Tarantino auf voller Lautstärke

Linus Brugger hat die Musiksprache von Quentin Tarantino untersucht und zeigt auf, dass der wahre Film oft zwischen den Ohren stattfindet.
Linus Brugger anlässlich des Finales des 60. nationalen Wettbewerbs von Schweizer Jugend forscht in Muttenz. (Bild: Schweizer Jugend forscht)

Veltheim – Anfang Mai verwandelte sich das Finale von Schweizer Jugend forscht in eine Bühne für die klügsten Köpfe des Landes. Unter den 105 prämierten Arbeiten glänzte ein Talent aus der Region: Linus Brugger aus Veltheim sicherte sich eine der begehrten Auszeichnungen. Der 19-jährige Schüler der Neuen Kantonsschule Aarau widmete sich in seiner Arbeit einem faszinierenden Paradoxon der Filmwelt. Während die meisten Zuschauerinnen und Zuschauer den Blick auf die Leinwand richten, konzentriert sich Linus Brugger auf das Gehör. Sein Kerngedanke: «Was wir hören, beeinflusst, was wir sehen.» Mit dieser tiefgreifenden Analyse über die Macht von Musik und Sounddesign überzeugte er die Fachjury auf ganzer Linie.
Die Entscheidung für das Thema fiel ihm nicht schwer. «Ich schaue von klein auf sehr viele Filme, es ist ein grosses Hobby von mir», erklärt er. Da lag es nah, die Leidenschaft zum Projekt zu machen. Dass die Wahl auf Tarantino fiel, hat einen einfachen Grund: Er ist sein Lieblingsregisseur. Doch im Gegensatz zu vielen Fans faszinieren ihn weniger die blutigen Schauwerte, sondern die akustische Ebene. «Ich liebe die Tarantino-Filme gerade wegen der grossartigen Dialo­ge und der ganz eigenen Nutzung von Musik.» Musik spielt auch in seinem privaten Alltag eine Hauptrolle. Er ist eigentlich ständig von Klängen umgeben, sei es allein oder mit Freunden.

Plattensammlung und Drehbuch
In seiner Arbeit wollte er eine umfassende Übersicht über Tarantinos Soundphilosophie schaffen. Überrascht hat ihn dabei vor allem die enorme Informationsdichte der Tonebene: «Man kann enorm viel über Charaktere, ihre Motivation oder sogar über die zukünftige Handlung durch Foreshadowing erfahren.» Ein besonderes Merkmal Tarantinos ist sein unkonventioneller Arbeitsprozess. Während andere Regisseure die Musik erst nach dem Schnitt hinzufügen, beginnt Tarantino oft bei seiner eigenen Plattensammlung. «Er hört die Musik schon während des Schreibens, um den Vibe des Films direkt zu fühlen», erklärt der Maturand. So entstehen sogar eigene «Mixtapes» für die Charaktere, die deren Persönlichkeit akustisch definieren.
Besonders beeindruckt hat ihn die Szene aus dem Western «Django Unchained», in der plötzlich ein Hip-Hop-Track einsetzt. Was oberflächlich wie ein unpassender Genrebruch wirkt, ergibt für ihn auf der Metaebene Sinn: «Der Film behandelt Rassismus und Sklaverei. Themen, die Hip-Hop als Aushängeschild schwarzer Kultur heute zentral thematisiert.» Auch der gezielte Einsatz von Soundeffekten zur emotionalen Steuerung fasziniert ihn. Als Beispiel nennt er den Kampf gegen die Crazy 88 in «Kill Bill». Durch Cartoon-artige Klänge, wie man sie aus «Looney Tunes» kennt, wirkt die Gewalt zunächst abstrakt und fast lustig. Doch sobald die Protagonistin selbst verletzt wird, wechselt der Sound ins Realistische. «In diesem Moment fühlt man als Zuschauer plötzlich den Schmerz und entwickelt echtes Mitgefühl.»

Herausforderung der Analyse
Methodisch war die Arbeit ein regelrechter Kraftakt: Internetrecherche, Podcasts, intensive Szenenanalysen und eine eigene Befragung flossen in das Projekt ein. «Da es bei diesem Thema keine offiziellen Lösungen gibt, war es schwer, all diese Ansätze sinnvoll einzubinden und dennoch eine klare Antwort zu liefern», gesteht er rückblickend. Am Ende hat er seine Ergebnisse sogar in einem Videoessay verfilmt. Ein Format, das ihm deutlich mehr Spass machte als das reine Schreiben, da er seine Erkenntnisse dort direkt veranschaulichen konnte.
Hat die intensive Beschäftigung sein eigenes Sehverhalten verändert? «Tatsächlich nicht wirklich», gibt er schmunzelnd zu. «Um keine Details zu verpassen, müsste ich den Film alle paar Sekunden stoppen.» Dennoch ist ihm bewusst geworden, dass Bild und Ton keine getrennten Kunstformen sein sollten, sondern erst im Zusammenspiel ihre stärkste Wirkung entfalten.
Obwohl ihn die Filmwelt beruflich reizen würde, sieht er seine Zukunft eher im Hobbybereich. Die Aussichten in der Schweizer Filmbranche schätzt er realistisch ein. Privat bleibt er jedoch kreativ, sei es beim Sport im Turnverein Veltheim, bei der Analogfotografie oder eben im Kino. Und falls er Quentin Tarantino jemals persönlich treffen sollte, hätte er eine ganz pragmatische Frage parat: «Können Sie mir Kontakte vermitteln, damit ich einen eigenen, grossen Film umsetzen kann?» Bis dahin lebt er nach seinem persönlichen Motto, das gut zu einem Regisseur passt: «Sei die Regie in deinem eigenen Film, statt nur ein Statist in der Vorstellung anderer.»