Vom Pferderücken auf die Bühne

Vor 40 Jahren fing alles mit einer kleinen Rolle an. Ab dann wurde die Theaterbühne zum festen Bestandteil in Barbara Lüschers Leben.
Abseits des Rampenlichts geniesst Lüscher die Zeit mit ihren Pferden. (Bild: ub)

Lengnau – Sie war schon Magd, Haushälterin und Putzfrau. Als lebenslustige Seniorin gründete sie zuletzt im Stück «Huusfründe» eine Alters-WG. Sogar als Geist schwirrte sie auf der Bühne herum oder buhlte als Teufelin mit einem Engel um die Seele eines Unfallopfers. Barbara Lüscher hat in ihrem Leben schon viele Rollen gespielt. 2026 feiert sie ihr 30-Jahr-Jubiläum im Theaterverein Lengnau. Vorher war sie 10 Jahre lang an den jährlich stattfindenden musikalischen Theaterabenden des Männerchors Freienwil zu sehen. «Einmal musste ich eine sexsüchtige Frau darstellen. Meine Stimme sollte verrucht klingen, und die Regie hatte ziemlich viel Arbeit mit mir», sagt die bodenständige 56-Jährige im Rückblick auf ihre Theaterkarriere schmunzelnd.
Nächstes Jahr mimt sie im Stück «Hoorigi Zyte» eine Coiffeuse, deren Ehemann bei der Steuererklärung getrickst hat. Als der Buchprüfer kommt, der zufällig auch noch ihr Ex-Freund ist, nimmt das Chaos seinen Lauf. Es ist typischer Stoff für eine Komödie mit zahlreichen Verwicklungen. Lüscher liebt es, die Leute zu erheitern und für einen Moment den Alltag vergessen zu lassen. «Wenn die Leute während der Vorstellung herzhaft lachen können und einen tollen Abend haben, bin ich glücklich», meint sie.

Lampenfieber und Texthänger
1986 stand Barbara Lüscher in Freienwil erstmals auf einer Bühne. Der Theatervirus habe sie sofort gepackt, obwohl ihr Lampenfieber gigantisch gewesen sei, und sie bis heute immer noch plagt. Doch mittlerweile weiss sie auch, dass es ihr den nötigen Adrenalinkick gibt, um immer das Beste zu geben. In die Schauspielerei ist sie autodidaktisch hineingewachsen. Die Rollen wurden mit der Zeit immer grösser. Im Stück «Irgendwo im Nirgendwo» hat sie als «Frau Düvell», die aus der Hölle kommt, einen rund 30-minütigen Dialog um Gut und Böse eines Menschen mit dem vom Himmel abgesandten «Herrn Engelen». Soviel Text zu lernen, ist ganz schön happig. «Meist lese ich das Drehbuch zuerst mehrere Male durch. Dann streiche ich meine Rolle mit Leuchtstift an. Mit der Zeit decke ich immer mehr meiner Zitate ab, bis ich mir alle auswendig eingeprägt habe», erklärt sie ihre Vorgehensweise. Schwierige Passagen nimmt sie auf Band auf und hört sie immer wieder, bis alles sitzt.
Die Proben in der Lengnauer Mehrzweckhalle Rietwiese, wo auch die Aufführungen stattfinden, fangen jeweils Ende August an und dauern bis zum darauffolgenden Januar. Zweimal die Woche nehmen sie Lüscher in Beschlag. «Manchmal ist das neben all den beruflichen und privaten Engagements herausfordernd. Aber das Theaterspielen gibt mir eine enorme Zufriedenheit. Es ist einfach wunderschön, mit anderen Leuten gemeinsam etwas zu erschaffen und auf die Bühne zu bringen. Die Kameradschaft in unserem Verein ist gross», sagt die Aktrice. Auch Pannen hat sie schon erlebt. Sie erinnert sich an einen Texthänger in ihrer Rolle als Cüpli-Tante auf einem Kreuzfahrtschiff. «Das Publikum schaute mich gebannt an, und ich hatte ein totales Blackout. Sekunden kamen mir da wie Stunden vor», gesteht sie und kann heute darüber lachen.

Barbara Lüscher im Januar auf der Bühne. (sma)

Ende einer Ära
Lüscher wurde 1970 in Freienwil geboren. Dort führten ihre Eltern eine Postfiliale. «Ich bin sozusagen mit gelben Blutkörperchen auf die Welt gekommen», meint sie und strahlt. 40 Jahre war sie selber am Postschalter tätig – die längste Zeit davon in Ehrendingen. Danach ging sie neue Wege. Heute arbeitet sie halbtags auf dem Bauernbetrieb Loohof in Endingen, der sich auf nachhaltige Fleischproduktion von Tieren aus artgerechter Weidehaltung spezialisiert hat. Daneben führt sie mit ihrem Mann Bruno, einem eidg. dipl. Reitlehrer, das im Jahr 2000 gegründete Pferdezentrum Rossweid in Schneisingen. Neben Reitstunden steht auch ein Pensionsstall mit 43 Boxen für die Unterbringung und Pflege der Tiere zur Verfügung.
Diese Ära geht aber Ende November 2026 zu Ende. «Das von uns gepachtete Anwesen soll abgerissen und komplett überbaut werden, deshalb müssen wir raus», bekundet Lüscher. Für sich haben sie ein neues Domizil im Weiler Degermoos oberhalb von Lengnau gefunden. «Für unsere Pferde suchen wir noch eine Lösung», meint sie. Sie planen, auch zukünftig sechs oder sieben eigene und bei ihnen untergebrachte Pferde zu versorgen. Langweilig wird es Barbara Lüscher in ihren vielen Funktionen nicht. Auch wenn sich ihr Leben zwischen Freienwil, Schneisingen und Lengnau bisher in einem relativ kleinen Radius abgespielt hat, sagt sie: «Ich bin damit komplett zufrieden und glücklich.» Und sie hat ja noch die Schauspielerei, die sie immer wieder weit über ihr eigenes Leben hinausträgt.