Brugg – Mit scharfer Zunge und spitzer Feder. Privat sei sie ein stiller Mensch, und sie behalte ihre Gedanken bei Diskussionen eher für sich, sagt Johanna Ruoff. Auf der Bühne zeigt die 20-jährige Slam-Poetin eine ganz andere Seite von sich. Hier bringt sie präzis, reflektierend und bisweilen durchaus bissig auf den Punkt, was sie bewegt. Nun hat Johanna Ruoff einen ganz besonderen Auftritt vor sich: Sie wird vor grossem Publikum an der Morgenfeier des Jugendfestes in Brugg eine Rede halten. Dabei will sie den jungen Menschen Mut machen, für ihre Anliegen einzustehen und sich nicht von Erwachsenen die Welt erklären zu lassen.
Johanna Ruoff, Sie haben an der Vernissage der «Neujahrsblätter» im Winter im Salzhaus einen Slam zur Stadt Brugg präsentiert. Darin kam die Liebe zu Ihrer Heimatstadt zum Ausdruck, aber auch Kritik. Wie würden Sie Ihr Verhältnis zu Brugg umschreiben?
Ich lebe sehr gern in Brugg. Hier bin ich aufgewachsen, hier wohnen viele meiner ältesten Freundinnen und Freunde und meine Familie, und ich kenne mich hier bestens aus. Doch gerade für junge Menschen wie mich gibt es hier nicht genügend spannende Angebote, was zum Beispiel Konzertanlässe, Clubs und Bars betrifft. Und als Kleinstadt ist Brugg doch sehr verschlafen und nicht immer offen für Veränderung. Deshalb bin ich froh, ab und zu aus Brugg herauszukommen, und freue mich besonders darauf, bald mit dem Studienbeginn eine neue Stadt zu entdecken. Aber ich werde bestimmt immer wieder zurück nach Brugg kommen.
Was gefällt Ihnen an Brugg besonders – und was gar nicht?
Man findet die wichtigsten Dinge für den Alltag schnell in zahlreichen Geschäften, und es gibt viele Cafés, Schulhäuser, Sportvereine und Kulturhäuser. Man lernt schnell Menschen kennen, hat aber trotzdem genügend Privatsphäre. Brugg hat ausserdem einen tollen Anschluss ans ÖV-Netz. Ich kann schnell und häufig nach Aarau, Bern, Basel oder Zürich reisen und komme spätabends noch gut nach Hause. Nachdenklich stimmt mich dagegen der Umgang mit asylsuchenden und suchtkranken Menschen in der Stadt. Einige Politikerinnen und Politiker machen sie zu Sündenböcken und wollen sie vertreiben. Für mich ist klar, dass wir die Betroffenen aufnehmen und ihnen ein würdevolles Leben ermöglichen müssen. Dafür benötigt es Infrastruktur und Angebote wie Konsumräume, Notschlafstellen und Integrationsanlässe. Leider sehen aber die meisten lieber weg und wollen nicht wahrhaben, dass diese Menschen zu unserer Stadt gehören.
Um Slam-Poetry zu verstehen und zu ertragen, braucht es Humor und gelegentlich ein dickes Fell. Sind die Bruggerinnen und Brugger damit ausgestattet, oder beissen Sie mit Ihren Slams in der Region bisweilen auf Granit?
Bisher hatte ich noch nicht sehr viele Auftritte in der Region. Im Aargau gibt es leider nur wenige Poetry-Slam-Veranstaltungen, deshalb reise ich dafür in der ganzen Deutschschweiz herum. Aber bei meinen wenigen Auftritten in Brugg habe ich stets positives Feedback erhalten. Mein Text über Brugg, den ich an der Vernissage der «Brugger Neujahrsblätter» vortragen durfte und in dem ich auch Kritik an der Stadt anbrachte, kam sogar beim Stadtrat gut an. So bekam ich schliesslich die Anfrage, die diesjährige Jugendfestrede zu schreiben. Das zeigt mir, dass die Bruggerinnen und Brugger durchaus kritikfähig und offen sind.
Sind Sie persönlich eine reine Beobachterin oder sogar ein politischer Mensch?
Ich würde sagen: beides. Ich war schon immer ein stiller Mensch und behalte meine Gedanken bei Diskussionen mit anderen eher für mich. Dafür beobachte ich meine Umgebung und meine Mitmenschen genau und bin sehr aufmerksam. Es beschäftigt mich, was in der Welt passiert. Wenn bei politischen Entscheiden Menschenrechte eingeschränkt werden oder klimapolitische Anliegen keine Chance haben, dann macht mich das hässig, und ich fühle mich ohnmächtig. Sehr oft halte ich mich aber mit meiner Meinung zurück aus Angst vor Diskussionen und Konflikten. Für mich einzustehen und meinen Platz einzunehmen, fällt mir manchmal nicht leicht. Aber es gelingt mir immer besser, und so zeige ich auch in meinen Texten auf der Bühne Haltung.
Sie halten an der Morgenfeier die grosse Festrede. Was werden Sie der Brugger Jugend sagen?
Mir ist es wichtig, die jungen Menschen zu ermutigen, dass ihre Gedanken, Ideen und Sorgen wichtig sind. Sie werden oft nicht gehört oder ernst genommen. Ich möchte ihnen Mut machen, dass sie für ihre Anliegen einstehen und sich nicht von Erwachsenen die Welt erklären oder einschränken lassen sollen. Als Kind fand ich die Festrede an der Morgenfeier furchtbar langweilig. Das hatte damit zu tun, dass die Rednerinnen und Redner viel älter und sehr weit von meiner Lebensrealität als Schulkind entfernt waren. Umso mehr freue ich mich, dass der Stadtrat entschieden hat, dieses Jahr eine junge Person für die Jugendfestrede anzufragen. Das sollte immer so sein. Wenn es schon ein Fest für die Jugend ist, sollten junge Menschen auch bei der Festrede eine Plattform erhalten.
Sie werden Ihren Auftritt vor Tausenden Jugendlichen und Erwachsenen haben. Macht Sie das nervös, oder sind Sie auf der Bühne bereits mit allen Wassern gewaschen?
Ich bin vor jedem Auftritt nervös, egal ob vor grossem oder kleinem Publikum. Das bringt man wohl nie ganz weg. Aber Nervosität ist auch etwas Schönes, weil sie zeigt, dass mir dieser Auftritt und das Publikum wichtig sind. Vor so vielen Menschen in Brugg aufzutreten, ist aber nochmal spezieller, weil ich viele von ihnen kenne und dadurch eine viel engere Bindung zum Publikum habe. Ausserdem wurde ich schon von einigen Bekannten in der Stadt angesprochen, die mir erzählten, dass sie gespannt auf meine Rede seien. Hier ist die Nervosität dementsprechend grösser als bei anderen Auftritten.
In welchem Setting und vor wie vielen Leuten treten Sie normalerweise auf?
Das ist sehr unterschiedlich. Meist trete ich an Poetry-Slams auf. An diesen Wettbewerben treten mehrere Poetinnen und Poeten mit ihren Texten gegeneinander an, und das Publikum bewertet danach die Performance. Manchmal sind 30 Personen im Publikum, manchmal 600, wie diesen Frühling beim Finale der Schweizer Meisterschaft im Poetry-Slam in Bern. Letzteres ist aber definitiv die Ausnahme. Immer wieder werde ich für Auftritte an Festen und Versammlungen angefragt, bei denen ich als Teil des Programms Texte aus meinem Repertoire oder eigens für den Anlass geschriebene vortragen darf.
Ist Ihr Publikum sehr jung? Beziehungsweise: Ist Slam-Poetry an sich etwas für Junge?
Das Publikum setzt sich je nach Auftritt und Ort unterschiedlich zusammen, bei vielen Poetry-Slam-Events ist das Publikum mittelalt, aber bei Wettbewerben an Schulen meist deutlich jünger. Slam-Poetry ist nicht prinzipiell etwas für Junge, sondern richtet sich an alle Altersgruppen.
Was macht Slam-Poetry für Sie speziell? Warum sind Sie nicht zum Beispiel Schauspielerin oder Kabarettistin geworden?
An Slam-Poetry gefällt mir besonders, dass das Genre so offen ist für alle möglichen Themen, Performances und Textformen. Von Gebrauchsanweisungen für Alltagssituationen über fiktive Tagebucheinträge von Promis bis zu tiefgründiger Lyrik trifft man auf der Bühne alles an. Wenn ich mit anderen Poetinnen und Poeten zusammen an Wettbewerben auftrete, treffe ich jedes Mal neue und altbekannte Gesichter aus der Szene. Die Stimmung im Backstage ist immer so herzlich: Man schaut, dass sich alle wohlfühlen, macht sich gegenseitig Mut und freut sich über gelungene Auftritte der anderen. Grundsätzlich bin ich dem Kabarett oder dem Schauspiel aber nicht abgeneigt, bei beiden Kunstformen gibt es Überschneidungen zu Slam-Poetry. Slam-Poetry war bei uns Thema im Deutschunterricht an der Kantonsschule, und so bin ich ins regelmässige Textschreiben und Auftreten hineingerutscht. Das hat sich zufällig so ergeben, sodass ich mir gar nie richtig überlegt habe, dass ich auch Schauspielerin oder Kabarettistin hätte werden können. Wer weiss, vielleicht probiere ich mich in Zukunft in diesen Kunstformen aus.
Woher kommen Ihnen für Ihre Slam-Poetry die Ideen?
Ich lasse mich für meine Texte gern von meinem Alltag und von Begegnungen mit Menschen inspirieren. Daraus entstehen dann humoristische Texte, bei denen ich alltägliche Situationen ins Absurde verdrehe, oder politischere Texte, die von Anliegen handeln, die mich beschäftigen. Oft versuche ich, gesellschaftliche Phänomene mit Humor zu verbinden, und wähle ungewohnte Perspektiven, um sie an mein Publikum heranzutragen.
Wie arbeiten Sie die Ideen aus? Haben Sie fixe «Arbeitszeiten» und sitzen vor einem leeren Blatt, oder schreiben Sie einfach, sobald Sie die Muse küsst?
Fixe Arbeitszeiten funktionieren für mich beim Schreiben nicht sehr gut. Wenn ich eine Idee für einen Text habe, muss ich sie gleich aufschreiben, sonst ist sie wieder weg. So habe ich eine ganze Liste mit Textideen, die ich gern noch umsetze würde. Meistens schreibe ich einfach, wenn ich gerade Lust dazu habe und inspiriert bin. Wenn ich einen neuen Text beginne, spüre ich schnell den Druck, dass alles, was ich schreibe, auf Anhieb perfekt sein muss. Davon muss ich mich immer wieder lösen und einfach mal drauflos schreiben. Erst notiere ich alles, was mir gerade zu einem Thema einfällt, und dann füllt sich das Blatt schnell. Anschliessend suche ich die spannendsten Ansätze heraus und entwickle sie schrittweise weiter. Oft unterschätze ich, dass ein guter Text viel Zeit braucht. Genauso wichtig wie das Schreiben ist, dass man Abstand nimmt vom Text und ihn ruhen lässt. Wenn man ihn später wieder durchliest, hat man plötzlich ganz neue Ideen, in welche Richtung man weiterarbeiten könnte.
Können Sie von Slam-Poetry leben, oder gibt es für Sie daneben einen Berufsalltag?
Die Häufigkeit meiner Auftritte und die Gage reichen nicht, um vollständig davon leben zu können. So geht es vielen Slam-Poetinnen, die wenigsten können ihre Kunst zum Beruf machen. Mit der Gage von Auftritten und dem Schreiben von Auftragstexten verdiene ich mir aber etwas Geld dazu. Zurzeit bin ich im Zwischenjahr nach der Matura und versuche mich als Radioreporterin und -moderatorin. Erst war ich drei Monate lang Praktikantin beim SRF Regionaljournal Aargau Solothurn, dann wechselte ich den Sender, und nun mache ich ein radiojournalistisches Praktikum bei Kanal K. Die journalistische Arbeit verlangt mir viel ab, doch ich finde es faszinierend, jeden Tag neue Menschen und ihre Geschichten kennenzulernen und sie zu erzählen. Im Herbst beginne ich an der Universität Basel, Deutsch und Musikwissenschaften zu studieren.