Baden – Zu einem Theater, das wachsende Zuschauer- und Abozahlen aufweist, passt die Broschüre zur Saison 2026/2027. Grün-violett ist der Mantel, weiss sind die Seiten für das kuratierte Programm mit über 60 Produktionen, davon zwei internationale Koproduktionen. Schwarz sind jene Seiten, die auf eine Besonderheit hinweisen: Das Kurtheater Baden wird am 22. März des kommenden Jahres 75 Jahre alt. Der Geburtstag wird mit Inszenierungen aus dem Ausland und aus St. Gallen gefeiert. Das ist nur folgerichtig, denn bis 1977 bespielte das Ensemble des damaligen Stadttheaters St. Gallen das Kurtheater im Sommer – und genoss in dieser Zeit Heimatrecht in der Bäderstadt.
Was liegt da näher, als das Theater St. Gallen mit Barbara-David Brüeschs opulenter, schweizerdeutschen Inszenierung des Dürrenmatt-Klassikers «Der Besuch der alten Dame» mit Heidi Maria Glössner nach Baden zu holen. Zu ihr und noch zu vielen anderen Inszenierungen kann man – wie auf dem Umschlag vorgeschlagen – «Ja oder Nein?» sagen. Ein Balanceakt bleibt es allemal – auch für das Kurtheater, das sich für dieses Spielzeitmotto entschieden hat.
Am 22. März, auf den Tag genau 75 Jahre nach der Eröffnung des Kurtheaters, gastiert das Schauspielhaus Bochum mit «Romeo und Julia, allerdings … », einer mit Musik angereicherten, entstaubten Version des Shakespeare-Klassikers, in Baden.
Muss man Stefanie Reinsperger vorstellen? Kaum. TV- («Tatort») und Theaterfans lieben die österreichische Schauspielerin gleichermassen. Nun hat sie sich Peter Handkes «Selbstbezichtigung» einverleibt. Der Monolog ist ein Sprachstrom und besteht nur aus Fragen. Man darf gespannt sein auf dieses Solo, das wohl Erinnerungen an jenes fulminante «Laios» mit Lina Beckmann wachrufen wird: Für Uwe Heinrichs, den künstlerischen Direktor des Kurtheaters Baden, war Letzteres ein Highlight der Saison 2025/2026. Für das Jubiläum bekommt das Kurtheater zusätzliche 10 000 Franken von der Stadt Baden und 50 000 Franken vom Swisslos-Fonds. Damit sind für die kuratierten Vorstellungen rund 680 000 Franken budgetiert.
Neue Eigenproduktion geplant
Das Jubiläumsprogramm ist das eine, der «normale» Spielplan das andere. Auch in der nächsten Saison wagt sich das Kurtheater an eine neue Eigenproduktion. In «Konstellationen» stehen zwei Schauspielende auf der Bühne, die sich schon lang kennen, aber lang nicht mehr gemeinsam aufgetreten sind: Anna Grisebach, mitunter bekannt aus «Prima Facie», und Johann Jürgens, der zuletzt mit «Die Welt im Rücken» in Baden zu sehen war.
Diese Produktion soll nicht nur in Baden, sondern auch auswärts gespielt werden: Andere Theater sind längst auf den Geschmack gekommen und laden bisherige Eigenproduktionen wie «Der Kurgast», «Der Spieler» oder «Prima Facie» immer wieder gern für Gastauftritte ein.
Noch vor dem Auftakt zur neuen Spielzeit am 16. Oktober mit Lot Vekemans «Blind» (Juliane Köhler und Manfred Zapatka) lockt im September ein Amuse-Bouche: «Spiel mir das Lied von Baden» – High Noon mit Männern, Ponys und anderen schrägen Gestalten. Kein Verschrieb. Der Tod spielt in diesem Titel, anders als im epischen Western von Sergio Leone, keine Rolle. Ergo, so die Vermutung, darf (auch) gelacht werden.
Tanz und Hochkultur
Wer erinnert sich nicht an Thorsten Lensings Inszenierung «Verrückt nach Trost» (2024)? Nun kommt der Regisseur zurück: «Tanzende Idioten» vereint Texte von Denis Johnson mit Originalzitaten der Nasa-Apollo-Missionen zum Mond. «Am liebsten hätte man mitgetanzt», schrieb die «Berliner Morgenpost» dazu. Überhaupt der Tanz. Das Stück «Dive» der Genfer Beaver Dam Company (2024) bleibt unvergessen. Nun stellt deren Gründer Edouard Hue unter dem Titel «L’Oiseau de feu» eine neue Choreografie vor, die das Kurtheater mitproduziert.
Auch der spanische Flamenco-Tänzer David Coria ist ein gern gesehener Gast in Baden, diesmal mit «Babel. Torre Viva». Coria war 2025 Don José in Filipe Portugals «Carmen»-Choreografie in der Klosterkirche Königsfelden. Die damalige Carmen, Giulia Tonelli, wird ebenfalls im Kurtheater (nicht im kuratierten Programm) Station machen – gemeinsam mit den Chaarts in einer intimen Produktion. Oper? Klar. «Carmen» und «Falstaff». Von Verdi! Nein. Dieser Komponist heisst Michael William Balfe: Er war Ire, Opernsänger und Bekannter von Rossini. Kurz: Mit
der Schweizer Erstaufführung dieses Belcanto-Falstaff landet das Theater Orchester Biel Solothurn einen Volltreffer.