Der steinige Weg zur Weltspitze

Die Badener Ruderin Olivia Nacht lebt ein Leben, das von Disziplin, Leidenschaft und unerschütterlichem Durch­haltewillen geprägt ist.

Baden – Früh wurde Olivia Nacht klar, dass Rudern für sie kein blosser Zeitvertreib ist. Der Moment, der alles veränderte, kam beim Coupe de la Jeunesse 2016, als die Sportlerin 16 Jahre alt war. «Dort konnten meine Ruderpartnerin Lisa Lötscher und ich eine ­Medaille gewinnen. Da wusste ich, dass ich auf internationalem Niveau mithalten kann», erinnert sie sich.
Aus dem Hobby wurde ein Lebensstil, geprägt von Trainings, Regenerationsphasen, Wettkämpfen, Ernährung, langen Tagen am Stützpunkt Sarnen und einer Gemeinschaft, die sie heute als ihre zweite Familie beschreibt. «Kurz vor dem Start versuche ich, mir nochmal bewusst zu ­machen, dass ich für diesen Moment sehr viele Trainingsstunden investiert habe und gut vorbereitet bin. Dieses Vertrauen in die eigene Arbeit gibt mir Sicherheit», erklärt die 26-Jährige.

Momente, in denen alles passt
Olivia Nachts Weg vom Ruderclub ­Baden ins Schweizer Nationalkader war kein Zufall, sondern das Ergebnis jahrelanger Arbeit. Bereits als Jugendliche gehörte sie auf dem Ergometer zu den Besten. «Dank der Unterstützung im Ruderclub Baden konnte ich mich technisch schnell weiterentwickeln», erzählt sie. Im Jahr 2016 folgte der erwähnte erste Wettkampf auf internationaler Bühne. Seit diesem Erfolg ist Olivia Nacht Teil des Schweizer Nationalkaders.
Ein weiterer Schlüsselmoment in ihrer bisherigen Karriere war der U23-Europameistertitel im Leichtgewichts-Doppelzweier, zusammen mit Ruderpartnerin Chiara Cantoni. «Dort hat zum ersten Mal wirklich ­alles zusammengepasst», sagt die ­Ruderin. «Dieser Titel hat mir das Vertrauen gegeben, dass ich auf diesem Niveau bestehen kann.»

Leidenschaft über Müdigkeit
Doch Leistungssport bedeutet auch Verzicht. Während andere am Wochenende ausschlafen, beginnt Olivia Nachts Tag um 7.15 Uhr mit dem Warm-up. Danach folgen Wassertraining, Krafttraining und Ergometereinheiten – insgesamt bis zu 30 Stunden pro Woche. «Training und Regeneration haben Priorität. Vieles andere muss darum herum geplant werden», erklärt Olivia Nacht, die mit der Situation umzugehen gelernt hat. «Eine meiner Stärken war schon immer, nicht zu viel zu überlegen, sondern Dinge einfach anzupacken.»
Gleichzeitig studiert sie Medizin an der Universität Bern. Eine Kombination, die nur mit eiserner Disziplin funktioniert. «Oft besteht mein Alltag fast nur aus Training und Lernen. Aber ich sehe es als Privileg, beides machen zu dürfen», so die Spitzensportlerin. Auch Rückschläge gehören dazu, und Olivia Nacht spricht offen darüber: «Wichtig ist, nicht zu lang in negativen Gedanken hängen zu bleiben. Schwierige Phasen helfen oft, sich weiterzuentwickeln. Sportlich, aber ebenso persönlich.» Ein Mentalcoach hat ihr geholfen, mit Druck umzugehen und Vertrauen in die eigene Vorbereitung zu finden.

Blick auf Olympia
Vor zwei Jahren verpasste Olivia Nacht die Qualifikation für die Olympischen Spiele, reiste aber trotzdem nach Paris. «Die Atmosphäre dort war unglaublich. In diesem Moment wurde mir noch klarer: Dort möchte ich eines Tages selbst an der Startlinie stehen», sagt sie rückblickend. Der Weg dorthin ist aber höchst anspruchsvoll. Nachdem das Olympische Komitee die Leichtgewichtskategorie im Rudern aus dem Programm gestrichen hatte, musste sich Olivia Nacht neu orientieren und entschied sich für die offene Klasse, die keine Gewichtsgrenzen kennt. «Ich habe diese Entscheidung keinen einzigen Tag bereut», beteuert sie. Nun startet Olivia Nacht an der Weltmeisterschaft 2027 in Luzern im Doppelvierer, wo sie sich die Qualifikation für die Olympischen Spiele 2028 in Los Angeles sichern will. Was sie antreibt, ist nicht nur der Erfolg, sondern es geht ihr auch um die Freude am Prozess. «Ich denke nicht immer alles zu viel durch. Ich bleibe einfach dran. Sogar wenn eine Phase nicht optimal läuft», sagt die Sportlerin von sich selbst. Unterstützung bekommt sie dabei von ihrer Familie, ihrem Freund und vom Ruderclub ­Baden. «Dort hat alles begonnen. Dieses Gefühl von Heimat bedeutet mir sehr viel», betont sie.
Wenn Olivia Nacht einmal frei hat, geniesst sie die einfachen Dinge des Lebens: ein ausgedehntes Frühstück, Zeit in der Natur, ein Abend mit Freunden oder ihrem Partner. «Gerade die ruhigen Momente bedeuten mir im intensiven Alltag besonders viel.»