein kleines Büro in Bern und Zürich, um Termine wahrzunehmen. Die ersten zwei Jahre waren wir noch in Burgdorf angesiedelt.

Wie viele Produktionen laufen bei ihnen im Jahr?
Wir sprechen von etwa 200 Produktionen, die wir im Jahr stemmen. Und dabei arbeiten wir extrem vielseitig – Projekte von 5000 bis 200 000 Franken. Wenn wir mehr Budget haben, dann haben wir meistens auch mehr Drehtage.
Und im Jahr 2026 muss eine Produktion praktisch immer omnichannel-fähig sein. Das heisst, man hat einen Hauptfilm und daraus kann man kürzere Versionen in verschiedenen Formaten für alle Kanäle und in mehreren Sprachen erstellen. Man bekommt also ganze Content-Pakete.

Welche Rolle spielt der künstlerische Aspekt bei den Produktionen?
Die Art und Weise, wie man eine Geschichte erzählt, hat sich seit Anbeginn der Menschheit im Grunde nicht grossartig verändert. Wenn wir im Auftragsfilm arbeiten, müssen wir uns bewusst sein, dass wir immer etwas verkaufen. Hinzu kommt, dass der beste Film nichts nützt, wenn er nicht gesehen wird. Es ist eine Mischung aus Marktbearbeitung, Kreation und Handwerk – was durchaus auch die künstlerischen Aspekte fordert.

Gibt es Produktionen, auf die man heute noch stolz ist?
Ja, sehr viele. Das Coole ist, dass wir für alle Branchen arbeiten dürfen, und ich liebe diese Herausforderung. In den Anfangsjahren war jede Auslandsreise ein Erlebnis. Wir waren mit Maybaum Film in ganz Europa, in den USA, in Indien oder auch in Japan. Und dann gibt es noch die Präventionskampagnen, wie zum Beispiel für Fahrradhelme im Strassenverkehr, wo man tatsächlich einen positiven Unterschied machen kann.

Gab es einen Moment in der Firmengeschichte, wo man gemerkt hat: Es funktioniert, das mache ich jetzt die nächsten 20 Jahre?
Nein. Unser Markt ist sehr schnelllebig, ich weiss nicht, was wir in drei Monaten machen. Das liegt auch daran, weil die durchschnittliche Projektdauer bei uns zwei bis drei Monaten beträgt.

Die Geschäftsleitung von Maybaum Film, von links: Flavio Alraun, Laurent Ulrich, Michel Frutig und Michel Alraun

Was bedeutet es für Sie, die Geschäftsleitung ab 2027 mit Ihrem Bruder zu teilen?
Es freut mich, dass es aus meiner Sicht in der Familie bleibt. Mein Bruder übernimmt schon seit langer Zeit Verantwortung im Unternehmen. Er ist zwölf Jahre jünger und jetzt ist der ideale Moment, um Maybaum in die neue Zeit zu führen. Und dass ich aktuell Geschäftsführer und Präsident des Verwaltungsrats bin, ist ebenfalls nicht ganz optimal.

Generative künstliche Intelligenz (KI) ist aktuell ein grosses Thema in der Industrie. Wie verwendet ihr sie heute?
Ich mache mir schon länger Gedanken zu diesem Thema und nehme an vielen Veranstaltungen teil. Ich würde schon sagen, dass Stand heute KI ein Werkzeugkoffer ist. Und es gibt uns in gewissen Bereichen Möglichkeiten, die wir früher nicht hatten. Auf der kreativen Ebene kann man den Kunden schneller die eigene Vision vermitteln. Und auch bei der Recherche und der Marktanalyse hilft es extrem. Es ist nicht per se immer zeitsparend, aber man kann die Qualität der eigenen Arbeit verbessern.
Und auf der Produktionsseite gibt es beispielsweise neue Formate, die man entwickeln kann. Man kann mit einem kurzen Filmdreh und einer Stimmprobe ganze Avatare erstellen, die in allen Sprachen reden können – ideal für Schulungs- und Erklärfilme.

Und wie viele verschiedene KI-Tools verwendet ihr aktuell?
Aktuell sind es 15. Ich habe zwei Angestellte, die voll in der KI-Bubble drinstecken, und dann prüft man regelmässig, ob ein neues Tool sinnvoll für unsere Arbeit ist oder nicht. Wir sind bei dem Thema auch sehr transparent mit unseren Kunden. Am Ende möchte ich keine Menschen ersetzen, aber in unserer Branche geht schon die Post ab.

Können dabei Handwerke verloren gehen?
Ja, aber ich denke, es ist nicht schwarz-weiss. Es ist eine neue Technologie, die auch ihre Zeit braucht. Vor einem Jahr war zum Beispiel der Stand bei der Spracherstellung noch ein ganz anderer. Auch in der Postproduktion gibt es unzählige Beispiele, alles in allem ist die Geschwindigkeit dieser Technologie beeindruckend.

Sie haben als Vorstandsmitglied der Swissfilm Assocation die neue Berufsprüfung «Multimedia Content Creator» ins Leben gerufen. Was war die Motivation dahinter?
Es gab bisher keinen geschützten eidgenössischen Titel für jemanden, der Ideen entwickelt, filmt und schneidet. Der Prozess für die Einführung hat drei Jahre gedauert und jetzt haben wir diesen neuen Branchen-Standard. Die erste Prüfung findet dann im Januar 2027 statt.

Worauf freuen Sie sich beim Firmen-Jubiläumsfest am meisten?
Ich freue mich einfach, zu feiern und Danke zu sagen. Wenn man das machen darf, was wir hier machen, braucht es am Ende alles: coole Mitarbeitende, coole Kunden, coole Familie und coole Freunde, die einen immer wieder motivieren.